himmellos

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Das ist mein Favorit. Der Verzückte. Er steht in einer Pfütze und sieht eben gerade den Himmel über sich aufgehen. Ein Hund, der seinem Herrn oft ja so ähnlich ist, – auch hier wieder mit dabei. Aber – über dem Verzückten ist gar kein Himmel zu sehen, sondern nur das Blechdach des Asisipanoramabauwerks.
Wer kennt es schon? Das in Vorbereitung auf 2017 in die Mitte Wittenbergs hingesetzte Derivat des Bad Frankenhausener Elefantenklos? Dort spielt der Bauernkrieg, – hier läuft Tag und Nacht die Endlosschleife vom „wirklichen“ Leben in Luthers Stadt. Pferdegetrappel, Glockengedröhn und weihnachtszeitliche Gesangsfetzen von zehn bis achtzehn Uhr. Das Ganze ist so eine Art virtueller Mittelaltermarkt. Für das leibliche Wohl ist eher nicht gesorgt; es gibt dafür aber was zu sehen und akustisch zu ertragen. Wie gesagt, von den an die Wandtapeten gemalten tausend Gestalten ist der Verzückte absoluter Favorit. Warum? An diesem Manne wird deutlich, was die Welt ist, bzw. was wir für „Welt“ halten, und wozu  die Welt zu werden droht, wenn uns einer ihre Deutung geschickt unterschiebt. Wie rettet man sich vor Weltanschauungen? Augen zu und – „Ich bin hindurch!“
Inmitten einer relativ unbedeutenden Stadt am Elbestrom ward also aus viel Blech dieser  fensterlose Raum errichtet, unterrichtete Zungen nennen ihn schonmal den „Wittenberger Petersdom“. Da drinnen hängen von oben an bis unten  aus naturalistisch-historisierend bedruckte Stoffbahnen, die unter Einspielung von Audiotracks mal mehr, mal weniger intensiv beleuchtet werden. Es wird Abend und Morgen – noch so ein Tag. Das alles geschieht, um den Menschen zu erleichtern, sich zurückversetzt zu fühlen in die Adventures des 16. Jahrhunderts.
Das scheint auch zu klappen, denn ich hörte jemanden ehrfürchtig sagen, es sei ihm ein Schauer über den Rücken gelaufen, als die Sonne mit viel Gepolter aufging und das Tagwerk der wie eingefroren wirkenden Menschen von Geisterhand erneut sich zu regen anhob. So ähnlich stelle ich mir übrigens die Hölle vor. Jeden Tag das Gleiche – und siehe, es war gar nicht gut, weil nichts geschah. Das ganze Ding ist so angeordnet, dass es für die Betrachter kein Entrinnen gibt. Das Labyrinth ist abgedunkelt, man dreht für 11 Euro seine Kreise wie früher auf dem DDR-Schulhof. In der Mitte des Dings befindet sich ein stählerner Podest. Mutige nutzen ihn, um ein paar Meter höher zu steigen. In Richtung Blechdach, wo nichts zu sehen ist.
Denn, – und wie bezeichnend ist das,  dieses Deckeldach weist keinerlei Bemalung auf. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich, wie kaum ausreichend durchdacht und deshalb wohl auch ein wenig unbefriedigend die Einrichtung des sonderbaren Wittenberger Raum-Täuschungs-Tempels ist. Der Bau wird sich fraglos refinanzieren, da bin ich mir ganz sicher. Genauso wie damals auch der Petersdom und heute Filme über Indiana-Jones.  Tetzel hätte seine helle Freude.

Aber – hat man vergessen, dass das sechzehnte Jahrhundert eine ausgeprägte Phantasie gerade darin besaß, sich den Himmel real vorzustellen, ihn zu beschreiben und mit den Mitteln der damaligen Wissenschaft genauestens zu kartieren und dogmatisch zu vermessen? Asisis mit Blech vernagelten Himmelssegmente sind allerdings völlig leer geblieben. Deshalb – eben doch kein Petersdom, sondern nur eine weitere horizontale Kulisse ohne Vertikalspannung mitten im entchristlichen Osten Deutschlands. Man hätte, analog Dantes großem literarischen Epos, unter dem grünen Betonboden des Dings (der Betonfußboden ist absolut gelungen!) eine Hölle mit mindestens neun Kreisen einrichten sollen. Ich kenne ein paar Leute, die sich da unten persönlich als Führer anbieten würden, um den Leuten genauestens zu erklären, wohin sie kommen, wenn sie die Welt falsch, nämlich ohne Himmel, beschreiben.
Dass hier in Wittenberg die Welt Luthers ohne Himmel beschrieben wird, drängt sich jedem spätestens nach der zweiten Runde über den Beton auf. Na ja, – das nehme ich fast zurück. Denn ein paar Kinder sind ja auch zu sehen … Und die sind wirklich schön. Sie reißen dad Ganze heraus. Sie wirken in dem Treiben der Un- und Glaubensmonster verloren oder wie Flüchtlinge, die sich sicher bald aufmachen werden, dem düsteren Bannkreis des Monstrodoms zu entfliehen. In irgendeine bessere Realität? Alles andere hier bleibt eher der Hölle verpflichtet – besonders die vielen tonsurtragenden Mönche als Abbild der säkularisierten Rentnerszene zu Wittenberg. Das hat der Schöpfer (man verzeihe mir den Gebrauch des Würdetitels an dieser Stelle) wirklich gut hingekriegt!

Noch ein Detail: Die freundliche Frau im zweiten Stock sagt zur Nachtzeit irgendeinem Zölibater, welcher sich eben anschickt, sein Keuschheitsgelübte zu brechen: „Mein Freund, überlege dir das noch mal. Ich bin eigentlich nur für die da, die sich der Ewigkeit  haben nicht versprechen wollen!“ Worauf der Mönch seine Kutte und das Zingulum prompt wieder anlegt – und brav zurückkehrt zum nächtlichen Stundengebet. Oder habe ich da was falsch verstanden?

Ein grosser Karren voller Mist wird ewig (denn es sind stehende Bilder!) aus der Stadt hinaus gefahren. Für die bemalten Stoffbahnen aus dem Volks-Panoptikum ist auf dem Wagen allerdings kein Platz mehr, denn spätestens um 2018 muss der Karren endgültig noch einmal fahren. Nein – wer schlug da eben vor, die Tapeten vorher zu zerschneiden und zu verkaufen? O weh – die entstehenden Schnipsel hängen dann sicher für weitere Jahre in der Bar, dem Museum, oder der guten Stube von Wittenbergerinnen und Wittenbergern. Und in USA und Fernost. Je suis Tetzel, – das ist gewisslich wahr.

Rettet, wenn man zur Schere wird greifen müssen, den Verzückten. Ihr erkennt ihn ganz leicht:  Er steht in einer Pfütze und preist den Himmel. Obwohl der nicht zu sehen ist, denn Asisi hat den wirklichen Himmel vergessen – bei welcher Himmelsvorstellung des aufgeklärten Abendlandes hätte er auch Zuflucht nehmen sollen? Bei dem intelligiblen Himmel Stephen Hawkings, bei den Sphären von Kepler, oder vom alten Ptolemaios – Luthers Bibelhimmel oder Thomas Müntzers revolutionären – vielleicht auch den satirischen von Heinrich Heine? Oder einen neuplatonischen Talibanhimmel? Mein Verzückter schließt vor alledem lieber die Augen. Er breitet seine Arme aus – wie der Gekreuzigte. Dazu die Pfütze, welche ihm geblieben ist – und die Pfützen spiegeln bekanntlich den Himmel.

So ist er also doch da, der Himmel. Unten – nicht oben. Wie gesagt, ich hätte noch ein paar Millionen mehr ausgegeben und die Wittenberger monströse Geisterbahn fertig bauen lassen. Neun Kreise Unterwelt, Läuterungsberg und Empyreum. Ganz unten im ewigen Eis der Basis des Fundaments der Grundlage sitzen die, die das Ding zu verantworten haben. Und oben empfängt Mater Gloriosa solche, welche sich lösen konnten von einer Jubiläumswelt ohne Himmel. Gerichtet und gerettet! In der Mitte bleibt den Wittenbergern der Läuterungsberg. „Kürze unsre Wartezeit“ singen alle, die da büßend die schwarze Stahltreppe umkreisen. Das Fegefeuer brennt für sie geduldig und solange, bis der Letzte irgendwie begriffen hat, wie das Wittenberger Elefantenklo in fast Nichts mit dem zu tun hat, was Kirche und Reformation einmal bedeutet haben.
Es gibt übrigens Notausgänge aus dem Machwerk. Beachte die grünweißen Notausgangsschilder! Eine fliehende Gestalt stiehlt sich darauf beherzt davon. Beatrice und Vergil führen aus dem Neo-KTC hinaus ins Offene. Ich fürchte, ein Entrinnen gibt es für die meisten von uns aber erst nach dem Jubiläum …

die Messia

Rahel Herz-Rosensprung hatte schwarze Locken. Als sie abgeschnitten wurden, weinte der Himmel. Das war an einem Regentag im November. Aber sie wollte es ja selber so … Eine Kurzhaarfrisur. Haare wüchsen wieder nach, sagt Onkel Samuel, der aber selber schon eine kleine Glatze hat, die man nicht sieht unter der Kippa.

Die Familie Herz-Rosensprung lebt in Frankfurt. Nicht an der Oder und nicht lebte, – sondern am Main und lebt. Wir schreiben bald 2017 und Rahel freut sich auf den Mai. Rahel ist dann 12 Jahre alt. Ihre Urgroßeltern – sind in Auschwitz geblieben, wo sonst. Der böse Herr Dolf, wie man ihn in der Familie immer schon nannte – in einer Mischung aus grimmiger Anerkennung, Hass und metaphysischem Mitleid – der böse Herr Dolf zeichnete für allerlei schlimme Dinge verantwortlich. Und seine Helfershelfer. Nicht zu vergessen die vielen Helfershelferchen.

Rahel Herz-Rosensprung springt wie jeden Tag auch heute morgen wieder die Treppe des Hauses in der Battonnstraße hinab. Sie muss zur Schule, sie will zur Schule. Schule ist schön. Es sind immer sieben Stufen, die das Kind in drei Sprüngen nimmt. Erst zwei, dann drei – dann noch einmal zwei. Unten stehen die Fahrräder und der grünrote Citroen 2CV. Er sieht wirklich wie eine Ente aus! Das Auto gehört irgendwem im Haus. Das seien Studenten, sagt der Onkel Samuel. Die haben noch nichts, – deshalb so ein  altes Auto. Rahel Herz-Rosensprung findet es lustig, dass deren Auto so heißt. Ente. Ähnlich wie seine Besitzer. Studente. Eine Stute als Ente. Das ist wieder eins der Wunder im Wort. Heute ist es neblig. Und Rahel Herz-Rosensprung malt, wie jeden Tag ein Herz auf die beschlagene Scheibe. Genau dort wo der Beifahrer sitzt. Oder die Beifahrerin. Dann geht sie in die Schule. Der Beifahrer ist oft viel wichtiger als der Fahrer, sagt der Onkel nachdenklich. Er sagt viele solche klugen Dinge.

