von der Kirche zu unseren Zeiten

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Erkenntnisse und Bekenntnisse einer Pfarrerin
o d e r
Wie man trotz allem standhalten
und in den kleinen Gemeinden unserer Kirche
freudig Dienst tun kann

von Irene Heinecke (Pfarrerin in Flechtingen)

Vorwort

Das hier – ist ein Aufschrei und Protest. Protest gegen jenen breiten Weg, den die Kirche eingeschlagen hat. Protest gegen Verflachung und Bespaßung, gegen Wellness- und Wohlfühlideologie, gegen Einseitigkeit und Achtlosigkeit, Bevormundung und gegen unbewusstes oder bewusstes Niederhalten von Kritik. Zugleich ist mein Aufschrei aber auch ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit und Besonnenheit, Bibellesen und Gottvertrauen, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Ich schreibe aus meiner persönlichen Erfahrung nach zweiunddreissig Dienstjahren. Und als Protestantin, die nicht anders kann.

Über längere Zeit schon hatte ich Gedanken zu sammeln begonnen. Nun trage ich sie alle zusammen – und trage sie auch anderen vor. Ich klage nicht an, ich will nur aussprechen, weil es an der Zeit ist, den Vielen eine Stimme zu geben, die im Herzen ebenso barfuß sind wie ich es bin. Ich möchte schreiben für jene Pfarrer und Mitarbeiter, die als veraltet gelten, weil sie festhalten am Worte Gottes. Für die, welche als faul gelten, weil sie vieles nicht sofort mitmachen und lieber länger nachdenken. Für die Stillen, die völlig unbeachtet ihren Dienst tun, dabei keine Zeit, keine Kraft oder keine Lust mehr haben, den Mund aufzutun. Für die Verkannten, die nie verstanden worden sind und sich nicht mehr erklären wollen. Für solche, deren Weihnachten nicht mit einem Krippenspiel steht oder fällt. Für die Gescholtenen, weil sie Nein sagten und einen eigenen Weg gingen. Für die, die sich innerlich längst abgewendet haben, weil sie in Dauer-Coaching, Teamgeistbeschwörung, Barcamp 4.0 und gendergerechter Sprache keine Lösung für anstehende Probleme sehen. Für die, die zu zerbrechen drohen an den Widersprüchen zwischen Verkündigung und Wirklichkeit in der Kirche. Und besonders auch für jene, welche Gott noch immer suchen – aber in der Kirche immer weniger meinen finden zu können.

Ich stelle in Frage und hinterfrage, um durch alles Vordergründige zu der verloren zu gehenden Mitte durchzudringen. Es mag Gemeinden geben, bei denen sich gegenwärtig (noch) keine Fragen stellen. Es mag Unterschiede geben von Ort zu Ort, von Stadt und Land sowieso. Doch im Grunde – im tiefsten Grunde – sind die Brunnen, aus denen wir schöpfen, vom selben Quell gespeist. Wo aber bereits der Quell vergiftet ist, ziehen die Brunnen irgendwann ein und das selbe ungenießbare Wasser.
Auch beschreibe ich im Folgenden (m)ein positives Ideal. Ideale müssen sein – als unverratene Ziele. Uns ist nach der Schrift verheißen, Träume zu haben (Apostelgeschichte 2). Und dabei beständig und erinnernd zu bitten: „Dein Reich komme.“ Freilich – ich scheine da einen hohen Anspruch zu setzen? Warum nicht! Es gibt ja auch die, welche den Anspruch herunter brechen werden.

1. Thesen

1. Als unser Herr Jesus Christus zu seinen Jüngern sprach: „Ihr seid das Salz der Erde und ihr seid das Licht der Welt“, wollte er, dass ein paar wenige die Menschen mit der Gegenwart des Heiligen erfreuen und beständig an diese Gegenwart erinnern. Er wußte, wenige werden genug sein.

2. Das Ordinationsversprechen bindet mehrfach an dieses Wort Gottes. Doch im Alltag der Kirche spielt es kaum noch eine Rolle.

3. Lässt sich die Kirche gegenwärtig nicht mehr vom Geld bestimmen als vom Wort Gottes?

4. Immerzu verlangt die Kirche Geld als Steuer und Beitrag oder bittet darum als Kollekte, Spende und Sammlung. So verbinden viele Menschen die Kirche vorrangig mit Geld – aber nicht mit Gott.

5. Die Kirche selbst ist für ihre Sache eine eher problematische Werbung.

6. Gottsucher haben es schwer, in der Kirche zu Gott zu finden.

7. Niemand muß sich schämen, Gott nicht gefunden zu haben. Die Sehnsucht nach Gott ist ins Herz gelegt – das reicht. Und man sollte davon reden.

8. Die Kirche ist nicht nur in der Krise, sie ist am Ende! Und lebt nur noch von der Asche einstiger Feuer.

9. Die Kirche hat viel zu lange und zu sehr nach außen gewirkt und sich dabei vom Wort Gottes immer mehr entfernt und entfremdet.

10. In den zahlreichen Sitzungen spielt Gottes Wort kaum eine Rolle. Es geht um Geld, Gebäude, Personen, Zahlen, Termine, Rechtsfragen.

11. Kirche muß sich von den Zahlen lösen. Wer hauptsächlich auf Zahlen sieht, übersieht das Unzählbare.

12. Gott wird verdrängt durch Geschäftigkeit. Gott läßt sich verdrängen. Das ist die Freiheit, die er sich nimmt.

13. Die schnelllebige Zeit führt in Oberflächlichkeiten. Und die dringt auch in die Kernbereiche der Kirche ein. Die Kirche müsste bewußt und massiv dem etwas entgegensetzen.

14. Es wird zu viel beschönigt und zu wenig hinterfragt bzw. beim Namen genannt.

15. Es wird zu viel gearbeitet und zu wenig geliebt.

16. Als Seelsorger braucht die Kirche sensible Menschen. Zugleich kann sie deren Potenzial nicht oder nur schlecht nutzen.

17. Als Arbeitergeber ist die Kirche auch verantwortlich für das Wohl ihrer Mitarbeiter.

18. Was als gute und helfende Maßnahmen gedacht war, ist ins Gegenteil umgeschlagen.

19. Kirche macht sich schuldig an ihren Mitarbeitern, wenn sie auf leitende Stellen Vorgesetzte ohne entsprechende Ausbildung und Menschenkenntnis einsetzt oder beruft.

20. Als Arbeitgeber hat sich Kirche nach den gesetzlichen Vorgaben zu richten. Intern aber soll und muß gelten: „So sei es nicht unter euch.“

21. In die Kirchenleitung dürfen nur Menschen gewählt oder berufen werden, die ein hörendes Herz haben.

22. Kirche müßte ein Fasten ausrufen und in Sack und Asche sitzen wie der König von Ninive mit seinem Volk.

23. Propheten haben stets gegen den Trend der Zeit gepredigt. Wenn Predigt in der Kirche prophetische Rede sein soll, muß sie es genauso tun.

24. Auf die diffusen Erwartungen irgendwelcher Menschen und Leute einzugehen, macht prinzipiell den Menschen zum Maßstab und verliert dabei das rechte Maß.

25. Wer Anerkennung bei den Menschen sucht, ist auf dem falschem Weg.

26. Wir dienen nicht der Gemeinde, sondern Gott.

27. Um wirklich nah bei den Menschen zu sein, muß der Verkünder zuerst nah bei Gott sein.

28. Die Nähe Gottes ist zwar oft nicht anders zu haben als durch lernendes „Leiden“. Aber das ist keine Rechtfertigung für Willkür und Gewalt.

29. Unser Umgang untereinander ist ein Abbild unseres Verhältnisses zu Gott.

30. Es ist ein Trugschluss zu glauben, es hätte jemals bessere Zeit gegeben.

31. Wenn wir bitten „Dein Reich komme!“, müssen wir dieses Reich auch mehr von Gott als von uns selbst erwarten.

32. Einsamkeit ist etwas sehr Gutes. Sie beschenkt uns mit der gesteigerten Gegenwart Gottes.

33. Wir müssen von vorn anfangen. Ganz unten. Ganz klein. Eingedenk, dass es unter Jüngern, also unter Christen und in der Kirche, immer anders sein sollte als in der Welt.

2. Erkenntnisse
2.1. Biblische Wahrheiten – Das Wort Gottes ist die Quelle der Weisheit. Sirach 1, 5

1. Als Jesus zu seinen Jüngern sagte, ihr sind Salz der Erde und ihr seid das Licht der Welt, meinte er, dass das Wenige und Unvollkommene ausreichend sei für die rechte Ausbreitung des Evangeliums. Es war seine Gewissheit, dass ein paar Wenige die Menschheit unentwegt daran erinnern werden, dass ein Gott ist. Drei Viertel der Saat geht verloren. Doch ein Viertel bringt Frucht in Geduld, weil die Hörer das Wort bewahrt haben. Von zehn geheilten Aussätzigen kam einer zurück, um Gott die Ehre zu geben. Es ist ein schmaler Weg, der zum ewigen Leben führt – und nur wenige wählen ihn. Jesus hat die Seinen nie im Ungewissen gelassen über die Zukunft, aber auch nichts beschönigt. Wieso erwarten wir heute also großen Zulauf?

2. Jesus stellt andere Regeln auf: „In der Welt … so aber sei es nicht unter euch.“ Unter Christen und damit in der Kirche sollen andere Maßstäbe gelten als in der Gesellschaft. Auch warnt Jesus davor, Knechte der Menschen zu werden. Ebenfalls Paulus, wenn er Timotheus ermahnt, nicht das zu predigen, was die Menschen hören wollen. Es wird nicht helfen, anziehend zu predigen. Dadurch findet niemand zu eigenem und wahrem Glauben. Mit allzu vielen und schönen Worten wird Gott vielleicht sogar eher verraten.