Man nimmt wieder diese Sache mit dem bösen Herrn Dolf durch. Denn es ist November. Der Herr Dolf, eigentlich heißt er mit vollem Namen Adolf Hitler (aber Dolf klingt besser. Wie Wolf oder Dolch!), wollte so gerne auch ein Student sein. Man ließ ihn jedoch nicht. Er konnte nämlich nicht malen, und wollte ausgerechnet deshalb ein Malstudent werden. Ja, –  was für ein schöner Beruf, es hat aber nicht geklappt. Der Herr Dolf wurde am 20. April 1889 in Braunau geboren und er starb am 30. April 1945 in Berlin durch eigene Hand, wie Onkel Samuel immer sagt.
Damals gab es nur sehr wenig Automobile. Als der Herr Dolf noch ein junger Man war und in Wien lebte, fuhren aber einige bereits knatternd durch die Straßen. Aber der Herr Dolf war sehr arm und hatte auch kein Auto. „Der war eine ganz, ganz arme Sau“, Onkel Samuel sagte das oft und bedauernd. „Und eigentlich einer von uns. Da hat er die Wut gekriegt, die ohnmächtige. Allmächtiger“, sagt der Onkel, dann hat er die Welt angezündet, und uns alle mit. Wir verkohlen immer noch. Hätten sie ihn malen lassen, wäre das wohl verhindert worden.“

Rahel Herz-Rosensprung malt auch gern. Wenn Nebel ist jeden Tag ein Herz auf die Scheibe des 2CV. Sie denkt dabei „Onkel Dolf – ich mal dir ein Herz. Ich male – und du darfst auch malen. Musst nicht mehr die Welt anzünden.“ Das ist jedesmal wie eine kleine Beschwörung, ein Gebet zu Adonaj Elohenu Ächad. Wenn Rahel Herz-Rosensprung aus der Schule kommt, ist der 2CV meistens weg. Die Studenten sind dann sicher irgendwo malen. Wenn Rahel Herz-Rosensprung schläft, kehren sie zurück. Morgens steht der Wagen nämlich wieder da. Dann bekommt er, wenn Nebel ist, sein Herz, – ihr Herz. Auch am Sabbat. Onkel Samuel hat gesagt, man dürfe auch am Sabbat ein Herz malen. Wenn am Tag die Sonne wärmer wird, verdunstet das Wasser um das Herz herum. Aber das Herz selbst bleibt. Es kann nicht verdunsten. Man muss es nur malen – oder malen lassen. Im Prinzip …

Erkenntnis 

„Ich werde tot gewesen sein.“ Ja, – so solle es eingemeißelt stehen. Kurt Fürchtegott Globnich, emeritierter Lehrer der Landesschule in Pforta, hatte sich mit dieser Bitte an den Pfarrer von Naumburg gewandt. Ob das wohl möglich sei. Gott bewahre – nicht schon jetzt. Aber irgendwann einmal, in ferneren Tagen? Als Grabsteindenkspruch! Der Geistliche bat Globnichen in seine Studierstube, und man war bald in ein Gespräch geraten, das es in sich hatte. Es war der Allerheiligentag im November 1855, hundert Jahre nach Lissabon.
Der Friedhof im kleinen Städtchen Naumburg an der Saale hatte eine Ordnung – und beileibe nicht alle Sprüche waren erlaubt. Der Pfarrer legte Globnichen deshalb nahe, in Übereinstimmung mit der Tradition seiner Kirche anders zu formulieren. Etwa: „Ich werde auferstehen!“ Aber der Alte schüttelte vehement sein Haupt, wobei er ausrief: „Herr Pfarrer, gerade von der Auferstehung weiß ja niemand.“ Und er für seinen Teil wolle nur das glauben, was man sicher wisse: Man sei es übrigens auch Kanten schuldig. Das genialische „Ich werde tot gewesen sein“ als futurum exactum von „ich werde tot sein“ bedeute ja sonnenklar, dass es auch mit dem Totsein einmal würde vorbei sein müssen. Wie mit allem anderen auch. „Ich werde tot sein!“ ja, damit fing es nur an. Aber wenn das Totsein dann vorbei sei, könne der nachfolgende Zustand ja nichts anderes sein – als eine Art sonderbares anderes Leben, nicht wahr? Nebenbei und zusätzlich wäre das endlich der Beweis der Auferstehung – und zwar aus dem Gesetze der Grammatik heraus.
Der Geistliche staunte. Er versuchte Globnichens Satz zurück zu übersetzen in das liebe Latein. Fuero erat mortuus – oder so ähnlich. Ich werde ein Toter gewesen sein – aber es gelang ihm nicht. Wie staunte er … Über Globnichen, dessen Satz und über sich selbst. Und rief seinem Besuch zu: „Ihr habet Recht, lieber Freund. Euer Satz ist sogar – wenn auch nicht besser – so doch einleuchtender als das „Ich werde auferstanden sein“. Denn jenes kann man nur glauben, diesen Euern Spruch aber kann man zusätzlich sogar wissen. Freilich, zuerst stimmte mich das ‚Ich werde tot gewesen sein!‘ verdrießlich. Aber dann merkt man langsam aber sicher, wie die Grammatik des Seins stärker ist als das Gesetz der Toten.“

der Besuch


Kurfürst Friedrich der Weise hat jede Menge Reliquien gesammelt. Da war ein Büchlein mit allen diesen Dingen gedruckt worden. Und so kamen die Menschen – jahrzehntelang. Der Reliquien und des Heiltumbüchleins wegen.

Endlich ist nun auch Kurt Globnich gekommen. In seinem 92. Lebensjahr (2016) wagt er die Reise nach Wittenberg. Er hatte zwar schon viel erlebt, aber das alles wollte sich bisher nicht zur Erfahrung ordnen … 

Schlosskirche Wittenberg. Es riecht nach frischer Farbe. Von den Säulen herab staunen die fortschrittlichsten Katholiken, welche das 16. Jahrhundert aufzubieten hatte. Würdig blicken sie als Steinfiguren in das Kirchenschiff hinab, von wo aus die Leute zu ihnen empor staunen. Auch Kurt Globnich. Aus seinem Rollstuhl. Eine Frau kommt auf ihn zu. „Kann ich Ihnen helfen?“ Globnich verlangt das Büchlein. Die Frau: „Welches Büchlein?“ Globnich: „Um dessentwillen alle kommen“. Sie erschrocken: „Dass kann ich ihnen nicht reichen! Es liegt vorn auf dem Altar für den Gottesdienst.“ Globnich: „Jetzt ist Gottesdienst!“ Die Frau weigert sich. Globnich: „Wenn Sie es nicht herbringen, mach ich Geschrei!“ Er reckt sich in seinem Rollstuhl so gut es eben noch geht. „Ich bin am Todestag Friedrich des Weisen geboren. Nur 400 Jahre später am 5.5.1925 – und will jetzt sein Büchlein berühren. In meinem hohen Alter reiste ich her. Um des Buches willen. Werden Sie erst mal 91. Wie alt sind sie denn überhaupt?“ Die Frau antwortet verdattert „Fünfundsechzig.“ – „Her mit dem Büchlein, junges Ding!“ Die Frau berät sich mit dem Küster. Dann bringt sie das auf dem Altar aufgeschlagene Buch zu Globnich. Kein Büchlein, sondern ein richtig schweres Buch. Legt es ihm auf die Knie. Globnich liest. „Alles hat seine Zeit.“ Er murmelt: „Das kenne ich. Das haben die Puhdys gesungen.“ Blättert weiter. Und liest. Und blättert. Die Frau wird nervös, Touristen haben bereits einen Kreis gebildet. Um Globnich, den Leser, und sie, die die Verantwortung trägt. „Geben Sie´s zurück. Sie hatten Ihren Willen.“ Globnich nickt. „Nur das noch: ‚Und er wird Tränen abwischen von ihren Augen, der Tod wird nicht mehr sein, kein Leid, kein Geschrei.‘“ Globnich nickt. Sehen Sie, junge Frau, nun habe ich es berührt! So war ich Kurt Globnich heiße – man muss im Leben das Wesentliche berührt haben. Dann kann man auch getröstet sterben.“

der Traum

In der letzten Nacht hatte ich einen Traum. Ich war im Himmelreich angekommen. Ich langweilte mich. Da ging ich in den nächsten Laden, um mir einen Bleistift für Aufzeichnungen zu kaufen. Ich ging also hinein. Hinter der Theke stand ein Engel. Er reckte gerade seine Flügel als er mich bemerkte. Dann, ganz konzentriert, sprach er mich an: „Sie wünschen etwas zu bekommen, mein Herr? Wir haben hier alles. Sie können demzufolge alles erhalten, was Ihr Herz begehrt.“ –
Ich sah mich um – und tatsächlich: Ich sah alles, alles, alles! Ich vergaß sofort meinen Bleistift und sagte: „Ich wünsche zu erhalten: Frieden für Afghanistan, Frieden für die Ukraine, Frieden für Syrien, jedem Flüchtling eine sichere Heimstatt… meine Stimme ratterte weiter: Rettung aller Schiffbrüchigen im Mittelmeer, eine kluge Präsidentschaft für Amerika, Einsicht für Erdogan, Barmherzigkeit bei Putin, noch mehr Chuzpe bei Papst Franz, Arbeit für die Arbeitslosen, Ausbildungsplätze für die Eritreer, Sicherheit für Israel, Liebe und Fairness in der Kirche, Gerechtigkeit …“ – Da unterbrach mich der Engel, bekam einen roten Kopf, reckte seine Flügel zurecht und sagte: „Mein Herr, wir verkaufen vor dem Jüngsten Gericht keine Fertigware, sondern nur den Samen.“

(von Dr.Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

Das Dreikönigsevangelium

  

Vorrede

Dieses ist das Buch der Sphären, durch die der Meister kam und ging, als seine Zeit auf Erden erfüllt war. Schaut euch um, die ihr meine Worte lesen werdet, – vom Berge aus staunten wir ihm nach, standen verehrungsvoll und waren zugleich voller Zweifel. Schließlich aber kehrten wir alle in die heilige Stadt zurück. Schaut euch um!