3. Wir wünschen einander frohe Weihnachten, frohe Ostern, frohe Pfingsten. Abgesehen von mancher Unkenntnis im Blick auf den Inhalt dieser Feste, entstehen sie eigentlich jedesmal besonders aus der Überwindung von sehr viel Leid und seelischer Not. Kein Raum – leeres Grab – Mißverstehen. Man könnte fragen: „Wo ist Gott?“ Aber Gott ist jedesmal da. Der Weg des Heils geht immer durch solche und ähnliche Tiefen. Das bleibt Achtungszeichen gegen eine oberflächliche und verflachte Auslegung und Verführung, nur lesen oder hören zu wollen, was man gern lesen oder hören will.

4. Egal was Jesus tat, es konnte ihm falsch ausgelegt werden. Ebenso sein Reden. „Ihr versteht es jetzt noch nicht“, nimmt er sich selbst in Schutz. Muß ein solches Aussprechen zeitlich vor dem Zeitpunkt des Verstehens liegen? Es könnte Panik machen. Es bringt unter Umständen Ablehnung. Doch immer nur zu sagen, was in die Zeit paßt und verstanden wird – das ist zu wenig und deshalb falsch. „Der Geist wird es euch lehren“, sagt Jesus. Das ist die Ermutigung dafür, mehr zu sagen, als im Moment zu fassen ist und den Menschen etwas zuzumuten – und das auch einmal so stehen zu lassen! Ungewissheiten sind auszuhalten im Wissen, die Wahrheit des Wortes wird sich irgendwann aus sich selbst heraus erschließen.
Stimmen wir den Menschen dagegen immer nur zu und geben immer nur Milch, erwarten die Menschen weiterhin Bestätigung und Wohlgefühl – und werden am Ende genau darüber doch unzufrieden. (Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst, Sprüche 29, 18) Auch entspricht ein solches halbiertes Evangelium nicht dem Evangelium. Gottes Wort ist ein zweischneidiges Schwert. Zugleich spricht die Stimme, die uns auf den rechten Weg ruft, oft sehr leise.

5. Ist das Heilige überhaupt aussagbar? Mose zumindest konnte zwar mit Gott reden, aber nicht mit dem Volk. Das tat sein Bruder Aaron. Auch Paulus kam nur mit geringen Worten nach Korinth, und was an Glauben dort entstand, kam eher nicht nicht aus menschlicher Klugheit, sondernd wurde durch Gottes Kraft bewirkt. Gott selbst verheißt, dass sein Wort die Erde berühren und befruchten wird, wie Schnee und Regen es tun. Wir brauchen keine andere Sprache. Höchstens eine schönere, weil Schönheit die Erfahrung des Einerlei unterbricht und staunen läßt. Luther scheint das gewußt zu haben …

6. Die Propheten predigten azyklisch, gegen den Trend der Zeit. Wenn Friede war, warnten sie; wenn schlimme Zeit war, riefen sie zur Hoffnung. Einen solchen Auftrag hat die Kirche und alle ihre Mitarbeitenden auch. In der heutigen sich immer mehr beschleunigenden, lauten und veräußerlichten Zeit, in der die Kirche an den Rand gedrängt wird, sich selber oftmals als schwach erfährt und doch wie ein junges Rösslein springen will, ist folgendes Bibelwort zu erinnern: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“ (Jes. 30, 15)

7. Die innere Haltung der Verstocktheit bei Gottes Volk und den Völkern überhaupt zieht sich ebenfalls durch die Schriften der Bibel. Paulus will darin sogar einen Sinn erkannt haben (Römer11). Nie werden alle Menschen verstehen, müssen auch gar nicht, weil es – nicht geht. Sie werden hören und nicht hören, sehen und nicht sehen. Niemals sind alle auf der gleichen Höhe. Das wirklich ernst zu nehmen – entlastet sehr von falschen Erwartungen.

8. Der verlorene Sohn und das verlorene Schaf – das sind zwei Wege, auf denen Gott Menschen zu sich führt. Zum einen dringt ER ins Herz und bewirkt Umkehr, zum anderen geht ER nach und trägt heim. Dazu muß man sich aber auch finden, aufheben und tragen lassen wollen. Ohne Wollen geht gar nichts.

9. „Ruhet ein wenig“, lud Jesus seine Jünger ein. Selbst Gott macht die Pause am siebenten Tag und ruht. Pausen sind notwendig. Sie helfen uns dazu, nicht nur Kraft zu sammeln, sondern auch die leise Stimme Gottes neu zu hören. Die Wahrheit ist in der Tiefe des Herzens. Darum ernährt die Stille. Zudem geben Pausen Gott Raum. Wie oft stehen wir IHM durch unsere Voreiligkeiten im Weg, erschweren den Fluss seines Plans, verkomplizieren dadurch die Situation. Viel Leid ist geschehen durch Voreiligkeit – davon handelt manche biblische Geschichte (z.B. Abraham, Rebekka). „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr“ sagt der Prophet.

10. Paulus wollte stets mehr erreichen. Doch er mußte sich genügen lassen. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig, seine Stärke ist die kleine Kraft. Das bedeutet, dass Gott für die göttlichen Wirkungen auch Raum und Zeit einzuräumen sind. Wirken, Fortbringen und Vollenden braucht Raum und Zeit. Wenn Paulus nach einem von ihm selbst geprägten Bild in der Kampfbahn läuft, dann hat er sich darauf zuvor vorbereitet. „Macht Bahn“, ruft Jesaja seit uralten Zeiten. Insofern ist es nicht unsinnig zu fragen: „Wo wird Gott der Weg breitet? Wo lassen wir uns an dem wenigen, was wir tun können, genügen? Wo vertrauen wir, dass Gott das Seine zur rechten Zeit tun wird?“ Auf der Hochzeit zu Kana füllen die Diener gewöhnliches Wasser in die Krüge der Tradition. Die Verwandlung geht auf das Konto Jesu.

11. Das Reich Gottes ist verheißen. Zu gegebener Zeit kommt Jesus zurück und verwandelt die Welt. Advent für Advent wird daran erinnert. Doch wer glaubt das wirklich? Wir tun oft so, als müßten wir dieses Reich hier bereiten und selbst herbeiführen. Es ist jedoch nicht von dieser Welt. Auch gibt es vorher die schlimme Zeit. Dieselbe auszukaufen meint – sich nicht beirren zu lassen im festhalten des Glaubens und im Leben des Glaubens, so wie es verheißen ist durch Lukas 1, 45. Verglichen wird das Reich Gottes bekanntlich in vielen Bildern – u.a. auch mit einer selbstwachsenden Saat. Autogenese – hier kann man nichts tun, nicht zupfen und ziehen. Hier muß man warten in Geduld. Die Verführung ist freilich groß, das langsame zu beschleunigen.

12. Oft wird vom „lebendigen Gott“ geschrieben, ebenso von lebendiger Hoffnung, lebendigem Wort und Weg. Es gibt wohl also tatsächlich auch den toten Gott, leere Worte und erstorbene Hoffnung. Wer aber in Christus sein will, lebe als neue Kreatur. Glaube bleibt lebendig, wenn er seine Erfahrungen mit Gott machen kann. Wir sollen uns kein Bild von IHM machen. Zugleich gilt aber auch, dass wir ein Bild brauchen, um IHN berühren zu können. Wie der Glaube wächst und reift, so wird sich auch das Gottesbild ändern. Dabei gilt: Gott kann immer noch ganz anders sein. Das haben Gottsucher und Gottfinder erlebt – Elia, Jesus, Maria Magdalena und Paulus. Wir sollen IHM einfach zutrauen, das wir ihn finden können.

13. „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens“ – das ist Abrahams Fazit. (1. Mose 47,9). Mit hohen Erwartungen beginnen zumeist alle ihren Dienst. Manche resignieren, wenn der Erfolg ausbleibt. Andere werden klug darüber und erkennen: Mit unsrer Macht ist wirklich nichts getan. Wenn es keinen Erfolg gibt, so können wir doch selbst daran wachsen und reifen im Glauben. Auch wenn das als Einzige bleibt, kann es viel bedeuten und deshalb genug sein. Thomas lernte aus der Signatur der Wunden Jesu. Könnten nicht auch andere aus unserer Schwachheit lernen?

14. Jeder ist ein Geschöpf Gottes. Jeder hat seine je eigenen Gaben, von Gott selbst ihm zugedacht. Man erwarte nicht von anderen (Mitarbeitern) das, was die gar nicht leisten können. Da wird verurteilt und vorverurteilt, in Schubladen gesteckt und mit fertigen Bildern gearbeitet. Anstatt Achtung und Respekt erfahren wir vielfach gegenseitige Ablehnung. Wo ist der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit? Wo ist Verstehen, gar ein Blick aus Gottes Sicht? „In deinem Licht sehen wir das Licht“ singt der Psalm. Wo tritt jemand für den anderen noch ein, wie einst Nikodemus für Jesus? (Joh. 7, 51) Ist der Umgang untereinander nicht ein Abbild unseres ganz persönlichen Verhältnisses zu Gott?

15. Wir sollen Gott über alles lieben. Liebe kann man nicht einfordern. Gott tut es. Zurecht. Wen man liebt, von dem nimmt man alles und dem gibt man alles, überläßt ihm alles und traut ihm alles zu. So wird Liebe zum Glauben. Liebe ist die Voraussetzung, um glauben zu können. Darum wird sie die größte Gabe genannt. Glaube wiederum gibt Erfahrung mit dem Geliebten. Glaube führt zur Erkenntnis. Nun ist der Liebende ein Zeuge und kann wiederum anderen Anlass zum Glauben sein. Darum zeugte der historische Jesus stets von der Liebe Gottes. Insofern ist das höchste Gebot eine Einladung zur Gotteserkenntnis. Dass Gott weiterhin nicht zu greifen sein wird, ist dabei kein Hindernis. Für den Sonderfall der Gottesliebe würde die Anwesenheit des Geliebten die Liebe nur stören. (Rabbuni – noli me tangere. Jesus und Maria an der Schwelle zur Auferstehungskammer!) Außerdem macht erst Liebe den Menschen wirklich mutg.