Denn es geschah in jenen Tagen, dass uns drei sehr alte Männer aufsuchten. Wie sich bald herausstellte, begehrten sie von uns zu erfahren, wer der Meister gewesen war und baten deshalb inständig, ihnen von unserem gemeinsamen Leben mit dem Verehrten Zeugnis abzulegen. Da wir nun inzwischen wieder unserer Arbeit nachgehen mussten, entschlossen wir uns, den drei Männern an solchen Abenden, an denen Zeit war, Bericht über die Zeit mit dem Erhabenen zu geben. Das war der siebente Tag in der Woche – und sie willigten ein.
Wir trafen uns zum Zweck solcher Gespräche immer am Vorabend des Sabbattages im Haus Ben Kochabs, den alle Astrophilos nannten. Astrophilos stand uns nahe und hatte den Meister selber auch noch gut gekannt. Seit jener Zeit zündete er mit Vorliebe kleine Lämpchen an und wir aßen bei ihm stets gute Dinge.
Ich will es euch offenbaren, – Ben Kochab, alias Astrophilos, war jener Bräutigam, dem der Meister während der Hochzeit in Kana das Wasser zu Wein verwandelt hatte. Als er nun hörte, dass wir den drei Leuten aus dem Osten vom Leben seines Gönners erzählen sollten, war er begeistert, lud uns alle ein und kredenzte vom allerbesten Krug. Es schien so, als ob bei ihm das Wunder von damals immer noch nachwirkte. Denn die Getränke waren stets köstlich und wir erzählten wohl auch deshalb gern und schmückten sicher manches mehr aus, als es vielleicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Eines aber sei an dieser Stelle gleich hinzugefügt: Wir erfanden nichts hinzu – wahrlich! Doch ließen wir auch nichts von dem weg, was möglich gewesen wäre. Alles, was wir erlebt hatten, erzählten wir nacheinander und die drei Besucher hörten uns gern berichten.

1.Abend
Bereits am ersten Abend entdeckten die drei Männer uns, dass genau sie es gewesen wären, die damals aus dem Morgenland den Weg nach Bethlehem gewählt hatten; damals, als der Meister noch ein Bübchen von kaum einigen Wochen gewesen war. Sie erzählten uns von ihrer Begegnung mit dem finsteren Herrscher Herodes und seinen argen Beratern. Sie erzählten von der langen Wanderung unter dem Doppelgestirn Saturns und Jupitern, welche ihnen am nächtlichen Himmel im Bildnis Adar vorschwebten und sie getreulich bis ans Ziel geleiteten. Sie berichteten uns von dem kleinen Stall nahe der Ortschaft Bethlehem; und wie sie dort die junge Mutter Maria, ihren Verlobten Joseph und den Königsknaben gesehen und mit ihnen gesprochen hatten. Von dem Traum gaben sie Kunde, welchen ihnen der Ewige in den Schlaf flocht; wir lauschten voller Entzücken ihren Erzählungen und Astrophilos schenkte immer wieder ein und lies frisches Brot auftragen, denn er hatte es seit jener unvergesslichen Hochzeit in Kana weit gebracht, war Bäcker und Mundschenk in ein und derselben Person geworden und der Segen des Höchsten war seit solchen Tagen auf ihn und sein Haus gefallen und nicht mehr davon gewichen.

Die drei Greise kannten sich in allerlei seltsamen Dingen aus, sie sprachen die verschiedensten Sprachen, von denen man auf dem Erdkreis weiß, führten geheimnisvolle Gerätschaften mit sich, mit Hilfe derer sie den Stand der Gestirne am Himmel abzulesen und offenbar sogar vorauszusagen wussten. Oft zogen sie irgendwelche kleinen Kugeln hervor, die sie auf den Erdboden oder in eine tönende Schale warfen, um, wie sie uns später entdeckten, die Vergangenheit zu verstehen oder auch über die sogenannte Zukunft Mutmaßungen anzustellen.
Astrophilos interessierte sich sehr für jene Kügelchen und beschwatzte die drei mit der Absicht, ihnen dieselben abzukaufen. Jene aber lachten nur und schüttelten freundlich die Köpfe. Dabei wiederholten sie stets ein um das andere Mal: Die Kugeln seien ihnen um nichts in der Welt feil.
Jene runden Bällchen spielten an unseren gemeinsamen Abenden eine wichtige Rolle, denn einer der Greise, wohl der Älteste unter ihnen, ließ das Spielwerk am Beginn jeder Unterredung in der tönernen Schale umher rollen. Danach, wenn die Kugeln zur Ruhe gekommen waren, schauten die drei sich an, nickten einander zu und stellten darauf eine oder mehrere Fragen, die unseren Meister betrafen. Ob er etwa dies oder das getan, ob er zu jenem oder einem anderen Thema etwas gesagt habe – und so fort. Wir Zwölf gaben dann Auskunft, und mussten nicht lange überlegen, denn Vieles hatten wir mit ihm erlebt in den drei Jahren unserer Wanderschaft durch Galiläa.

Aber, – wie bemerkenswert. Dergleichen hatten wir nie erlebt: Es schien uns nämlich, als ob zu jeder Frage, die von unseren Gästen gestellt wurde, sogleich eine Antwort sich aus unseren gemeinsamen Erinnerungen fügte. Nur Matthias vermochte nicht viel zu sagen, denn er war erst später zu uns gestoßen als Ersatz für den verruchten Verräter Judas aus Queriot, dessen Weib der Meister mit uns besucht hatte, kurz bevor er entschwand und uns in dem Mohnfeld alleine zurück gelassen hatte.
Ich kann mich noch gut erinnern, dass am ersten Abend eine kleine safranfarbene Kugel mit einer größeren dunkelgrünen zusammenschlug. Die Morgenländer fragten uns damals, ob denn der Meister jemals über die Schönheit der Menschen gesprochen hätte.

Wer von uns sollte beginnen? Andreas meldete sich zu Wort. Einmal, erzählte er, hätte der Meister im Schlamm des Sees Genezareth ein Säckchen mit einigen goldenen Münzen gefunden, die alle das Bildnis der Nymphe Arethusa aufgewiesen hätten. Das prächtige Haar des Weibes wurde von einer sternbesetzten Spange gebändigt. Es waren etwa bei zweiunddreißig Münzen in dem Säckchen enthalten gewesen. Ein Vermögen. Eben wollte der Meister den Fund Judas übergeben, denn dieser hatte die Aufgabe, unsere Einnahmen und Ausgaben zu verwalten, da trat eine Frau an den Strand des Meeres und ihre Kinder waren bei ihr.
Die Kinder sprangen herzu, wohl um etwas von uns zu erbetteln. Der Meister gab jedem der Kinder eine von diesen Goldmünzen. Sie dankten es ihm und sagten: “Siehe, was für Künste wir beherrschen.” Und alsbald warf ein jedes der Kinder seine Münze flach auf den Meeresspiegel, so dass das Geldstück einige Male auf dem Wasser aufschlug, flugs immer weiter hüpfte, um schließlich weit draußen im Meer zu versinken. Ei, – wie das Gold über dem Wasser flunkerte, – der Meister klatschte in die Hände und lobte die Kinder und gab ihnen aus dem Säckchen so viele Münzen, als immer sie wollten.
Auf diese Weise trieben sie ihr Spiel mit dem Gold eine gewisse Zeit und ließen zu unserem großen Erstaunen das kostbare Metall in den Wellen versinken. Als das Säckchen über ihrem Spielen leer geworden war, freuten sie sich und liefen zurück zu ihrer Mutter, die an einen Baum gelehnt sich niedergelassen und von alledem wohl gar nichts bemerkt hatte.
Der Meister lehrte uns aber und sprach: “Werdet wie diese Kinder, das rate ich euch.” Wir waren fassungslos und zogen weiter. So erzählte es unser Gefährte Andreas.

2.Abend
Die drei Greise hatten uns aufmerksam zugehört und begannen nun damit, das Gehörte sorgfältig in ein kleines Büchlein zu übertragen. Das Büchlein aber war außen mit Samt bedeckt und innen sorgsam mit Seide ausgefüttert worden. Alle Seiten bestanden aus feinstem Ziegenlederpergamén.
Wir wagten nicht, unsere wirkliche Meinung zu dieser von Andreas berichteten Begebenheit darzulegen. Und die drei fragten uns auch nicht danach. So schwiegen wir still und schauten zu Boden. Wahrlich, der Meister hat uns oft bis an die Grenze dessen geführt, was ein Mensch zu ertragen vermochte.

An jenem Abend geschah es auch, dass unser Gastgeber aus dem Fenster wies und alle auf den Sonnenuntergang aufmerksam machte. Er, der sich mit den Sternen besser auskannte als wir, sagte: “Seht, was ihr nicht seht!” Merkur, Venus und Sonne stehen zusammen am Himmel, aber der Glanz der Sonne ist noch sehr hell, obwohl die Nacht bereits hereinbricht. Die Morgensterne werden heute deshalb, noch ehe sie uns haben sichtbar leuchten können, untergegangen sein.”
Als er das gesagt und wir alle nachdenklich mit den Köpfen genickt hatten, meldeten sich unsere drei Gäste zu Wort und fragten, ob unser lieber Herr sich mit der Kunst des Schönschreibens befasst und deshalb eventuell doch diese oder jene Notiz hinterlassen hätte. Wir mussten verneinen, aber Jakobus erinnerte sich sofort an die allen bekannte Begebenheit, bei der er mit einem kleinen Zweig, den er aus der Gosse aufgehoben hatte, irgendwelche Figuren in den am Morgen noch feuchten Sand gezeichnet hatte. Der Sohn des Zebbedaios versuchte sich genauer zu erinnern. Er sagte dann, dass er nicht mehr genau wisse, ob es ein Zweig oder ein Knöchelchen gewesen sei, – etwa eines von einem Vogel. Aber ein länglicher Gegenstand war in den Händen des Gottessohnes zum Zeichengerät geworden.

Die Magier aus dem Morgenland lehnten sich zurück und ließen sich von unserem Gastgeber nachschenken. Dann begann Jakobus zu erzählen; der Wein hatte das Band seiner Zunge gelockert, er sprang auf und berichtete mit großen Gesten.
Jesus hätte, so sagte er, kleine Figuren in den Sand gezeichnet. Und zwar das Bildnis der Sonne, dann das eines Mannes und ein drittes, welches eine Frau vorstellte. Er hätte die Figuren dabei dergestalt zueinander ins Bild gesetzt, dass der Kopf des Mannes und der Kopf der Frau ein und denselben Kreis beschrieben. Und diesen Kreis hätte der Meister dann mit vielen Strahlen umgeben, bis diese Strahlen die Körper der menschlichen Figuren immer mehr zu überdecken begannen und schließlich nur noch eine gewaltig strahlende Sonne zu sehen war, die von jenem Punkt aus strahlte, der vorher aus den beiden Köpfen der menschlichen Figuren gebildet worden war. Genauso hatte er es in den Sand gemalt.

Die Greise nickten und baten begierig, Jakobus solle weitererzählen. Auch wir hörten gespannt zu; denn diese Geschichte kannten wir noch gar nicht.
Jakobus musste damals wohl sehr nahe bei der verurteilten Frau gestanden haben; und zugleich inmitten der Schriftgelehrten und Pharisäer, welche die Anklage führten. Deshalb wahrscheinlich auch hatte Jakobus die Zeichnung des Meisters ausgiebig betrachten können. Warum hatte er uns von seinen damaligen Beobachtungen noch nie etwas erzählt?
Schließlich also, fuhr Jakobus fort, hätte der Meister seine Zeichnung mit Hilfe des Knochenzweigleins wieder zerstört und die Worte gesprochen, die auch wir weiter hinten Stehenden gehört hatten: “Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!”
Von diesem Augenblick an hätten alle nur noch auf das zerstörte Bild geschaut. Niemand mehr auf die Frau. Dann sei ein jeder nachdenklich nach Hause gegangen.
Er selber, Jakobus, habe sich am Abend noch einmal zu der Stelle geschlichen. Jedoch an dem Fleck war nichts mehr zu sehen. Jemand war gekommen und hatte sogar den Sand fort gekehrt und mitgenommen. Man sagt, wenn einer etwas Gutes über Menschen aufschreibt, und wer dann Sand auf diese Schrift streut, – es ginge dann das, was geschrieben ward, in Erfüllung. Doch nur, wenn es etwas Gutes ist. So wiederholte es Jakobus immer wieder, bis wir ihn beruhigten. Und er setzte sich wieder hin und war sehr erregt.

Nachdem wir noch ein wenig über dies und das geplaudert hatten, zogen die Gäste erneut ihr Kugelspiel hervor und ließen es kreisen. Wir befragten sie nun ebenfalls und baten darum, uns das Geheimnis der Kugeln zu lüften. Der, welcher das Kugelspiel in Bewegung gesetzt hatte, antwortete uns. Aber wahrscheinlich war es nur ein Gleichnis, das er zum Besten gab. Urteilt selbst. Er sagte …

3.Abend
… und erzählte uns folgende Geschichte. “Vor langer Zeit lebte einmal in einem fernen Land ein großer Baumeister, dem man nachsagte, er könne alles, was in Gedanken nur irgend vorstellbar wäre, auch in der Wirklichkeit mit Stein und Mörtel ausführen. Diese Nachricht drang nun zum König jenes Landes und jener ließ den Baumeister sogleich zu sich rufen. Er befragte den Mann, ob es stimme, was man über ihn und seine Fähigkeiten erzähle. Der Baumeister antwortete dem König, bisher wäre der Fall nicht aufgetreten, dass ein Gedanke aufgetaucht sei, welcher nicht auch in Stein und Mörtel hätte ausgeführt werden können. Da wurde der König zornig und er befahl dem Baumeister etwas zu bauen, wofür es noch keine Gedanken gäbe. Etwas, woran alle Gedanken scheitern müssten. Würde der Baumeister dieses Bauwerk innerhalb von zehn Jahren nicht errichtet haben, würde es seinen Kopf kosten. Und damals, in seiner großen Not, ersann der Baumeister dieses Kugelspiel. Was allerdings aus ihm und dem König geworden ist, wisse niemand genau. Einige sagen, die beiden hätten sich miteinander in das neue Spiel derartig vertieft, dass sie Heilige geworden wären. Andere dagegen behaupten, der König hätte den Baumeister hinrichten lassen, wäre danach aber wahnsinnig geworden – und deshalb in die Einöde gegangen. Wieder welche meinen, der König hätte das Speil so berückend gefunden, dass er seinen Thron dem Baumeister überlassen habe. Der hätte viele Jahrzehnte weise regiert und das sagenhafte Reich des Priesterkönigs Johannes begründet. Wie dem auch sei …

Wir staunten über diese Geschichte sehr und nahmen die Kugeln interessiert in Augenschein. Sie waren alle aus schwerem Material. Die eine größer, die andere kleiner, aber jede Kugel war einer beliebigen anderen im Gewicht gleich. Das überprüften wir mit einer Wage, die Astrophilos auf dem Wandbord stehen hatte. Auf die linke Seite legten wir die große dunkelgrüne auf die rechte Seite die kleinere türkisfarbene Murmel. Die Waage schwebte still wie ein Vogel wenn er oben in der Luft nach Beute unten auf der Erde ausschaut.
Es gab außerdem noch eine scharlachrote Kugel, eine silberne große, eine goldene, eine blaue und eine graue. Eine große schwarze war mit dabei, eine schöne ockergelbe und eine sehr kleine Kugel, von merkwürdiger Purpurfarbe bedeckt.
Wir warfen noch einige Male die Kugeln in die Tonschale und ließen sie kreisen. Dabei entstand eine seltsame Musik. Es war, als ob jede Kugel einen anderen Ton erzeugen würde. Waren sie zwar von gleichem Gewicht, so rollten sie doch eine langsamer, eine schneller. Und es entstanden seltsame Melodien. Nachdenklich begaben wir uns nach Hause, dort zur Ruhe und schliefen bald ein. Die einen allein, andere nicht.

4.Abend
Am nächsten Sabbat trafen wir uns wiederum im Obergemach des Hauses von Astrophilos. Es gab wie immer naschhaftes Backwerk und vorzüglichen Wein. Ein Gespräch wollte zuerst nicht recht aufkommen, und das war folgendem Umstande geschuldet: Unsere Gäste waren ausgeblieben. Ihre Polster ragten aufgeschüttelt aber leer aus unserem Kreise empor. Und sie schienen heute auch leer bleiben zu wollen. Doch dann, mit etwa zwei Stunden Verspätung, hörten wir die Stiegen knarren und die Türen öffneten sich. Unsere Gäste kamen verspätet an. Ihre Minen bedeuteten nichts Gutes. Sie alle sahen krank aus und wiesen geschwollene Gesichter auf. Bei unseren Nachfragen stellte sich heraus, dass sie eine schlechte Nacht gehabt hatten. Mücken waren der Grund gewesen, zahlreiche Mücken, die sie nicht hatten schlafen lassen. Ächzend ließen sie sich auf den Kissen nieder und sahen bedauernswert in unserer Runde umher. Ihre Gesichter waren über und über zerstochen.

Es erhob sich nun unter uns ein reger Austausch darüber, wie man am besten die sirrenden Plagegeister vertreiben könne. Petrus zum Beispiel riet den Bemitleidenswerten, sie sollten immer solange warten, bis die einzelne Mücke sich niedergelassen und den Stachel zum Stich herausgeholt habe, erst dann dürfe zugeschlagen werden. Andreas widersprach ihm aber und meinte, es wäre ratsamer, solange mit dem Schlag zu warten, bis die Mücke ihren Stachel bereits etwas in ihr Opfer eingesenkt habe. So wäre sie im Fliehen behindert und habe keine Chance zum Entweichen. Unsere Gäste hörten interessiert zu und holten nach einer Weile ihr Kugelspiel hervor. Sie warfen es auf das Damasttuch, welches zwischen uns ausgebreitet war, – und wieder kam die große dunkelgrüne Kugel im Mittelpunkt zur Ruhe. Sie lag neben der goldenen Kugel. Ein Raunen ging durch unsere Runde und Thaddäus erinnerte sich alsbald an eine lange zurückliegende Begebenheit, die er mit dem Meister erlebt hatte. Wir bestürmten ihn sehr, dieselbe uns nicht vorzuenthalten. Er fühlte sich geschmeichelt und begann mit leiser, aber vernehmlicher, Stimme Folgendes vorzutragen:

Es war noch in der Anfangszeit unserer Wanderungen mit ihm, dass wir eines Nachts in der Gegend von Negev Hagadol in einer Karawanserei übernachten mussten; das Essen und die Nachtlager waren ausnehmend schlecht. Wir legten uns nieder und vielleicht erinnert ihr euch noch an die Mücken, die dort in Schwärmen hausten und uns hart zusetzten. Ich lag nun dicht bei dem Meister und sah, wie die Mücken über ihm tanzten. Eine der größten machte sich eben daran, den Erhabenen in sein göttliches Antlitz zu stechen. Ich warnte den Meister und flüsterte – um euch andere nicht zu wecken, denn ihr schliefet schon samt und sonders – flüsterte ihm zu, Meister gib acht, eine Mücke trachtet danach, dir etwas vom Blute abzuzapfen. Er aber rührte sich nicht, so dass ich wähnte, auch er sei bereits in das Reich des Schlafes eingetreten. Jedoch bemerkte ich dann, wie seine Augen geöffnet waren und er dabei war, die Mücke zu beobachten. Da erhob ich meine Hand und wollte die Mücke vertreiben. Als ich aber meine Hand rasch auf das Gesicht des Meisters hin bewegte, musste die verruchte Blutsaugerin dieses wohl bemerkt haben, denn sie erhob sich auf flinken Flügeln und verschwand im Dunkel der Nacht.
Der Meister heftete nun seinen Blick auf mich, lehrte mich und sprach, – leise, um euch nicht zu wecken. Ich habe seine Worte noch im Gedächtnis und zehre oft davon, denn in seiner Weisung liegt unendliche Weisheit verborgen. Er sprach zu mir: Thaddäus, Thaddäus. Siehe, diese kleine Mücke ist so leicht und lebt im Äther der Luft und wird von ihm nicht nur getragen, sondern zusätzlich noch geschützt. Denn als du mit deiner raschen Handbewegung dieses kleine Tierchen, das der Eine (hochgelobt sei er) am sechsten Tag erschuf, vernichten wolltest, erzeugte deine Handbewegung einen Luftzug, den du selber nicht bemerkt hast, welcher aber die Luft in derartige Wallung versetzte, dass das Insekt, bevor du noch deine Absicht hast ausführen können, gerettet fortgerissen wurde und deiner zu hohnlachen vermochte.