16. Das Kreuz ist ein Zeichen für die Liebe und für die Vergebung. Hier ist alle Schuld abgetragen worden. Und zwar einmal für alle Male – einfürallemal. Gott braucht keine Opfer mehr. Und ob er jemals welche brauchte, wäre berechtigt zu hinterfragen. Wir müssen Mühsal und Leiden nicht mehr hinnehmen. Das Opfer des Schmerzes bringen wir nicht mehr Gott, sondern uns selbst, um Gott dort zu finden, wo er (nicht mehr) sein wollte. Denn die Nähe Gottes ist wohl nicht anders zu entdecken als im Leiden daran, dass da nichts mehr ist, nur eine sonderbare Leere. Vergessenen wir nicht, Gott ist bei den Zerschlagenen und Demütigen. (Psalm 34 und 51)

17. Jesus fand zur Klarheit im Eins-Sein mit Gott. Das Gebet als Sein und Bleiben v o r Gott bewirkt solches Eins-Sein. Alles Reden darf im Gebet verstummen und will auch auf diese Weise zum Schweigen werden. Nun kann Gott sprechen. So wird Gebet zum Hören und Gehorsam. Den Bittenden und Wartenden läßt Gott nicht leer ausgehen. Wer dagegen sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Gräuel (Sprüche 28, 9)

18. Jesus sagt, wo zwei oder drei versammelt wären, da sei er mitten unter diesen. In einer größeren Gruppe wirken allerdings andere Gesetzmäßigkeiten. Wo es jedoch um Vergebung und Liebe geht, um die existenzielle Botschaft des Evangeliums, muß es eo ipso persönlicher und intensiver zugehen. Das geht nur mit einem oder mit wenigen. Wohl nur die Begegnung als Einzelner mit Jesus dem Einzigen wird zur Heilung führen (Markus 1, 40-45)

19. „Sorget nicht“, predigt Jesus, „Euer Vater weiß, was ihr braucht“. Doch alles dreht sich um das Auskommen, um das Geld. Das ist oft die Mitte des Denkens und Endscheidens. Wem ist schon mal aufgefallen, dass Gemeindeglieder dreimal (!) Geld geben sollen – als Kirchensteuer, als Gemeindebeitrag und als Kollekte. Zusätzlich noch bei Spendenaufrufen und Sammlungen. Das verstellt den Blick auf die eigentliche Mitte. Sorge rechnet mit zukünftiger Not. Demut rechnet mit Gott und hat darum ein anderes Verhältnis zur Sorge. Jesus hatte nichts, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Besitz ist nicht nur Verpflichtung sondern auch Ballast. Und Nachfolge geht nicht ohne Loslassen.

20. Hiob 14: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, er geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“ Die Kürze des Lebens, seine Endlichkeit und Vergänglichkeit werden in der Schrift wieder und wieder erinnert. So wird die Wichtigkeit der Dinge und des Tuns neu gewichtet. Schnell wird etwas überhöht, unbedacht getan – und Gott vergessen. Es gibt für alles einen rechten Moment (kairos). Wir sollten uns nichts einreden lassen und vorschnell nie agieren. Es muß immer ausreichend Zeit zum Bedenken bleiben.

2.2. Geschichtliche Einsichten – „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“ Jeremia 2, 13

1. Die Reformation war nicht die erste Reformbewegung, für uns Heutige aber die, die am weitreichendsten erscheint. Sie hatte begonnen, weil der Glaube bzw. das Seelenheil zu Geld geworden waren. Macht und Geld hatten angefangen die Kirche zu wesentlichen Teilen zu bestimmen. Bis heute geht es in der Kirche (und bei den Sitzungen zahlreicher Gremien) viel zu sehr und viel zu oft (oder sogar immer?) um Geld. Und damit besonders auch um Macht.

2. Die Reformation wollte die Schrift, Gottes Wort und damit Gott selbst in die Mitte ihres Systems stellen. Sie gab der Gemeinde eine Stimme mit Liedern und Gesang. Das Lied wurde zur geistlichen Antwort der Gläubigen auf die zuvor gehörte Verkündigung. Die Kirche gab auf diese Weise dem einzelnen Menschen Stimme und Wert zurück. Der Begriff Protestant wurde zu jener Prägung, die dem Gläubigen zeigte, Stehvermögen zu beweisen. Das war neu!

3. Freilich, die Reformation wurde genauso ausgenutzt, wie Veränderungen schon immer ausgenutzt wurden. Man spricht bis 1525 von der Reformation „von unten“, danach wurde sei eine „von oben“. Durch die Anwendung von Gewalt wurde Gott einigermaßen in Misskredit gebracht. Die Konfessionen seien schuldig am Blutvergießen – so stand es später in der Präambel des Westfälischen Friedens zu lesen. Als sich die reformatorischen Ideen schließlich in unguter Weise verfestigten, entstand der Pietismus, parallel dazu auch die Aufklärung. Luther hatte gedanklich den Einzelnen direkt vor Gott stellen wollen. Ein Priester als Mittler war (streng genommen) nicht mehr nötig. Der Gläubige suchte sein ganz persönliches Vertrauensverhältnis zu Jesus, das war neu. Die Welt des Menschen war damit größer und bedeutsamer geworden. Der Einzelne wird in seinem Drang nach Erkenntnis nicht mehr festgehalten. Man will selber denken, Verstand und Vernunft gebrauchen. Die Welt wird in Folge dessen in fernerer Zukunft einmal entzaubert werden – alles wird versachlicht und verdinglicht. Dabei entfremdet sich der Glaubende langsam und zunehmend vom unreflektierten Glauben. Das sind langsame Prozesse, die erst mit gehörigem Abstand zu ihren Anfängen durchschaubar werden.

4. Die Sehnsucht nach Führung in Zeiten der Auflösung hat in den protestantischen Landen fast notwendigerweise zur Verbindung der Altäre mit den Thronen geführt. In den noch später sich herausbildenden Demokratien soll dann schließlich jeder zum Mitgestalter werden. Dabei verliert die Kirche als Institution ihre ehemalige die Öffentlichkeit prägende Führungsrolle.

5. Vielleicht aus diesen Gründen entdeckt die Kirche im 19. Jahrhundert neu ihre soziale Aufgabe – und will sie durch das Evangelium begründet wissen. Durch die sich herausbildende Diakonie mit allen ihren Anstalten und Projekten geschah viel Hilfreiches und Gutes. Die Kirche versuchte mit dem Anker ihrer diakonischen Initiative besonders den Kontakt zu Arbeitern und zum sich herausbildenden Industrieproletariat zu halten. Durch Einzelne wurde sicher sehr viel Gutes erreicht. Durch die verfasste Kirche auch? Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Institution Kirche maßgeblichen Einfluß auf die Schulbildung, vermischte sich mit der Kultur, wollte Politik mit gestalten, wurde in Folge dessen auch instrumentalisiert und ließ sich mitunter gern instrumentalisieren. Sie konnte das auch mit Passagen der biblischen Schriften begründen, wenn auch manchmal nicht sonderlich professionell und eher einseitig. In der beständigen Hinwendung zur Gesellschaft sehen manche die Ursache einer kirchlich betriebenen Selbstsäkularisation (Gräf). Wie dem auch sei, – Tatsache ist, dass die Kirche zunehmend ihre Mitte verlor und Gott zur Metapher wurde. Darum konnte Nietzsche auch das Wort Heinrich Heines aufnehmen und schreiben: „Gott ist tot … und wir haben ihn getötet.“ Als frische Luft war der Duft seiner Verwesung aus den Kirchen längst nach draußen gedrungen.

6. Das politische Engagement der Kirche in der Nachkriegszeit -und später besonders auch in den Kirchen der DDR – kam aus dem Gefühl der Verantwortung, durchaus wieder belegt mit den Worten der Schrift, wiewohl das wegen Römer 13 (Ordinationsversprechen) auch umstritten blieb. Die bei der Kirche mitmachten und sich engagierten, hatten zum Teil nicht das, was man früher Glauben genannt hätte. Dieser Umstand erklärt die leeren Kirchen nach dem Fall der Mauer. Der entstehende Hass auf die Kirche und der Hohn, der ihr bald ins Gesicht schlagen sollte, erklären sich daraus, dass es für viele anstatt besser gesellschaftlich schlimmer wurde. Die Verkündigung in den Kirchen hätte das aufnehmen können. Lehrt denn die Schrift selbst nicht: „Bevor es besser wird, wird es schlimmer?“ Aber wer dachte damals so besonnen? Hatte etwa die über Jahre andauernde Orientierung auf oppositionelle Haltung dem DDR-Staat gegenüber zu einer Verflachung des Geistlichen und des aus ihm quellenden Glaubens geführt? Ich zumindest war in jenen letzten Jahren der DDR-Ära bereits im Dienst – aber immer noch eine sogenannte „Gottsucherin“.

7. Danach wurde viel von Visionen gesprochen. Doch es waren nur Worte, Hülsen, die jene, welche sie vollmundig tönen ließen, mit Inhalt selber kaum füllen konnten. Jedenfalls ging keine Kraft von ihnen aus.

8. Parallel gab es Loslösungsbewegungen auch in der Kirche der BRD, z.B. in der Schülerarbeit. Die Schüler ließen sich nicht mehr durch Bildungs- und Freizeitangebote in die Kirche locken. Sie suchten sich andere Wege der Bildung und Freizeitgestaltung.