Ich schwieg betroffen und wusste, wie sehr der Meister Recht hatte. Er aber fuhr fort und machte die kleine Begebenheit zum Ausgangspunkt noch viel weiterführender Überlegungen. Siehe, so sagte er mir, auch deine Gedanken erzeugen so etwas wie einen Luftzug, ein Geräusch oder einen Sog. Du willst etwa den Namen des Allgütigen denken. Aber gerade durch dieses dein Denken erschrickt das, was du denken willst – und wird sich von dir abwenden.
Meister, fragte ich ihn, was ist dann überhaupt möglich? Können wir dann nicht nur sehr grobe und schwere Dinge denken. Dinge also, die zu schwer sind, sich von unseren Gedanken aus der Bahn bringen zu lassen? So ist es, mein Freund, sagte er mir als Antwort. Es gibt aber einen Ausweg aus diesem Dilemma, fuhr er danach fort und fügte hinzu, dass er nicht wisse, ob er mir diesen Ausweg verraten dürfe. Ich war sofort hellwach und bat ihn inständig, er möge mir diesen Ausweg verraten. Er aber lächelte und meinte, er müsse sich das noch genau überlegen. Schon diese halblaut mir gegenüber gemachte Bemerkung muss wohl ausgereicht haben, das zudringliche Geschmeiß auch noch Stunden von uns abzuhalten. Ich schlummerte in fröhlicher Erwartung ein, bald großer Geheimnisse teilhaftig zu werden und erwachte am nächsten Morgen ohne einen einzigen Mückenstich, während ihr alle, die ihr weiter ab gelegen hattet, zerstochen wart, wie diese unsere wirklich zu bedauernden Gäste.
Soweit der Bericht unseres Gefährten Thaddäus.

Wir bestürmten ihn nun mit allerlei Fragen und Vermutungen, die von den drei Morgenländern sämtlich aufgezeichnet worden sind. Ob der Meister denn Thaddäus nun das Geheimnis der geräuschlosen Gedanken mittgeteilt oder doch nicht offenbart habe. Thaddäus aber sagte, er habe nichts in Erfahrung bringen können. Wir bedauerten das. Aber die Drei schienen ihm keinen Glauben zu schenken, denn wir sahen sie oft mit Thaddäus im Geheimen Unterredungen führen, die sie immer dann, wenn einer von uns zu ihnen trat, unterbrachen und dabei so taten, als ob es nur um das Wetter gegangen wäre.
Einige unter uns vermuten seitdem, Thaddäus sei im Besitz von etwas ganz Besonderem, – er sei über unaussprechliche Mysterien in Kenntnis gesetzt worden. Deshalb wohl auch blieb er derjenige in unserer Schar, von dem die Nachwelt am wenigsten weiß. Ihm aber scheint das gar nichts auszumachen. Er lächelt still vor sich hin und summt kleine Liedlein immerdar.

5.Abend
Die morgenländischen Greise entdeckten uns nun von Zeit zu Zeit immer mehr den Sinn des Kugelspiels. Die goldene Kugel sei ein Abbild der Sonne, die dunkelgrüne große dagegen wäre der Sitz einer mächtigen Gottheit, deren Stern sehr weit entfernt wäre und wir denselben deshalb nicht mit unseren Augen sehen könnten. Es gäbe davon einige. Die unsichtbaren Planeten nannten die drei Könige jene Mächtigen scheu. Wir fragten, wieviele es wären. Und sie sagten es uns – mindestens drei. Einer sei gewitzt und rasch, auch zornig und aufbrausend. Der andere schläfrig und trunken, zugleich aber ebenso zu gewaltigen Krafttaten befähigt, – das sei dieser große dunkelgrüne Ball. Der dritte jedoch sei der Fürst der Scheol. Unermesslichen Reichtum hüte er. Sprachlos und an den einzelnen Dingen völlig uninteressiert gehe er immer nur auf das Große und Ganze aus. Ihm gehöre die kleine purpurne Kugel, – den beiden anderen jene anderen, wie schon gesagt, die große dunkelgrüne und die etwas kleinere silbergraue. Wir hörten aufmerksam zu und machten uns unsere Gedanken, aber ehrlich gesagt: Wir verstanden eigentlich fast gar nichts von alledem.

Wenn nun, meinte Thomas, die goldene und die dunkelgrüne zusammenliegen, bedeutet ihr Zusammensein die Vermischung von Träumerei und königlichen Handlungen? Der Älteste unter den Magiern aus dem fernen Osten blickte Thomas erfreut an und bejahte dessen Vermutung, und er sagte Thomas, dass er das Prinzip der Sache zu verstehen im Begriff stünde.
Astrophilos schenkte Wein nach und dabei erzählte er uns von einer anderen Begebenheit, welche er erlebt zu haben vorgab. Er sagte:

Es geschah an dem Abend nach meiner Hochzeit mit der Tochter des Fischers Bartholomäus. Wir hatten noch einmal in die sechs Wasserkrüge, die wieder ruhig an der Hauswand lehnten, geblickt, – und waren dann zu Bett gegangen. Bei zwei oder drei Stunden hatte der Schlaf uns in seinen gütigen Armen gewiegt, als wir von einem Getön und Geklirr geweckt wurden, von dessen Herkunft wir uns zuerst keinen Reim zu machen wussten. Es sagte dann aber mein getreues Weib, jenes Geräusch müsse von den Weinkrügen oder den Wasserkrügen herrühren. Ich lief an das Fenster unseres Gemaches und schob die Vorhänge ein wenig beiseite. Da sah ich, wie sich irgendein Tier, ich konnte aber nicht erkennen, von welcher Art es war, bei den Krügen zu schaffen machte. An dem linken Krug empor geklettert war das Tierchen und lief auf dessen Rad immerzu im Kreise herum, wobei es seltsame Geräusche machte und mit blitzenden Augen dreinschaute. Ich beobachtete diesen eigenartigen Lauf eine gewisse Zeit, begab mich dann aber wieder in das Bett zu meinem Weib, das mich schon nicht ohne Ängstlichkeit erwartete. Jenes Geklirr und Getön draußen bei den Krügen hörte aber nicht auf, so dass auch ich mich zu beunruhigen begann.
Bald aber stellte sich heraus, dass all unsere Sorge umsonst gewesen war. Das Tier hatte offenbar den Duft des göttlichen Weines, der an den Krügen haften geblieben war, bemerkt und war dadurch angelockt worden. Nun fuhr es mit seiner rauen Zunge an den Rändern der Krüge entlang und das entlockte diesen Gefäßen einen fast überirdischen Klang. Wir lauschten noch eine lange Zeit und schlummerten ab und zu über der Musik ein. Erwachten wieder, von derselben Musik geweckt – und schlummerten, von dem Getön in den Schlaf gelockt, alsbald erneut. So ging das wohl bei zwei oder drei Stunden. Erst als der Morgen nahte, trat Ruhe ein. Wir hatten ein außergewöhnliches Konzert erlebt und sprechen übrigens noch oft davon.

Als Astrophilos seinen seltsamen Bericht vollendet hatte, kam eine fröhliche Stimmung unter uns auf. Dieser oder jener lachte leise vor sich hin, und – befragt nach dem Grund seiner Erheiterung – antworteten sie allesamt, es sei ein inneres Bild, dass sie zum Lachen bringe. Die raue Zunge eines kleinen Tierchens auf dem Rand eines alten großen Gefäßes. Und die Musik, die dabei entstünde. Das sei wahrhaftig sehr selten und sonderbar.

Jedoch an dieser Stelle widersprachen die Könige aufs Heftigste. Sie behaupteten, schließlich sei auf genau diese Art und Weise die gesamte Schöpfung entstanden. Hatte nicht der Erhabene (hochgelobt sei er) mit seinem Wort, das ja bekanntlich zwischen den Lippen von der Zunge gebildet wird, auf dem Rande des Nichts, welches durchaus einem unendlich großen leeren Krug zu vergleichen sei, gespielt? Mit zehn großartigen Melodietönen war alles aus dem Nichtsein in das Sein gerufen worden. Ebenso verhielte es sich mit diesem seltsamen Tier, welches, angelockt von wenigen Duftanmutungen, ein Lied gespielt habe, das dem hochzeitlichen Paar sowohl Schlummer als auch Erwachen aus dem Schlummer geschenkt habe.

Das sei wahr, erwiderte nun Philippus. Auch kreisten unsere Gedanken, so fuhr er fort zu überlegen, hin und wieder am Rande des Unglaublichen. Und es bildeten sich aus den Gedanken dann Worte, die wir nachlässig sprächen. Und aus diesen Worten wiederum entstünden Pläne, daraus Taten, Werte und Geschehnisse, Gewohnheiten und schließlich das Schicksal. Ja, – wie oft sähen wir uns nicht mit Wirklichkeiten konfrontiert, die wir erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen, obwohl wir selber deren Schöpfer waren …
Es wurde noch ein philosophischer Abend, – und die drei Oberphilosophen unserer Runde warfen natürlich ihre unvermeidlichen Kugeln. Aber sie konnten dieses Mal aus ihrem Wurf nicht recht schlau werden. Es bot sich ein absonderliches Bild, indem offenbar die große dunkelgrüne Kugel wiederum eine wichtige Rolle spielte. Die drei fingen bald damit an, in einer Fachsprache miteinander zu reden, die keiner von uns verstand. Wir hörten zwar die Worte, denn sie sprachen Griechisch wie wir. Aber es kamen in ihrer Besprechung viele Begriffe vor, die wir noch nie gehört hatten. Alles drehte sich um Kugeln, Himmelskörper, Sterne, Engel und Planeten. Spät brachen wir auf.

6. Abend
Am nächsten Freitagabend warteten wir gespannt darauf, was sich ereignen würde. Die Gäste erschienen, Astrophilos trug seine Köstlichkeiten auf und wir gaben uns dem langsam hereinbrechenden siebenten Tag und seiner einkehrenden göttlichen Ruhe hin.
Jemand, der den Sabbat nicht kennt, kann die große Freude, die dieser Tag mit sich bringt nicht verstehen. Man sitzt und singt, isst und erzählt und es scheint so, dass der Ewige (hochgelobt sei er) selber zugegen und in der Mitte ist. Man speist an der Tafel Gottes. Und die Weisheit der Schechina geht unerkannt im Kreis herum und schenkt diesem jenes und jenem ein anderes Wort. Und aus allen diesen geschenkten Worten baut sich auf geheimnisvolle Weise ein Gespräch über ewige und schöne Dinge. So haben wir es immer und immer wieder erlebt und jeder, der den Sabbat ernst nimmt, wird es, solange diese kleine Welt sich dreht, genauso erfahren.

Die drei Sternerfahrenen baten uns, wir sollten von Jesus erzählen, wie er zu seinen Gedanken fand, wie er seine Reden vorbereitete, wie er sprach und was er nach seinen Reden getan hätte.
Und nachdem alle durcheinandergeschwatzt hatten, gebot Petrus, wir sollten erst einmal zur Ruhe kommen. Dann erteilte er dem Lieblingsjünger des Meisters, keinem anderen als Johannes, das Wort. Und Johannes setzte sich würdig zurecht. Dann berichtete er, wie er einmal zur Nacht mit dem Meister auf dem See Genezareth gewandelt wäre. Der Meister hatte ihn plötzlich bei der Hand genommen und war mit ihm die Böschung zum See hinabgestiegen.
Dann waren sie auf die Wellen getreten. Es wäre ein sehr angenehmes Gefühl gewesen, die kühlen Wasser hätten den vom Staub und der Last des Tages gepeinigten und wunden Füßen gut getan. Sie wären weit hinaus gelaufen und die Sterne hätten sich über ihnen ausgebreitet wie eine schimmernde Glocke. Der Meister hätte in den Himmel geblickt, dann auf den Meeresspiegel und danach zu reden begonnen. Und immer wenn eine Sternschnuppe gefallen wäre oder ein Fischlein aus der Flut aufsprang, konnte er dieses zum Anlass nehmen, einen neuen Gedanken einzuführen oder dem gerade verfolgten Thema eine unverhoffte Wendung zu geben. Dieses sei aber immer sehr natürlich geschehen und es hätte so geschienen, als ob der Meister auf das Fallen der Sterne oder das Aufspringen der Fische fast gewartet hätte. Dieselben Himmelskörper oder kleinsten Ereignisse waren so etwas wie Buchstaben oder Worte und neue Kapitelüberschriften gewesen. Es entstand eine Rede, die der Meister nur vortrug, – und von der hätte man sagen können, sie sei genauso gut wie von ihm auch von den Fischen und Sternen da draußen gehalten worden.
Nun wäre, und Johannes dämpfte seine Stimme, als ob er nicht wolle, dass seine Worte allzu laut in den Raum hinausdrängen, etwas sehr Seltsames geschehen. Als sie mitten auf dem Meer angekommen waren, wäre plötzlich wie aus dem Nichts ein eigenartiger glänzender Karren auf dem Wasser gestanden und aus diesem Karren, der ganz und gar geschlossen gewesen, seien Menschen herausgeklettert, die den Meister ehrerbietig gegrüßt hatten. Sie baten ihn, mitzukommen, baten ihn, wie sie sagten, mit in die Zukunft zu kommen, aus der sie, wie sie sagten, eben zu uns gestoßen waren. Liebe Freunde, sagte Johannes, als er merkte, dass einige von uns die Stirn in Falten legten, es ist dieses alles gewisslich wahr. Ich habe es selber erlebt. Die Leute aus dem Karren trugen eigenartige Geräte in ihren Händen. Die einen sahen aus wie Griffel, andere wie kleine Platten. Aus diesen Platten drang Glanz hervor und die Stimme eines fernen Ratgebers, den sie immerfort zu befragen hatten. Sie sprachen in einer uns gänzlich fremden Zunge und ich verstand kein einziges Wort. In meinem Kopf aber wusste ich sehr genau, was sie von uns wollten. Sie redeten etwas in ihrer unverständlichen Sprache und in mir entstand die gehörte Bitte an den Meister, er möge ihnen in ihre Zeit folgen. Sie sagten etwas von dem 5800 Jahr nach der Schöpfung und in anderen Zahlen lautete diese Zeit “2049 Jahre nach der Geburt unseres Meisters”. Ja, sie baten ihn, er solle mitzukommen. Ich wollte schon den Meister anflehen, lass uns da hingehen, woher diese dort gekommen sind. Er aber lehnte es ab. Er sagte wortwörtlich: “Ich muss nicht in irgend eine Zukunft kommen, denn ihr kommt ja aus der Zukunft eben zu mir. Wir würden uns verfehlen, wenn ich nicht in dieser meiner Zeit bliebe.” Die Zeitreisenden, wie ich sie bei mir seit jenem Erlebnis nenne, staunten und warfen sich vielsagende Blicke zu. Etwa genauso, wie es unsere drei Könige aus dem Morgenland hin und wieder tun, wenn sie ihre Kugeln rollen lassen.
Schließlich sagten die Reisenden dort draußen auf den Wassern zu uns, wir sollten dann wenigstens mit Ihnen in die Vergangenheit reisen. Sie sagten ihm und mir, wir sollten ihnen helfen, dort hinten in der Vergangenheit die Geschichte zu ändern. Der Meister aber schlug ihnen auch das ab und meinte, er würde vielleicht nach seinem Tod, und ich erschrak als er das erwähnte, zu Aides in der Scheol einen Besuch machen gehen – aber dazu sei es noch zu früh. Sie nun jedoch sollten getrost in die Vergangenheit reisen und dort seine Boten sein. Es ging noch einige Male hin und her und die Reisenden verneigten sich schließlich und verschwanden in ihrem glänzenden Karren. Es piepte dabei etwa so, wie wenn Vögel am Morgen erwachen und dann waren sie plötzlich fort. Das Wasser war an der Stelle, wo ihr Karren gestanden hatte, wärmer als dort, wo unsere Füße die Wellen berührten. Jesus sagte wie zu sich selbst: “Da sind sie also immer noch unterwegs.” Dann wandte er sich mir zu und sagte ernst: “Ich darf nicht in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit entfliehen, weil die Suchenden aller Zeiten mich sonst verfehlen müssten. Mein Platz ist immer nur in der Gegenwart. Du darfst mich dabei begleiten.” Und dann drehten wir uns gegen das Ufer, wanderten wieder auf den Wellen und kehrten zu Euch zurück.

Thomas machte wie immer sein ungläubiges Gesicht und Petrus schaute missmutig drein. Das hatte wahrscheinlich seinen Grund darin, dass er damals auch auf den Wellen hatte gehen wollen, und wie dieser Versuch ausgegangen war, weiß inzwischen die gesamte bewohnte Welt.

7. Abend
Die Weisen aus dem Osten warfen alsbald ihre Kugeln in die Schale, diese rollten darinnen umher, machten eine Musik der schönen Art und in der Mitte blieben die große Grüne, die graue silberne und die dicke gelbe liegen, wobei die Gelbe zwischen der grünen und der grauen zu liegen gekommen war. Die drei schauten sich an und nickten in ihre Bärte. Dann schrieben sie alles auf und wir staunten, wie sie in dem Halbdämmerlicht überhaupt noch etwas erkennen konnten.

Heute aber war es soweit, wir ließen nicht davon ab, die Gäste zu bestürmen und verlangten die Deutung des Kugelspiels. Und weil wir von unsere Bitte nicht abließen und sie wohl zusätzlich einsahen, dass es nicht schicklich wäre, uns, ihre Gastgeber, weiter im Ungewissen zu lassen, willigten sie schließlich ein und begannen damit, uns den Sinn des Spieles nach und nach zu enthüllen.
Was wir nun erfuhren, hätten wir nicht im Traum zu denken gewagt. Das Spiel der babylonischen Greise war nämlich eine genaue Abbildung dessen, was am Himmel vor sich geht und als Matrix für das, was auf Erden geschieht, verstanden werden muss. Mit anderen Worten, wenn die Könige ihre Kugeln rollen ließen, dann rollten sie von selber nach der Weise, wie die wirklichen Ereignisse, die den Kugeln entsprachen, rollen würden. Dabei verhielt es sich aber so, dass die Kugeln nicht eher geworfen werden durften, bis dass “der Zeitpunkt gekommen sein würde”, wie sich der Älteste der drei ausdrückte. Als wir ihn fragten, wie er denn merke, wann und mit welcher Kraft und in welche Richtung er die Kugeln schleudern müsse, sagte er, das könne man nie im Voraus wissen. Sondern wenn der Zeitpunkt gekommen sei, – dann werfe man die Kugeln, oder besser gesagt, die Kugeln würden ihre Werfer sie werfen lassen. Als er das gesagt hatte, schauten wir uns an – und es entstand eine große Stille.
Lukas, der immer etwas mehr wusste als wir anderen alle – er hatte lange Jahre bei seinem vermögenden Oheim in Alexandria die dortigen Schulen besuchen dürfen – nahm das Wort und erzählte, wie der Meister ihn eines Tages in ein Geheimnis eingeweiht hatte. Sie waren beide um Feigen zu besorgen unterwegs gewesen. Der Meister hätte sich unter einen Feigenbaum gesetzt und gewartet, dass die Feigen abfielen. Darüber sei fast der ganze Tag vergangen. Etwa jede halbe Stunde löste sich eine Frucht vom Baum und rollte in den Sand, in welchem wir es uns bequem gemacht hatten, um irgendwo neben uns liegen zu bleiben. Wir hätten sie nur aufsammeln müssen und ich schickte mich auch tatsächlich an, sie in eine Decke einzuklauben. Aber de Meister bedeutete mir, mit dem Sammeln noch zuzuwarten, bis sie alle herunten lägen. Bei einigen Stunden lagen wir also im Sand und Feigen über Feigen fielen auch auf uns und rollten von unseren Körpern zur Erde. Der Meister und ich aßen einige davon und bald schliefen wir ein. Als wir am Abend irgendwann erwachten, war der Boden um uns herum mit Feigen bedeckt. Wir erhoben uns und sahen nunmehr, dass sich das Abbild unserer Körper im Sand abzeichnete. Genau dort, wo wir gelegen hatten, sah man keine Feigen. Ich staunte und der Meister sammelte nun jene Feigen ein, die am Rand unserer Bilder lagen, so dass die Bilder langsam aber sicher verschwanden. Ich fand das schade, denn es sah recht beeindruckend aus, wie der Meister neben mir geschlummert hatte, – oder besser gesagt, ich neben ihm.
Als Lukas seinen Bericht an dieser Stelle unterbrach, um Atem zu schöpfen, brachen wir anderen in lautes Rufen aus. Alle erregten sich über die Maßen darüber, dass Lukas gesagt hatte, der Meister hätte neben ihm geruht. Wir riefen dem Maßlosen zu, dass er neben dem Meister geruht hätte aber nicht jener neben ihm. Da sagte Lukas, er hätte das ja angedeutet, – aber er schämte sich dann doch noch gebührend und setzte sich hin. Sein Gesicht nahm den Ausdruck eines unsicheren Knaben an und er blickte verstört in die Runde. Petrus herrschte ihn an, was er mit seiner seltsamen Erzählung beabsichtigt hätte und er war drauf und dran, den Bericht des Lukas lächerlich zu machen. Ja, er behauptete, Lukas habe sich die ganze Sache nur ausgedacht, um sich wichtig zu machen.
An dieser Stelle aber meldeten sich unsere babylonischen Sternkundigen, als die sie sich uns nun unmissverständlich zu erkennen gegeben hatten, zu Wort, schüttelten angeregt ihre Köpfe und versuchten Petrus zu beruhigen. Sie sagten, auch ihre Kugeln rollten nicht an irgendeinen Platz, sondern nur dorthin, wo noch nichts anderes liege. Wir Menschen meinen zumeist, fuhren sie fort, dass dort, wo wir nichts sähen, auch nichts sei. Aber diese Annahme wäre eine der gröbsten Täuschungen, von denen die Menschheit sich seit Jahrtausenden narren ließe – und immer noch gern narren lässt.
Wir verstanden nicht ganz, was die drei mit all dem meinten. Aber jeder von uns spürte, dass ein wichtiges Thema angesprochen war.