9. Heute wendet sich die Kirche wieder vermehrt der großen Verbündeten und zugleich gefährlichen Konkurrentin zu – der Kultur. Oft scheint sie als die hübschere ihre ältere Schwester beerbt zu haben. Um leere Tempel zu füllen, versucht man mit Spezialeffekten den nach Zerstreuung und Unterhaltung lechzenden Menschen zu ködern. Ein Zeichen der Hilflosigkeit. Und Zeugnis eigener kirchlicher Sinnentleerung.

10. Wenn dabei nicht das Geld, dann scheint vielfach Angst die Triebkraft zu sein. Angst, nicht wirklich gebraucht zu werden; Angst, nicht genug zu tun; Angst, dass wir noch weniger werden; Angst, abgelehnt zu werden. Wir rasen wie Rösser in der Arena um zwei Säulen – entweder ganz ohne Zaumzeug oder mit von der Amts-Kirche angelegter Kandare. Klar, – Angst gehört immer mit dazu – in der Welt haben wir Angst. Aber da ist ein Weg, ihre Kraft zu verwandeln. Kürzlich wurde der Reformation gedacht, man hat gefeiert und die 95 Thesen hervorgeholt. Die erste ruft zu Einhalt und Umkehr – ein Leben lang. Wo ist dieser Einhalt, wo ist die Umkehr in dieser Kirche?

11. Eine andere Triebkraft soll die Mildtätigkeit sein. Sie ist seit jeher verbunden mit einem unschönen Beigeschmack. Zum einen dient sie als Aushang des Gut-Seins, zum anderen: Geschieht sie wirklich mit einem feinen, guten Herzen?

12. Religion wird dort, wo die Unqualifizierten sich über sie äußern (Schleiermacher würde von den Ungebildeten reden), oft auf Moral, Politik, Diakonie (im besten Fall) oder auf sehr spezielle Unterhaltung (im schlechtesten Fall) reduziert. Religion ist aber Sinn und Geschmack für das Unendliche. Sie vermag tatsächlich mit dem Ewigen zu verbinden und hat dafür Gesten, Ritus und bewährte Narrative, mit denen man durchs Leben ziehen kann, nicht nur an dessen Einschnitten und Wendungen. Für sie kann und will man leben – und könnte prinzipiell auch mit ihr sterben. Sogar für sie! Wehe, wenn die Kirche ihre Heilswerkzeuge profaniert, ihnen das Gift nimmt, das Pharmakon Athanasias. Die große Gleichmacherin Rationalität stellt die Religion in Frage. Das ist ihr gutes Recht. Aber sie hat kein Gespür für das Heilige. Darum ist es unsere Aufgabe, uns nicht beirren zu lassen und mit den Mitteln der Ratio an dem festzuhalten, was über das Rationale hinaus geht. Wie? Es gilt, im Kleinen weiterzumachen oder dort wieder von vorn anzufangen.

13. Gelitten haben Menschen immer am jeweiligen Zustand der Kirche. Pascal, Heine, auch Bach: „Es ist schlecht bestellt um das Christentum“ Bachkantate 179 von 1723. Zumeist weil sie in der Kirche Gott nicht finden konnten … Rilke war ein solcher Gottsucher: „Ich bin ein Einsamer und Überzähliger in diesem Lande, in welchem es keine Demuth gibt und keinen Gott für Schweigsame und Demüthige.“ Rußland sei das einzige Land, „durch welches Gott noch mit der Erde zusammenhängt“.

14. Trügerisch wäre der Glaube, es hätte jemals eine bessere und ruhigere Zeit gegeben. Aufbruch, Anstoß, Veränderung ist immer. Und nie ist eine Veränderung wirklich abgeschlossen. Nach einer gewissen Zeit verfestigen sich die Innovationen und ermüden ihre Protagonisten. Manchmal gibt es auch neue Aufbrüche. Kirche ist von diesem Prozess nicht ausgenommen. Sie behauptet von sich selbst, um eine Mitte angelegt zu sein, die ihr dauerndes Überleben garantiert. Dass die Kirche trotz Schuld, Verfehlung und mancher Abirrung immer noch besteht, grenzt für sie an etwas Wunderbares. Die Kirche wird – wenn Gott will – auch weiterhin bestehen. Wenn man es so sehen möchte als ein Wunder, das sich rein rationalistischen Erklärungen immer wieder erfolgreich zu entziehen scheint. Die Kirche schleppt in ihrer langen Geschichte sehr viel Ballast mit, der ihr öfter als ihr lieb ist, den Blick auf Gott verstellt. „Es wechseln immer drei Generationen. Eine findet Gott, die zweite wölbt den engen Tempel über ihn und die dritte verarmt und holt Stein und Stein aus dem Gottesbau, um damit notdürftig kärgliche Hütten zu bauen. Und dann kommt eine, die Gott wieder suchen muss.“ (Rilke)

2.3. Theologische Betrachtungen – Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und einer, dem geholfen wurde/werden muß. Sacharja 9, 9

1. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Gott braucht die Schöpfung. Wenn Seine Schöpfung zugrunde geht, geht ER mit zugrunde. Darum braucht Gott uns.

2. Am Anfang sprach der Mensch mit Gott und Gott mit dem Menschen – das geschah sozusagen auf Augenhöhe. Gott hat den Absturz des Menschen nicht verursacht. Aber ER zählt die Tränen und sammelt sie. Gott ist ohnmächtig gegen die Unmenschlichkeit der Feinde. ER läßt sich hinausdrängen aus der Welt. Er wird selbst zum leidenden Gott. Darin ist ER uns nahe – und wird sogar zur Hilfe.

3. Im Paradies waren wir Menschen gleichsam Ebenbilder Gottes. Dann traf uns Mühefluch, Schmerz und Tod. Schließlich ereignete sich auch die Überwindung des Todes durch Christus. Nur noch Mühe und Schmerzen – die sind geblieben. Wir ahnen: Gott kann auch leiden – und weil er das kann, wollte er es auch müssen. Nicht nur am Kreuz, sondern auch der Gleichgültigkeit oder Abwendung wegen, die er unseretwegen auszuhalten hat. Wenn wir leiden, leben wir von SEINER Stärke. Wenn wir stark sind – müssten wir IHM nicht etwas von dieser Stärke zukommen lassen? Wenn wir leiden und ER leidet auch, dann ist zwar große Verlassenheit zu spüren, aber darin auch eine sonderbare Nähe.

4. Wir dürften zusammen mit Gott leiden, wobei dieses Leiden der Qualität nach ein wohl eher ein besonders intensives Lernen sein könnte. Niemand sucht mehr nach IHM? Niemand kommt mehr zu IHM? Wir könnten IHN zu trösten versuchen, IHN stützen und schützen. Was, wenn ER unsere Liebe tatsächlich braucht? Zudem – wirkliche Liebe dem verlassenen Gott gegenüber würde uns sicher helfen, IHN besser zu erkennen, eben auch gerade seiner Not und Bedürftigkeit wegen. Menschen gehen zu Gott in SEINER Not (Bonhoeffer). Klagen und weinen wir mit IHM doch auch einmal über diese Kirche und ihre große innere Not. Schütten wir doch einmal unser Herz vor IHM aus. Hatte ER nicht das Schwache erwählen wollen, weil ER selber schwach geworden ist?

5. „Wir sollen ein Segen sein.“ Wir werden zum Segen, indem wir anderen zum Gottvertrauen verhelfen. Vertrauen auf Gott stützt IHN, so wie die Liebe eines Menschen uns Kraft und Schönheit gibt. Unser Glaube nährt Gott (Etty Hillesum).

6. Das ganz eigene Verhältnis zu Gott schlägt sich nieder in unserem Umgang mit den Menschen. Sind wir Gott in wahrer Liebe verbunden, können wir uns selbst und auch den Nächsten mit derselben Liebe annehmen. Nächstenliebe bringt viel Leid in die Welt, wenn sie ohne wirkliche Liebe nur als Gebot ausgeübt wird. Es ist darauf zu achten, dass die Liebe nichts erwartet und die Geliebten nicht an sich selbst binden will, sondern sich ihnen verschenkt. Wer zu sehr nur „in dieser Welt“ lebt, verliert die Liebesfähigkeit. Darum muss zum „Zurückziehen von dieser Welt“ ermutigt werden und dafür geworben werden, die Einsamkeit recht zu nutzen.

7. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir gelegentlich von Gott ganz bewußt aus dem Leben genommen und zum Einhalten gezwungen werden. Denn im normalen Leben nehmen wir gar nicht wahr, was ER uns alles gibt – und wie so gut ER es doch mit uns meint und uns vor manchem bewahrt.

8. Ist die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vergleichbar der verarmten Urgemeinde? Nicht arm an Geld, sondern arm an Glauben? Muß sie sich noch um die Geschwister in der Welt kümmern oder müssen sich die Geschwister der Welt um sie kümmern? In „Mission to the north“ deutet sich diese Umkehr an. Die Theologie hat immer geahnt, dass man „Glauben“ nicht „machen“ kann. Der Glaube, aber auch schon das „Glauben-Wollen“ ist Gottes Schöpfung im Menschen. Insofern Gott erwählt, wen ER will und verstockt, wen ER will, hat das Theologem vom nichtmachbaren Glaubensgeschenk seine besondere Berechtigung. Hinweise auf Gott und seine Geschichten mit der Kirche gibt es freilich überall, denn fast in jedem Dorf steht ein entsprechendes Gebäude. Stumme Zeugen haben mitunter ihre eigene Sprache – wie stille Worte eine besonders große Kraft. Wer berät die EKM biblisch-theologisch auf ihrem Weg? Hat die Universitäts-Theologie genug Weisheit und Stimme, ihr den recht schmalen Weg durch die Zeit zu zeigen, von dem es in Mat. 7,14 heißt, er führe von dem breiten Weg ab, auf dem die meisten unterwegs sind??