8.Abend
Als wir noch in Gedanken versunken waren, stand Matthias auf und erzählte uns von einem seltsamen Traume, den er gehabt haben wollte. Und wir wussten zuerst nicht, ob er einen Traum, den er wirklich erlebt oder ob einen, den er erst zu träumen beabsichtige, meinte.
Wir hörten von ihm, der Meister hätte eines Nachts eine Scheibe aus seltsamem Material hergenommen, das Ganze mutete wie blasses Glas an, jedoch konnte man nicht hindurchschauen. Es war von dunkler Substanz, bzw. je mehr man diese Scheibe putzte, desto dunkler wurde sie. Der Meister hätte nun mit einem Seidentuch die letzten Schmutzreste entfernt und je mehr er das Tuch zur Säuberung benutzt hatte, desto schwärzer wäre die Scheibe geworden. Schließlich sei von der Scheibe ein beeindruckender Glanz ausgegangen, der das ganze Zimmer erfüllte. Dann hätte der Meister ihm bedeutet, etwas auf die Platte zu zeichnen. Er hätte sich anfangs geziert, denn er könne nicht gut zeichnen, sagte er verschämt – aber dann wollte er doch zur Feder greifen und hätte dieses auch getan. Er hätte das Bild eines Vogels gezeichnet. Sobald aber der Vogel in den Umrissen fertiggestellt worden war, hätte sich das Bild irgendwie belebt und sei durchsichtig geworden wie Glas. Ein Vogel war darauf zu sehen wie in der Natur. Nun sei auch Licht durch die Glasscheibe gedrungen. Zumindest hätte es so ausgesehen, als ob es hindurch gedrungen wäre.
Dann hätte der Meister ihm Folgendes mit stummen Blicken zu verstehen gegeben: Durch eine klare und völlig saubere Glasscheibe könne kein Licht strömen. Deshalb sei die Scheibe auch kohlrabenschwarz. Aber sobald irgendetwas auf dieser besonderen Scheibe abgezeichnet worden sei, käme alsbald zu Stande, was wir als sichtbar (oder lichtbar) auffassen können. Das Licht selbst käme nicht, aber es kommt doch etwas durch die Scheibe, und dieselbe wird hell – aber eben nur vermittels irgendeines Bildes. Das Bild sei also so etwas wie der Ruf nach einem Lichte. Recht eigentlich betrachtet sei das aber gar nicht mehr das Licht, sondern das Trugbild des Lichtes. Denn ein Bild sei immer nur Zeuge des Lichts, nicht das Licht selbst. Das Bild zeigt nur an, wie da etwas sei, das wir Licht nennen. Aber das Licht selber ist absolut nicht sichtbar. Nur die Trugbilder des Lichts werden von unseren Augen gesehen. Wir verwechseln dieselben jedoch mit dem Licht und täten das sogar gern und – der Einfachheit halber.
Matthias wendete diesen Gedanken noch einige Male hin und her. Aber wie sehr er sich auch mühte, seine Vision uns klarer zu machen; die meisten von uns wehrten seine Gedanken mürrisch ab. Und viele sagten gar nichts, sondern blickten spöttisch umher. Einige meinten, er solle aufhören und endlich Ruhe geben. Tatsächlich war dieser Gefährte ein sonderbarer Geselle; übrigens nur deswegen in unserer Mitte, weil das Los es so gewollt hatte. Meistens konnten wir mit seinen Überlegungen fast nichts anfangen. Wir schlossen ihn aber deshalb aus unserem Zirkel nicht aus, weil er halt durch das Los bestimmt worden war … Und fanden ihn aber ausnahmslos alle recht sonderbar, unmöglich und sehr anstrengend.
Die drei Magier aber hatten ihm offenbar interessiert zugehört und befragten ihn noch einige Zeit lang nach diesem seinem Traum. Wir aber meinen noch heute, er wollte sich damals nur wichtig machen. Wahrscheinlich hatte er überhaupt keinen Traum gehabt. Und sich alles nur ausgedacht, um unter uns den Eindruck zu erwecken, er sei auch so begnadet, wie etwa Petrus oder Johannes, die unserem Kreis vorstanden.

9. Abend
Wenn man das Kugelspiel verstehen wolle, begann nach einer langen Pause der Jüngste der Gäste – später erfuhren wir, dass er bereits 84 Jahre alt war – sei ein Fortkommen nur möglich durch Betrachtung jener Schale, in welcher die Kugeln zum Rollen gebracht würden. Es wird euch sicher aufgefallen sein, sagte er, dass die Kugeln nach innen gekrümmt sind, und die Schale so etwas Ähnliches ist, wie eine halbe große Kugel, in der die kleineren Kugeln sich befinden. Deren Krümmungsgrad ist allerdings unterschiedlich. Eine Schale, die nach außen gekrümmt wäre, würde die Kugeln nach Außen treiben. Eine Schale, die eine ideale Scheibe sei, ließe die Kugel jede an ihrem Ort. Wir hörten gebannt zu. Stellt euch eine Schale vor, die zugleich nach innen und auch im selben Maße nach außen gekrümmt ist. Eine solche Schale gibt es tatsächlich, – nämlich die ideale Fläche stellt eine solche vor. Nun bewegen sich die Kugeln in der Schale nur deshalb, weil sie von der Erde, die ja bekanntlich ebenfalls die Gestalt einer Kugel hat, angezogen und in Bewegung gebracht wird. So ist alles ein großes Kugelspiel. Kugeln bewegen sich durch Kugeln in Kugeln oder auf Kugeln. Trinkgefäße können nur Trinkgefäße sein, weil sie Halbkugeln gleichen, deshalb rollt der Wein in ihnen. Wenn man diesen aber ausschütte, zerstiebe er in lauter kleine kugelförmige Gebilde. Das sei ferne, rief Astrophilos und goss unsere Becher voll. Petrus, der übermütig geworden war, meinte nun, er würde gleich morgen einen ihm bekannten Töpfer den Auftrag geben, einen viereckigen Behälter herstellen. Aus dem würde er dann trinken. Aber niemand hörte ihm zu, sondern alle begannen damit, kleine Experimente anzustellen, indem sie die Finger in den Wein streckten und dann zusahen, wie dieser an den Fingerspitzen sich zu Tropfen formte – und nachdem die Tropfen auf den Tisch gefallen waren, sich dort runde Kreise abzubilden begannen. Eine nachdenkliche Stille trat ein. Philippus stand nun auf und fragte uns, ob er eine Begebenheit berichten solle, die er mit unserem lieben Meister erlebt habe. Wir setzten uns zurecht und baten ihn zu erzählen. Er nahm noch einen großen Schluck vom Becher, den Astrophilos ihm sofort gefüllt hatte und begann zu berichten:
Einmal gingen wir zusammen nach Brot aus, denn die Freunde des Täufers hatten sich für den Abend angesagt und wir hatten nicht mehr genug zu Essen vorrätig. Ihr kennt ja die Trinkschale des Meisters, die nun leider verschollen ist seit den Tagen seines Leidens. Als er das sagte, senkten wir unsere Köpfe. Das war tatsächlich ein schlimmer Verlust für uns alle, – der Meister hatte die Trinkschale ihrer Besitzerin zurückgegeben und als wir sie nach seiner Himmelfahrt von ihr zurückfordern wollten, war das Weib nicht mehr auffindbar gewesen und die Schale in ihrem Hausrat nicht vorhanden.
Wir kamen nun am Hause des Baal HaSchirim vorbei, fuhr unser Gefährte zu erzählen fort, ihr kennt ihn, denn er hat uns oft mit fröhlichen Liedern und Gesängen erfreut, bevor die Römer ihn in die große Stadt entführten, – ihn und seine Kinder alle. Und als wir vorbeikamen sang drinnen im Hause seine Tochter Rachele ein Lied nach der Weise des Schir HaSchirim. Sie übte den Gesang und wiederholte die Melodie wohl eine ganze Weile lang. Da setzte sich der Meister und gebot mir, mich auch niederzulassen, was ich tat. Dann zog er die Schale hervor, und schöpfte aus dem Wasserlauf, der an dem Haus des Baal vorüberglitt und daselbst im Laufe der Zeit ein kleines Becken in den Sand gegraben hatte, das Gefäß voll und schlug mit dem Knöchel seines Fingers gegen den oberen Rand der Schale. Und es gab einen Ton. Dann trank er einen Schluck und schlug erneut gegen die Schale, es gab einen Ton der heller war, höher. So als ob den ersten Ton ein Greis, den zweiten ein Mann gesungen hätte. Aber die beiden Töne erklangen zusammen mit dem Lied der Rachele. Jetzt, als sie einen Ton sang, erklang ebenderselbe Ton aus der Schale heraus, so dass ich mich sehr verwunderte. Als der Meister die Schale geleert hatte, füllte er sie neu mit Wasser. Er gab sie mir, denn er hatte gemerkt, dass auch ich durstig geworden war. Ich schlug an das Trinkgefäß. Eben in diesem Moment begann das Kind erneut damit, die Melodie zu singen. Ich hatte großen Durst und leerte die Schale bis zur Hälfte. Dann klopfte ich mit dem Nagel meines Zeigefingers an die Stelle, wo mein Mund das köstliche Nass geschlürft hatte. Ein hoher Ton erklang – es war eben derselbe, wie ihn das Mädchen jetzt sang. Ich wagte fast nicht das Gefäß neu an den Mund zu heben und ganz auszuleeren. Aber der Meister gebot mir, dass ich es tun sollte. Dann zogen wir weiter.

Als Philippus mit seiner Geschichte zu Ende gekommen war, begannen alle an ihren Trinkschalen herumzuklimpern. Es wurde ein Konzert von unzusammenhängenden Tönen. Aber wir erfreuten uns daran und unsere Gedanken gingen zurück zu jener Zeit, als der Göttliche noch unter uns weilte und sich tagtäglich solche kleinen Wunder wie von selbst ereigneten. Da es aber schon spät geworden war und das Weib des Astrophilos schon mehrere Male zu uns hereingeschaut hatte, machten wir uns kurz vor Mitternacht auf und davon.
In jener Zeit kam das Gerücht auf, dass drei mächtige Magier das Reich des Kaisers Nero zu zerstören planten. Nero aber war derjenige, welcher sich ebenso wie der Verräter Judas, der eigentlich nicht verdient, ein Jünger weiter zu heißen, selber gerichtet hatte. Die heiligen Stätten waren damals noch nicht von den Verhassten zerstört worden, trotzdem hatten wir uns von dort bereits gänzlich zurückgezogen. Wir lebten, wie schon berichtet, bei Astrophilos, der sein Haus in Kinneret am See hatte und uns als vermögender Mann unterstützte. Einige von uns waren zu jener Zeit schon lange entschlafen, andere im Martyrium eines gewaltsamen Todes verherrlicht worden. Unserem Gefährten Jakobus war damals im Traum ein Engel erschienen, der hatte ihm geraten, jene Stadt, in der kein Stein auf dem anderen bleiben sollte, lieber zu meiden. Wir hatten sein Gesicht beachtet und wieder einmal alles verlassen.
Man begann damals Jagd auf diese drei Magier zu machen. Und wir ahnten natürlich, dass jene gesuchten Männer genau die waren, welche bei uns an den Sabattvorabenden ein und aus gingen. Wo sie in der Woche über wohnten; das hatten wir nicht zu fragen gewagt. Und auch keiner von uns wollte es wirklich wissen. Wahrscheinlich hausten sie draußen irgendwo in den Höhlen. Aber der Segen des Höchstens ruhte auf ihnen und mit ihnen wohl auch auf uns. Niemand schöpfte Verdacht, dass jene klapprigen Greise die gesuchten Feinde des verhassten Nero sein könnten. Und so setzten sich unsere Treffen immer weiter fort. Und immer heißer wurde es, denn immer mehr ging es in unseren Unterredungen um das seltsame Kugelspiel.