9. Ich habe den Verdacht, daß es in der globalisierten Welt eines fernen Tages tatsächlich einen Glauben geben wird, der den einzelnen Menschen sich an etwas Höheres bzw. Tieferes binden lässt, ohne dass dabei tribale Eigenarten und unterschiedlich kulturelle Voraussetzungen hinderlich sein müssen. Der Mensch braucht ja doch – so behauptet eine steile anthropologische These – die Orientierung von dem her, was er selbst theoretisch immer nur als Differenz ausmachen kann – seelisch aber gleichzeitig als das Heilige erfährt. Von der gelingenden Platzierung dieser Instanz im oder außerhalb des Lebens hängt viel ab –  früher hat man es „das Heil“ genannt. Die speziellen Ausformungen dieses noch zu erwartenden Glaubens – sind sie nicht schon heute eigentlich nur noch äußerlich gegeben?

10. Eine ganz persönliche Erfahrung: Der Glaube ist kein Schutz. Er macht keine dicke Haut und keine starken Nerven. Wir bleiben verletzlich. Das Böse trifft uns. Wir fühlen Ohnmacht. Aus all dem kann dem Glauben kein Vorwurf gemacht werden; im Gegenteil – es zeigt unser Menschsein. Der Glaube ist nicht im Sinne von Beweisen oder Gegenbeweisen instrumentalisierbar. Glaube ist etwas ganz anderes. Er gehört in die Welt dessen, wo eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man noch nicht sieht, doch schon Realität bedeutet. Dort ist alles in der Verwandlung aufgehoben – in Sonderheit Leid und Schmerz. Weil das für die Glaubenden tatsächlich so erlebt wird, gibt es eben auch die Freude im Leid. Die Welt setzt uns zu – und der Glaube überwindet in uns die Welt, indem er Freude schenkt, von der schwer zu reden ist. Denn trotz der ent-ängstigten Freude bleibt der Schmerz über die Welt und die Verletzungen, die von ihr ausgehen und die sie uns schlägt. Aber – auch der Auferstandene trug noch die Wundmale. Und wird nur daran erkannt!

2.4. Meine Sicht auf die gegenwärtige Lage der Kirche – „Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ Sprüche 6, 9

1. Die Kirche hat sich (ähnlich wie zur Zeit der Reformation) von ihrer Mitte, vom Evangelium entfremdet. Auch wenn sie es leugnen wollte, sie ist auf das Geld zentriert, das den Erhalt der Institution garantiert – und läßt ihr Denken und Entscheiden von Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit bestimmen. Sie übernimmt bewährte Mechanismen aus Wirtschaft und Finanz und profitiert vorrangig von den Prozessen des Wachstums. Doch wir produzieren eigentlich nichts … Auch keine Christen. Ihre Außen-Wirkung ist der Kirche immens wichtig. Aber innerlich – brennt da noch das Feuer des Heiligen Geistes? Mancher vermag in den Kirchen noch die Wärme der früheren Feuer zu spüren. Wie lange noch?

2. Die Kirche ist an Haupt und Gliedern erkrankt; man sucht nach alternativen Therapien, anstatt die Ursachen der Erkrankung zu beseitigen. Vorab gesagt: Eine Kur auf dem Zauberberg reicht nicht aus. Mitarbeitendenjahresgespräche legen uns auf genau definierte Ziele fest, anstatt zweckfrei zum Dienst zu ermutigen. Musterdienstanweisungen sind zu engen Korridoren geworden, anstatt befreiende Navigationshilfe zu werden. Bei denen, die sie in Auftrag geben, zeugen allerlei Kirche und Glauben betreffende Umfragen von völliger Hilflosigkeit, theologischer Unprofessionalität und Verständnislosigkeit der eigenen Sache gegenüber. In bestimmten kirchlichen Kreisen ist der Themen-Gottesdienst Kammerton geworden. Experimente wie „mission to the north“, „fresh expressions“ oder auch das jährliche Ausloben von Verkündigungspreisen sollen dem alten und ehrlichen Gemeindegottesdienst auf die Sprünge helfen. Teamgeist gilt als das rettende Antibiotikum. Wer es nicht einnimmt, soll gehen, ohne genauere Klärung, was das eigentlich alles bedeutet. Warum nicht von anderen kopieren, anstatt selber zu überlegen? Viele lassen sich verführen von Schlagworten und plappern sie unwissend aber nicht weniger stolz nach. Das Schlagwort erweist nicht nur in der Presse sondern auch in der Kirche und ihren Verlautbarungen seine Macht – im Bunde mit dem Zeitgeist scheint es die Superwaffe gegen Satan zu sein – ist aber dessen trojanisches Pferd. Weichgespülte und niedrig-schwellige Verkündigung schraubt den Anspruch der Schrift bis auf unterirdische Maße herab. Jesus aber war nicht nett, sondern radikal. Da setzt man auf eigene Kraft und Klugheit. Und siehe, sie tun geschäftig und aktiv. Es geht so weit, dass die eigene Zeit und Kraft nicht mehr ausreicht für Freunde und Familie. Und es geht sogar noch weiter. Man zerbricht daran – und die Familie auch. „Ziel erreicht“ – sagt der Böse.

3. Die Kirche wird als Dienstleister gesehen. Klassentreffen werden beschönigt durch adaptierte Jubelkonfirmation (wie oft soll es eigentlich den Segen geben, den es doch in jedem ehrlichen und normalen Gottesdienst gibt?) Ja, – wenn man nicht hingeht … Da sucht man sich den Prediger aus – heute ist ein anderer dran, der mir nicht passt. Zu jedem Gottesdienst rennen? Das wäre ja noch schöner …
Ist der gewünschte Pfarrer nicht zu haben, wird auch ein Redner zur Bestattung genommen, der auf Wunsch auch das Vaterunsergedicht spricht. Macht keinen Unterschied. Sehr praktisch: Wir legen alles zusammen.Trauung und Taufe. Taufe und 1. Geburtstag. Taufe und Schulfanfang. Austritt und Beerdigung. Auch Ausgetretene kommen in den Genuss diverser Leistungen, wenn sie es verstehen, gekonnt und am rechten Ort darum zu bitten. Und hat der kluge Steuerberater nicht sogar Recht, wenn er sagt, Kirchensteuer brauche man doch nun wirklich nicht mehr zu zahlen … Wer respektiert noch die Grenzen des Anständigen und lehnt die Forderungen der Dreisten ab? Das bringt doch Ärger! Die eigenen Kinder erzieht man mit liebevoller Strenge. Im Dienst dagegen ist es ein ewiges Nachgehen, verbrämt mit der Erzählung vom verlorenen Schaf, dem nachzugehen eine Christenpflicht ist. Den Staub gälte es von den Füßen zu schütteln und fortgehen müsste man. Sei es auch nur in die Einsamkeit. Ach – das sind harte Worte, mit denen man es eigentlich nur sich selbst schwer macht. Es sollte trotzdem nicht verschwiegen werden …

4. Immer mehr wird „In aller Stille“ begraben. Ist das der Wunsch nach Stille in einer so vorlauten Zeit? Ist es also Ausdruck davon, dass die Öffentlichkeit mit dem Tod nicht umgehen kann oder daß man selbst erst lernen muß, damit umzugehen? Und es lieber still probiert?

5. Ehemalige Älteste, die einst zum Gottesdienst kamen, weil sie Dienst hatten, kommen nicht mehr. Es war ihnen vielleicht nie wirkliches Bedürfnis. Es scheint, sie können/wollen nur geben, aber nicht empfangen. Oder wollen sie gebeten sein beim Kirche säubern, Kuchen backen oder Geld kassieren? Älteste urteilen schamlos über ihre Pfarrer, lehnen sie ab oder brechen den Stab über sie. Es gibt keinen Respekt mehr, kein Versuch eines Verstehens. Das (Vor-)Urteil ist fertig und längst gefallen, ehe man sich erklären konnte. Der respektlose Umgang in der Gesellschaft, voran in der Politik, hat sich in der Kirche ebenfalls niedergeschlagen. Die Zeit der Mission nach außen ist längst vorbei. Gälte es nicht, die eigenen Mitarbeiter und Ältesten zu vertieftem und gelebtem Glauben anzuleiten – anstatt sie zu niedrigschwellig zu bespaßen?

6. Als Seelsorger braucht die Kirche sensible Menschen. Oft fehlt die Begabung dafür, sich in sensible Menschen einzufühlen und mit ihnen umzugehen. Die Kirche braucht aber sensible Leute an sensiblen Punkten. Doch auch in der Kirche sind Machtstreben und -mißbrauch, Willkür und Kälte längst nicht besiegt. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Kirche den Grund (also Gott) verloren hat? Im Gegenüber zu Gott bin ich Geschöpf und Kind – deshalb auch der andere neben mir, egal wie er sich gerade geben kann …

7. Vielen Menschen ist die Natürlichkeit verloren gegangen, auch gerade die Natürlichkeit des naiven Glaubens. Es gibt da ein sonderbar angestrengtes Christsein unter Mitarbeitern und Gemeindegliedern. Wir haben Lebendigkeit und Natürlichkeit auf dem Altar der Professionalität geopfert. Wo sind wir Mensch, wo machen wir niemandem etwas vor, wo können wir offen und befreit lachen, – und zwar ohne dass es peinlich wird?