10. Abend
Je mehr wir in das Geheimnis der Kugeln eingeweiht wurden, desto mehr seltsame Dinge geschahen. Schon, dass wir uns an die längst vergessenen Erlebnisse mit dem Meister erinnern konnten, war bemerkenswert. Dann, dass Menschen, von denen wir abends sprachen, uns bald danach aufzusuchen begannen oder einige von uns Schauungen hatten, die von diesen ausführlich berichteten. Alles das häufte sich – und die drei Sternengreise sagten lachend, dieses sei ein Nebeneffekt des Kugelspiels. So, wie bei einem Zimmermann Späne in der Werkstatt herumlägen, weil ein Zimmermann naturgemäß eben Späne erzeuge, genauso bildeten oder ereigneten sich bei unseren gemeinsamen Kugelgesprächen kleine Kugeln. Erlebnisse seien ja bekanntlich nichts anderes als kleine Welten, in die wir einträten, bzw. die uns in sie eintreten hießen oder uns ganz natürlich und sphärisch umgäben, ohne dass wir es immer sogleich bemerken würden. Und alle diese Kugelwelten rührten her von den Denkspänen, als wirklichen Abfallprodukten unseres ernsthaften Nachsinnens über das Spiel mit den Kugeln, die, wie wir erfahren hatten, die göttlichen Lichter am Himmelszelt bedeuten sollten.
Thomas, der Findigste unter uns, fragte, inwiefern denn die Kugeln jene fernen Lichter bedeuten könnten, denn sie seien doch Kugeln, die Lichter aber seien Lichter im unendlichen Raum und zwischen diesen und jenen gäbe es keine Verbindung als unsere wünschenden Gedanken, die sich vorstellten, es könnte eine Verbindung zwischen beiden geben.
Darauf antwortete der Greis, der die Kugeln rollen ließ, Folgendes: Lieber Freund, du hast Recht. Es scheint keine Verbindung zu geben außer unseren Gedanken. Aber es ist doch noch eine andere Verbindung da. Denn siehe, die Sonne und der Mond haben unterschiedliche Umlaufzeiten um unsere Erde, ehe sie sich wieder an jenem Punkt zeigen, an dem sie losgelaufen sind, als wir unsere Messung gegen sie begannen. Die Sonne etwa läuft 365 Tage um und der Mond nur etwa 27 Tage. Deshalb haben wir eine Kugel gebaut, die das 13,5 fache der anderen an Raum verdrängt. So haben wir das Umlaufverhältnis der Zeit in ein Verhältnis im Raum übersetzt. Und deshalb kann man solche Aussagen, die von der Lage im Raum Zeugnis ablegen, umformen zu andern Aussagen, welche nun die Zeit betreffen.
Thomas dachte nach und freute sich über diese Idee, dass Raum und Zeit miteinander durch Verhältnisse verbunden seien und ineinander übersetzbar wären. Er konnte sich darüber freuen wie ein Kind, dem man eine Süßigkeit vorsetzt. Wir anderen alle verstanden nur schwer und nach vielen Wiederholungen, was überhaupt gemeint sein sollte.
Der Greis fuhr nun fort und sagte, alle zehn Kugeln zusammen hätten nun das Gewicht der Schale, in der sie umherrollten und jede einzelne Kugel wöge so viel wie jede andere auch, ganz gleich, wie umfangreich sie alle geraten waren. Dann bat er Astrophilos um eine Kanne mit klarem Wasser und um zehn Trinkgläser, die dort immer auf einem Wandbrett standen und wohl aus Ägypten stammen mussten, wo man sich mit der Herstellung solcher Kostbarkeiten auskennt. Astrophilos wollte nicht recht, aber schließlich rückte er die Gläser doch heraus, freilich nahm er den Greisen vorher das ausdrückliche Versprechen ab, sie zu ersetzen, wenn etwas Unvorhergesehenes mit den ihm offenbar heiligen Gefäßen geschähe, und dieselben Schaden nähmen oder gar ganz zerstört würden. Der Greis versprach für etwaige Schäden aufzukommen und stellte die Gläser in eine Reihe, dann nahm er einen Holzstecken und klopfte an die Gläser. Es stellte sich heraus, dass sie alle den gleichen Klang ertönen ließen. Er füllte sie mit Wasser bis oben an und klopfte wieder an die Gläser. Es war derselbe Klang bei allen zehn, – nur viel tiefer. Seht, sagte der Greis, – davon hat uns Philippus schon vorhin eine Geschichte erzählt: Wie euer Meister das Lied einer jungen Frau begleitete – nach de Melodie Schir HaSchirim.
Jetzt nahm er die Gläser und goss das Wasser zurück in den Krug, der sich bis oben an füllte. Dann nahm er die erste Kugel her und tauchte sie in den Krug. Das Wasser, das von dieser Kugel verdrängt wurde, floss nun in ein Behältnis, welches der Greis vorsorglich unter den Krug gestellt hatte. Er nahm dieses Behältnis behutsam her und goss das übergeflossene Wasser in das erste der Gläser, die er auf den Tisch gestellt hatte und die dort im Licht des Sabbatleuchters schimmerten. Dann füllte er den Krug wieder auf und tauchte die nächste Kugel in den Krug. Der Krug floss über und der Greis füllte den Überfluss in das zweite Glas. Dann füllte er bis oben hin nach – und nahm nun die dritte Kugel und verfuhr ebenso mit einem dritten Glas. Und so fort bis hin zur zehnten Kugel. Schließlich waren alle Gläser mit unterschiedlichen Wassermengen gefüllt. Der Greis nahm den kleinen Stock und ließ ihn die Gläser berühren. Eine zauberhafte Melodie ertönte. Wir staunten und Astrophilos weinte sogar – er konnte nichts dagegen tun. Wahrscheinlich rührte es ihn besonders, dass die Gläser so ein schönes Konzert veranstalteten. Jeder von uns klopfte an die Gläser, aber am schönsten klang es, wenn Johannes darauf spielte. Und das tat er den ganzen Abend über und sein Blick war dabei sehr versonnen. Er erinnerte sich wahrscheinlich an den Meister. Dieser hatte ihn besonders lieb. Das haben wir übrigens nie verstanden – es war schwer für uns, wie er einen lieber hatte als die anderen. Was war an Johannes so Außergewöhnliches, das wir nicht auch besessen hätten? Ach …

(von Matthias Schollmeyer – Pfarrer in Zahna)

Tariq kam nach Deutschland

Tariq kam nach Deutschland. Er hatte eine lange Odyssee hinter sich. Über Syrien und Kurdistan, Türkei und Griechenland kam er nach Deutschland. Wenn nicht hier, dann Schweden, sagte er sich. Aber warum? Weil hier das Leben gut ist. Natürlich. Allah will, dass alle seine Geschöpfe in einem Guten Leben leben.  Aber hier ist Freiheit, die zum Leben nicht gut ist. Die entspricht zwar in seltsamer Weise dem Guten Leben, ist aber für das Leben nicht gut. Wie Allah die Freiheit verboten hat. Es entspricht der Ordnung und der Würde der Frau, dass sie freiwillig zum Schleier greift. Freiheit geht nur als freiwillige Unterordnung unter die Ordnung. Freiheit des Westens und Demokratie verbinden sich nicht mit der Ordnung und der Würde der Frau. Das ist ein Widerspruch, den man lösen muß, wusste Tariq. –

Er wollte seine Familie nachkommen lassen, soviel war sicher. Nicht wegen der Freiheit in Deutschland (oder Schweden), sondern wegen des Guten Lebens. Familienzusammenhalt ist ein Gebot Gottes, wusste Tariq. So wollte er seine Familien nachkommen lassen. Aber sie, seine Leute, würden die Freiheit sehen und die Gottlosigkeit der Abendländer, Deutschen oder Schweden. Ihre Sittenlosigkeit. Da kommt ein Widerspruch auf, wusste Tariq. Den muß man lösen, sonst kann man nicht leben im Guten Leben. Gott hat das Gute Leben den Abendländern geschenkt. Damit eine Welt vorbereitet ist, die uns, den Rechtgläubigen, übergeben werden wird. Die Ungläubigen, deren Häuser zerstört werden müssen, wie wir in der Redewendung sagen, weil Allah es so will, haben für uns eine vorbereitende Funktion. Das war schon mal so, als wir vor Wien standen. Damals waren die Ungläubigen halsstarrig und haben uns nicht hereingelassen. Ach, wusste Tariq, wenn das damals gelungen wäre – wie weit könnten wir heute sein! Diese Halsstarrigkeit!

Aber jetzt sehen die Dinge anders aus. Jetzt ist in der Welt klar, was Allahs Wille ist. Wußte Tariq. Nur diese Halsstarrigkeit der Ungläubigen …!

Er ging zum Bahnhof, wo er seine Familie erwartete. Schaute auf die Normaluhr. Gleich … – Da platzte die Bombe. Es war ein Landsmann von Tariq, der seinen Rucksack zündete. Ein großer Nagel flog. Und zerschlug ihm, Tariq, die Schulter. Siebzehn Sekunden blieben Tariq. Um zu überlegen, warum in der schönen Welt der Abendländer das Gute Leben immer wieder gestört wird. Diese Halsstarrigkeit der Ungläu … Dann kam die Bewusstlosigkeit.

Im Johanniterkrankenhaus der Stadt erwachte er. Eine Schwester von der Bahnhofsmission hatte ihn an den Füßen aus der Gefahrenzone gezogen und die starke Blutung gestillt. Im Krankenhaus bekam er Blutkonserven. Die Konserven hatten keine Religion. Sie waren weder gläubig noch ungläubig.

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)