8. Die Kirche muß nicht zu allem und jedem das Wort ergreifen. Sie hat vielleicht noch eine gewisse Stellung in der Gesellschaft aber für viele Menschen längst nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatte. Wir leben in einer gesteuerten Demokratie. Da gibt es wahrhaftig genug andere „Wächter“, wir sind es nicht mehr. Wie so vieles unnötig überhöht wird und angeblich perfekt sein muß, bog auch die Kirche auf den Irrpfad der Kompetenz ein und marschiert gedankenlos auf der Mainstreamallee. Es ist die Stimme des Verführers, sich mit dem, was man kann, immerfort zu beweisen. Besonders gern und krampfhaft wird an dem festgehalten, was man einst hatte und was bereits vor Jahrhunderten das Gefühl der Daseinsberechtigung verlieh – soziales Engagement und politisches Mitmachen-Wollen. Kirche? Weil es ihr an Religion und Glauben fehlte, füllte sie die Leere mit Moral aus. das ist bekannt. Heute ist es nicht viel anders. Statt Moral sage Ethik – damit ist die Situation treffend beschrieben. Es geht nicht darum, sich strategisch rar zu machen. Aber wenn man rar wird, weil man sich wieder mehr auf den Kern konzentrierte, das könnte neugierig machen. Jesus widerstand mit Gottes Wort der Versuchung Steine als Brot auszugeben …

9. In den Sitzungen spielt Gottes Wort kaum eine Rolle. Es geht um Geld, Gebäude, Personen, Termine, Rechtsfragen. Wie mag Gott das sehen?

10. Religion wirft Lebensfragen auf und gibt Antwort. Wo gibt Kirche Antwort den Menschen und nicht nur den Medien? Zumeist hat sie keine befriedigende Antwort, kann keine haben, weil ihr selbst das enge Gottesverhältnis fehlt.

11. Vielleicht darum gibt es auch keine religiöse Sehnsucht. Man kann gut ohne Gott leben; die Menschen sind satt, vielfach sogar übersättigt. Das Reden von der durstigen Seele hat seine theologische Berechtigung, aber hilft nicht, wenn die Menschen ihren Durst nicht bemerken oder mit Ersatzmitteln immer wieder löschen können. Auch zeigt sich, dass Menschen ohne konfessionell induzierten Glauben ihr Leben trotzdem bewältigen. Und zwar oft sogar souveräner als Christen. Glaube ist nicht notwendig für ein erfülltes Leben und auch nicht für ein ruhiges Sterben.

12. Sowohl in der Malerei, in der Musik als auch in der Dichtung hat die Kunst immer mehr die ehemaligen religiösen Kern-Aufgaben übernommen: Berührung der Seele mit dem Heiligen, dem Schönen, dem Unendlichen, dem Unsagbaren, dem Wahren und Guten.

13. So wie der Altmärker inzwischen auch mediterrane Speisen probiert, so probiert er auch schon mal andere Glaubenswege. Wie die Mode wechselt, so wechselt auch die Form/das Praktizieren von Riten. Ich habe außerhalb der Kirche einen viel festeren Glauben und unerschrockeneres Bekennen gefunden als in der Gemeinde. Und – wo überhaupt erleben wir noch das, was früher einmal Gemeinde hieß?

14. In vergangenen Zeiten wurde das Leben dem Glauben untergeordnet. Heute ist der Glaube für viele eine zu vernachlässigende Zutat. Hier und da hat das Leben durch seine spielerisch gewordene Vielfalt quasireligiöse Züge angenommen, beim Fußball, beim Kaufen, beim Kochen. Wenn eine Synode über gendergerechte Sprache debattiert und zahlenmäßige Minderheiten enormen Druck auf Entscheidungsträger auszuüben vermögen, dann ist das ein Zeichen dafür, in welch starkem Maße sich die Kirche von Trends beeinflussen lässt, die sie von außen attakieren. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als selber aufzustehen und zu sagen: „Ihr haltet euch für klug, in Wirklichkeit wurdet ihr zu Narren.“

15. Es braucht einen Perspektivwechsel. Raus aus der Erdenschwere. Blick auf das ganze – aber von oben. Die kleine Welt, die vielen vergeblichen Bemühungen, was ist wirklich wichtig und wie wenig wird zu erreichen sein. Wie viel Zeit braucht es für Veränderungen. Wie wird man von anderen ausgenutzt für deren eigene Interessen. Welchen falschen Zielen wurde bereits gefolgt. Wie schwer wurde bereits gelitten.

16. Wenn die Kirche wirklich mit dem biblischen Gott zu schaffen hätte, dann müßte es in ihr viel gelassener zugehen. Das Alte Testament ist bekanntlich eine Geschichte vom dauernden Verlieren und Wiederfinden Gottes. Dort stehen Berichte darüber, dass nur bei IHM und mit IHM und durch IHN alles heil wird. Sollte der Platzregen der Gnade Gottes bereits wirklich schon vorbei sein?

3. Schlussfolgerungen: „Den Toren dünkt sein Weg recht; aber wer auf Rat hört, der ist weise.“ Sprüche 12, 15

1. Wir werden nicht wirklich gebraucht mit dem, was wir zu sagen haben – so beschränken wir uns auf das Sterben. Der Tod ist ein guter Lehrmeister. Durch ihn gewinnt das Leben seine Tiefe und Weite, alles Tun und Lassen seine Berechtigung. So auch unser Dienst. Der Tod endet alles – Leiden und Freuden, Enttäuschungen und Hoffnungen, Erfolg und Scheitern – und als memento mori sichtet, wichtet und vertieft er alles. Es ist heilsam, die Winzigkeit unseres Lebens zu dem ins Verhältnis zu setzen, was belastet, drückt, ärgert. Das Verhältnis zur Ewigkeit ist gemeint.

2. Die Kirche ist am Rande der Gesellschaft, so auch wir. Das ist keine Katastrophe. Die Kirche ist weder nach außen noch nach innen attraktiv bzw. besonders anziehend. Das ist auch nicht schlimm. Schlimm ist, dass das Miteinander oft nicht wirklich vom Evangelium geprägt ist. Die Kirche selbst ist eine schlechte Werbung für ihre eigene Sache. dabei sollte doch Folgendes gelten: Gebt Raum und Stimme denen, die anders denken und sehen. Hört ihre Bedenken, ihre Sicht, die oft weiter geht. Nehmt sie ernst, sie haben wichtiges zu sagen. Und gebt ihnen Raum, daß sie in Ruhe ihren Weg gehen und Dienst tun können.

3. Beschönigen wir nichts und machen wir uns endlich nichts mehr vor. Wenn es in der Kirche um bloße Unterhaltung oder Geselligkeit gehen soll, dann muss es auch so gesagt werden. Konzerte, Wanderungen, Vorträge, Ausstellungen etc. vermitteln noch lange keinen Glauben und vertiefen ihn auch nicht. Die alte klassische Frauenhilfe hilft schon lange nicht mehr anderen, sondern braucht eher selber Hilfe. All das ist nicht die vornehmste und wichtigste Aufgabe einer Pfarrerin und eines Pfarrers. Nicht Unterhaltung ist wichtig, sondern Gott Raum zu geben in Gottesdienst, Andacht, Seelsorge. Auch wenn niemand kommt – es bleibt dabei. Dann wäre Zeit dafür, den eigenen Glauben zu vertiefen. Der Pfarrer selbst muß sich für den Moment bereiten, wo er gebraucht wird als Diener Gottes. Eines Tages wird das kommen. Dann muß er vorbereitet sein! Zudem muß er festhalten an Läuteordnung, liturgischen Farben, Kirchenjahr usw. Der Schatz der Kirche muss besonders auch zu Zeiten gepflegt werden, da ihn niemand sehen will. Mit Nachlässigkeit schaufelt man mit am eigenen Grab. Die am Brauchtum orientierte Volksfrömmigkeit wird in gewisser Weise die vertiefte Frömmigkeit eines Geistlichen unterlaufen wollen – und ihr deshalb auch entgegenstehen. Auch für die Geistlichen gilt: Sie sind nicht nur von dieser Welt.

4. Den Erwartungen der Menschen müssen wir nicht entgegenkommen. Weil es „draußen“ so kalt ist, will man sich wenigstens in der Kirche wohl fühlen. Gott duscht nicht warm. Wie Schafe unter Wölfe wurden die Jünger hinaus in die Welt geschickt. Sie sollten nicht Anerkennung bei Menschen suchen. Und wer sein Leben krampfhaft fest hielt, der würde es dadurch gewiss verlieren, sagt die Schrift. Kirche braucht keine Mitläufer und Platzfüller. Sie braucht bekennende Menschen mit Kenntnissen. Jesus war nicht nett, er war radikal ehrlich. Um der Wahrheit und der Liebe willen.

5. Wir müssen und können loslassen. Die Kirche hat während der DDR-Zeit vielen Menschen eine Heimat gegeben – für den Glauben. In ihrem Schutz trafen sich Gleichgesinnte in Kreisen und Gruppen. Der Glaube ist nun frei – aber nach wie vor benötigt er die Stärkung und Korrektur durch das professionell ausgelegte Wort Gottes. Wo dieses fehlen würde, machte sich der Mensch ein falsches Bild von Gott. Und schnell verflachte der Glaube und trüge nicht mehr.

6. Es macht allerdings nicht viel Sinn gegen den Trend der Zeit zu kämpfen. Advent ist Vorweihnachten, Weihnachtszeit wird zu Neujahr, Passionszeit zu Ostern. Die Menschen nehmen es sich das, was und wie sie es brauchen. Ein Grund mehr, sich zurück zu nehmen und unbeirrt den eigentlichen Rhythmus zu leben. Vielleicht kommt einmal eine Erneuerung? Nachfolge kostet. Wer einen Turm bauen will, überschlägt die Kosten, bevor er anfängt zu bauen. Aber es gilt auch: Nicht jeder kann und will unter Gottes Joch. Das wäre zu berücksichtigen, damit die Verbitterung nicht noch größer wird.

7. Lassen wir uns nicht einreden, es läge an uns, wenn weniger kommen. Von Jesus haben sich ebenfalls viele abgewandt – um seiner Worte willen. Es wäre fatal, den Fortgang der Gemeinden von unserem Geschick und unserem Einsatz abhängig zu machen. Wir haben nur hinzuweisen, aber nicht selbst in der Mitte zu stehen. Unser Gottvertrauen sollte so groß sein, dass der Niedergang der Gemeinden uns nicht berührt und wir unbeirrt weiter als Seelsorgende Dienst tun. Ein Gottesdienst mit wenigen kann intensiver, konzentrierter und ruhiger sein als mit vielen. Predigen wir zuerst uns selbst. Leben wir zuerst selbst aus Seinem Wort.

8. Mit schon so Vielem sind wir den Menschen auf halbem Weg entgegen gegangen. Aber sie folgen uns nicht, wenn wir sie weiter (oder wieder zurück) mitnehmen wollen. Was wäre, wenn wir nur noch Gottesdienste, Bibelstunden, Amtshandlungen ohne Schnörkel, Seelsorge und Glaubensunterweisung anbieten würden? Wir müßten es aushalten, dass in die renovierten Kirchen und Gemeinderäume nur wenige oder gar keiner kommt. Advent würde wieder eine stille Zeit und der Frieden Gottes würde sich womöglich wirklich auf uns legen.

9. Hört auf mit dem ewigen Herumexperimentieren am Gottesdienst. Ein „zeitgemäßer“ Gottesdienst hilft nicht, Gott zu finden. Eher hindert er daran. Die Menschen müssen nicht alles gleich und sofort verstehen, – sondern erst einmal hören. Im Hören tut sich das Wort auf wie eine Tür. Hört selbst das Evangelium aufmerksam und laßt es dann zur Tat werden. Am besten unbewußt, so daß das eine Ohr nicht weiß, was das andere lauscht. Als Predigende sollten wir unseren Einfluß nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. Gottes Wort sucht sich seinen Weg. Den Israeliten wurde das Buch des Gesetzes drei Stunden lang vorgelesen – ohne Erläuterung und Erklärung (Nehemia 9,3). Gott weiß, Menschen in den heiligen Bereich der Erkenntnis zu ziehen. Events bringen kurzzeitig Verblüffung, aber sie helfen nicht zu einem tragfähigen Glauben, weder für die Höhen des Lebens, noch für die Tiefen, die irgendwann in das getröstete Sterben einmünden.

10. Der Bedarf nach wöchentlichem Gottesdienst ist nicht da. Das Leben hat sich beschleunigt. Man ist nicht mehr den ganzen Tag oder die ganze Woche an einem Ort. Es gibt lange Arbeitswege. Die Zeit scheint schneller zu vergehen. Einmal im Monat Gottesdienst ist selbst für ernsthafte Gläubige genug. Mehr denn je sehnen sich die Menschen nach Ruhe. Gottesdienst aber kann beunruhigen. Auch ich vermisste nichts in meiner Krankheit, als ich viele Wochen lang keine Kirche betrat und keinen Gottesdienst besuchte. Ich las auch nicht in der Schrift. Ich merkte, wie viel näher mir Gott in der Stille und Abgeschiedenheit war. Psalm 73 konnte ich bestätigen: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Das gibt es. Kirche weiß und weist den Weg zu Gott (über Jesus). Wer wirklich zu Gott gefunden hat, braucht die Kirche nicht mehr regelmäßig. Ich möchte im Gottesdienst nur Menschen haben, die freiwillig zum Hören, Singen und Beten kamen. Nicht genötigt, nicht gezwungen, nicht meinetwegen. Wir müssen die sehen und wahrnehmen, die da sind und nicht die vielen, die nicht da sind. So auch die Gottesdienstbesucher selbst. Wenn ihnen der Gottesdienst Bedürfnis ist, ist es ihnen egal, wie viele noch mit dabei sind.

11. Wir werden nicht von der Gemeinde getragen. Unser Glaube muß uns tragen, durch-tragen. Wir brauchen einen gesunden Glauben. Alle Verkündigenden müssen sich die Gottesnähe neu und selbst „erarbeiten“ – oft sogar erringen. ER ist noch nicht da, wenn man gerade einmal den Raum oder die Zelle betreten hat. Man muß zuvor lernen, IHN zu finden/zu erkennen und sich selbst finden/erkennen lassen. Wir selbst müssen den Senfkornglauben ernst nehmen und seiner kleinen, bergeversetzenden Kraft vertrauen. Doch braucht jeder Mensch ganz fraglos irgendwann Wohlwollen als Ermutigung. Darum sollte Wertschätzung von der Ebene der Dienst-Vorgesetzten keine Seltenheit bleiben.

12. Jesus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens. Das bedeutet für uns Mitarbeiter und die Kirche: Es gibt einen Weg zu einem Glauben, der unterscheiden kann zwischen Hinnehmen und Aufbegehren, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, zwischen Schein und Wahrheit, zwischen Tun und Lassen. Die Unsichtbarkeit Gottes hilft uns dazu, sogar andere Menschen zu lieben. Indem wir den unsichtbaren Gott lieben und mit IHM Verbindung halten, können wir es ebenso mit vertrauten Menschen, egal ob sie noch leben oder schon in der Ewigkeit sind. Genauso anders: Unsere Verbundenheit mit fernen Menschen ist nur möglich, wenn wir eine solche Art Verbundenheit mit Gott gefunden haben. Gott gefunden zu haben, ist ein Eintauchen in die Ewigkeit. Das Herumgerede, die Jagd nach neuen Ideen etc. können das verhindern oder sogar zerstören.

13. Wir stehen in Gottes Dienst. Es gibt keine andere Aufgabe, als mit IHM durch den Tag zu gehen. Wir dienen nicht der Gemeinde, sondern Gott. Und das zweckfrei. Nehmen wir alles aus SEINER liebenden Hand, wird es zum Guten, allerdings aus SEINER Sicht. Das bedeutet, nur zu sagen und zu tun, was als richtig erkannt wurde. Das wiederum bedeutet, zu sich selbst zu finden. Nicht brauchen wir irgendwelche klugen Gedanken zu nehmen – noch dazu aus zweiter oder dritter Hand. Nicht einfach sollen wir nachsprechen und übernehmen, was pfiffige Campaigner gerade als en vogue gelten lassen. Und beherzigen wir auch, sich selbst nicht zu wichtig oder gar für unentbehrlich zu halten! Denn damit stünden wir unter Umständen Gott selbst im Wege.

14. Wir müssen das Böse sehen und benennen – ohne es zu verdammen. Es ist da und wird immer da sein. Wir müssen diese abgründige Hypothese zur Kenntnis nehmen und dürfen uns als Geistliche dem Rätsel der Realität des Bösen nicht verweigern. Es scheint vorerst sogar ein Teil Gottes zu sein, aber eben nur ein Teil. Das Unkraut darf mit dem Weizen aufgehen. Wer durch Täler gegangen ist, wird in dieser Hinsicht zu predigen wagen. Nach Schmalkalden las Luther die Psalmen viel persönlicher.

15. Klagen wir Gott unsere Not, wenn wir darunter leiden, dass niemand gekommen ist. Auch über den Weg der Klage lässt Gott sich finden (vgl. Hiob, König von Ninive, die Psalmbeter). Halten wir ihm die offenen Hände hin und sehen dann auf und erheben unser Haupt. Unsere Erlösung naht. Auch dann, wenn Gott mit uns weint. Die Krippe (Lukas 2, 7) ist ein Bild dafür, wie das Heil eben in das Unterste und Letzte gelegt wird. Hier ist Gott, hier braucht er uns. Und hier brauchen wir IHN. Doch vergessen wir nicht, IHM auch den Dank hinzuhalten. Einmal im Jahr Dankgottesdienst ist zu wenig. Besser wäre, den gesamten Psalter durchzugehen; am Ende ist das viele Lob nur noch wenig mit Klage durchsetzt.

16. Wir sollten immer mal fragen: Was will Gott uns damit sagen? Die Antwort ist in uns. Eine gilt immer, dass wir noch mehr unser Vertrauen allein auf IHN setzen.

17. Nehmen wir doch einmal die Lieder/Gotteserfahrungen anderer wirklich ernst (z.B. „Gott ist gegenwärtig … alles in uns schweige“). Das ist Glaubensgewissheit und Hören bis hin zum Gehorsam. Halten wir auch gegebenenfalls die Ratlosigkeit aus – bis sich etwas auftut. Oder nehmen sie gar aus SEINER Hand des Satz: „Allzeit geschieht, was du bedacht!“ Man muss es halt buchstabieren …

18. Wir wurden gebunden an ein Ordinationsversprechen. Dieses schließt ein, dass wir die Letzten sein können, die noch festhalten am Wort Gottes und am Preise seiner Herrlichkeit (Durchaus wissend, dass Letzte zu Ersten werden können). Wie wäre es, wenn wir jedem Gottesdienstbesucher eine Bibel zum Mitlesen gäben? Und zwar so lange, bis sie selbst eine eigene Bibel mitbringen. Was bewirkt/bedeutet es, selbst Wort Gottes in der Hand zu halten und zu lesen?!

19. Übersehen wir nie diejenigen, die uns räumlich am nächsten sind – die Familie. Sie gibt uns Rückhalt. Auch hier brauchen wir Zeit und Kraft, damit sich unser Glaube in unserem unmittelbaren Umfeld als liebendes Verstehen erweisen kann.

20. Wir müssen uns lösen vom quantitativen Verständnis der Zahlen. Wer immer nur auf große Zahlen sieht, übersieht den einen – und ist verloren. Außerdem: Die Ernte ist erst dann groß, wenn das Getreide wirklich reif ist.

21. Erwartet nicht zu viel vom Ehrenamt. Überlastet nicht die Ältesten. Sie sind Menschen mit Beruf und Familie. Weisen wir sie aber auf Achtung und Respekt hin. Du sollst den Priester für heilig achten, denn er opfert die Speise deines Gottes. (3.Mose 21, 8)

22. Wir wissen zu wenig, um immerzu und zu allem etwas Kompetentes sagen zu können. Zu viele Halbwahrheiten werden veröffentlicht und nachgeplappert. Wir dürfen auch schweigen (wie Jesus schwieg) – oder die Frage zurückgeben. Jeder kann auch einfach sagen: Ich kann dazu nichts sagen, ich weiß zu wenig. Das ist keine Schande.

23. Achtung: Das Herz könnte verdammen am Ende, nicht genug getan, geliebt, verziehen oder unüberlegt geredet oder gehandelt, das Eigentliche nicht getan und gesagt zu haben…. Gott ist größer als unser Herz.

24. Wir sind Teil einer Bewegung, die nicht mit uns begonnen hat, nicht mit uns an ihr Ziel kommt und auch nicht aufhören wird mit uns. Wenn es SEINE Kirche ist, wird sie bleiben. Ist es nicht SEINE Kirche, macht es nichts, wenn sie vergeht. Jesus endete am Kreuz und … ist auferstanden. Paulus endete ebenfalls und … das Evangelium breitete sich trotzdem weiter aus.

25. Der Pfarrdienst bleibt schwer und mühselig und war es immer. Wir haben keine anderen Werkzeuge als die Schrift und unser glaubendes Wissen von IHN. Gott wird sich im Blick auf unsere spärliche Ausrüstung wohl etwas gedacht haben. Wir sollten verletzbar bleiben. Wir sind vom Fluch über den Menschen mit Dornen und Disteln, Schmerzen und Schweiß nicht ausgenommen. Und – ist das nicht doch das bessere Teil als Untätigkeit im Paradies?

26. Fangen wir einfach von vorn an, von ganz unten und ganz klein. Wissend, Gemeinde kann man nicht bauen, aber der Ewige lebt und der Glaube wird auferstehen.

4. Wegweisung und Rüstzeug – „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?“ Psalm 27, 3
4.1. Was Kirche tun kann und tun sollte:

1. Die Kirche hat einen großen Erfahrungsschatz – durch ihre lange Geschichte. Sie sollte ihn nutzen und aus ihrer Geschichte lernen, um unnötigen Ballast loszulassen.

2. Sie sollte, ehrlich zu sich selbst, alle Scheinheiligkeit, alles Machtstreben im eigenen System aufdecken und wirklich als das benennen, was es ist – gemäß der 1. These Luthers und Jesu Wort: „So soll es unter euch nicht sein“ muss sie zur Umkehr bewegen.

3. Sie darf sich auch eingestehen, dass sie die Mitte verloren hat. Neue Strukturen zu bilden wäre nur das Beschaffen neuer Schläuche. Aber sie hat ja keinen Wein mehr! So fülle man Wasser in die alten Schläuche. Das Wunder kann daraus Wein machen.

4. Wir benötigen nicht so sehr neue Strukturen – wir brauchen zuerst Mitarbeiter, die Gott lieben und den Nächsten achten. Dazu gehört eine entsprechende Ausbildung aller Leitenden in Leitungsfragen und Menschenkenntnis.

5. Kirche muß zu ihren Mitarbeitern stehen, sie schützen und in Schutz nehmen und gegebenenfalls Älteste und Gemeinden in die Schranken weisen. Wie geschrieben steht: „Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben.“ (Hebräer 13,7)

6. Die Kirche sollte Vertrauen in ihre Pfarrer setzen, dass diese es ernst und ehrlich meinen. Sie sollte die Mutigen nicht verdrießen und die Verzagten ermuntern.

7. Die Kirche muss für Zeiten der Einsamkeit sorgen und dafür werben. Einsamkeit braucht in der Kirche und für deren Verkündigung unbedingt eine Lobby. Denn ohne Einsamkeit läßt sich Gott nicht finden. So viele Menschen klagen, Gott würde nicht sprechen. Doch ER spricht. Dort, wo man ihn läßt. „Sooft ich unter Menschen gewesen bin, kehrte ich als ein geringerer zurück.“ Diese Einsicht findet sich bei Seneca, Thomas a Kempis, Johann Arndt und – nicht zuletzt auch bei mir.

8. Von der Urgemeinde heißt es, sie wären einmütig beieinander geblieben. Und der Herr hätte ihrer Gesellschaft täglich viele hinzugefügt. War die Einmütigkeit Voraussetzung für Gottes Hinzufügen? Einmütigkeit gibt es nicht in unserer Kirche. Wir kämen ihr wieder näher, wenn alles Reden und Entscheiden geistlich durchdrungen wäre, wenn die Schrift die Grundlage und Gottes Wort die Mitte wäre. Es genügt nicht die Losung oder eine Andacht am Anfang und ein Gebet mit Segen am Ende. A l l e s muß geistlich durchdrungen sein. Dann würde auch jeder in seinen Gaben wahrgenommen werden können und sogar die Einzelgänger dürften endlich ihr enormes Potenzial einbringen. Das gilt auch für den Umgang mit Geld.

9. Die Kirche sollte handeln wie Philippus an dem Kämmerer: Gottes Weisung hören, die Schrift erklären und die Menschen in einer Weise mit Gott verbinden (taufen), dass sie ihre Straße fröhlich ziehen können, also – man muss sie dann auch gehen lassen.

10. Hoffnung kann nicht laut und oft genug gepredigt werden – gegen jede aufkommende Resignation. Gott hat und Gott wird.

11. Kirche sollte gegen die Instrumentalisierung ihres Glaubens ebenso laut auftreten. Glaube muß zweckfrei sein genau wie die Liebe.

4.2. Wege zur Freude:

1. Freude nicht im Außen zu suchen, im oder durch den Dienst, sondern zuerst im eigenen Glauben und im Gegenüber zu Gott.

2. Gott zu vertrauen ist doppelte Freude: Freude an Gott und Freude durch das Loslassen-Können, z.B. des eigenen Willens oder der eigenen Ideen. „Wer auf den Herrn hofft, den wird die Güte umfangen.“ Psalm 32, 10

3. Sich nichts einreden lassen, der inneren Stimme trauen, ununterbrochen nach der Wahrheit fragen und suchen, keine Beschönigungen zulassen.

4. Durchgestandene Tiefen erinnern und sie im Lichte Gottes sehen. In allem Gott sehen – das ist Freude.

5. In der Schrift lesen, bis man sich darin wiederfindet. Ach, auch das bin ja ich, genauso geht es mir auch.

6. Tränen zulassen. Sie reinigen die Seele und schenken neue Klarheit.

7. Den Verheißungen glauben: „Die den Herrn lieb haben, sollen sein wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht“ (Richter 5, 31). Wer in Gott ruht, nimmt von IHM und kann zugleich auch geben.

8. Dankbar sein für Gottes Nähe, mit IHM enger verbunden zu sein als mit jedem anderen Menschen: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

9. Für sich selbst ein Fest machen und Gott danken – für das Leben, die Berufung, das Schöne und das Schwere, das zu IHM führte, und so wieder Mensch werden, ein Ebenbild Gottes. Gerufen und berufen zu sein, einfach da zu sein.

10. Ein, zwei Gleichgesinnte suchen, um mit ihnen in der Schrift zu lesen. Weitersuchen, bis sie gefunden sind!

4.3. Worte aus der Schrift und ähnlichen Quellen – zur Ermutigung und zum Standhalten

Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlaß dich nicht auf deinen Verstand. Sprüche 3,5

Die nach dem Herrn fragen, verstehen alles. Spr. 28, 5b

Der Gerechte findet seine Weide. Sprüche 12, 26

Ich ward getrost, weil die Hand meines Gottes über mir war. Esra 7, 28

Die Hand unseres Gottes ist zum Besten über allen, die ihn suchen. Esra 8, 22

Unser Gott wird für uns streiten. Nehemia 4, 14

Die Freude am Herrn ist eure Stärke. Nehemia 8, 10

Die ihren Gott kennen, werden sich als stark erweisen und entsprechend handeln. Daniel 11, 32

Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. Jesaja 7, 9

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. Jesaja 40, 30

Heile du uns, Herr, so werden wir heil; hilf du uns, so ist uns geholfen. Jeremia 17, 14

Gott zeigt dem Menschen, was ER im Sinn hat. Amos 4, 13

Gott spricht: Sucht mich, so werdet ihr leben. Amos 5, 4

Wer Gottes Wort hört und tut, der baut sein Haus auf Felsen. nach Matthäus 7, 24

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Lukas 12, 35

Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen. Römer 8, 28

Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist. 1. Korinther 1, 27

Die Heilige Schrift kann dich unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus. 2. Timotheus 3, 15

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig. Apostelgeschichte 16, 31

Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 1. Johannes 5, 14

Ich brauche nur an Gott zu denken und ich lebe auf; ich brauche ihn nur zu vergessen und das Leben schwindet. (Leo N. Tolstoi)

Verstehen – durch Stille; Wirken – durch Stille; Gewinnen – durch Stille. (Dag Hammerskjöld)

Wer still steht, auf den kommen die Dinge zu. (Gottfried Benn)

Wonach man jagt, das bekommt man nicht, aber was man werden läßt, das fliegt einem zu. (Rabbi Pinchas)

Dein Wissen hat keine Seele. (Baalschem zu Rabbi Bär)

Es gibt einen Platz, den du füllen musst, den niemand sonst füllen kann, und es gibt etwas für dich zu tun, das niemand sonst tun kann. (Platon)

Wir gleichen den Jüngern: Sie waren langsam im Verstehen, hatten wenig Glauben, waren leicht entmutigt, aber sie blieben bei ihm. (Hudson Taylor)

Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt. (Teresa von Avila)

Tue, was du für recht hältst, wenn du auch deswegen nicht öffentlich gelobt würdest; denn die Welt ist ein schlechter Richter über gute Taten. (Matthias Claudius)

Wer zur Welt reden will, muss zuvor auf Gott hören. (Hans Urs von Balthasar)

Kann ich nur Jesus mir zum Freunde machen, so gilt der Mammon nichts bei mir. (J.S.Bach: Kantate, BWV 105)

Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei. (J.S.Bach: Kantate, BWV 179)

Jedes Lob wird erst am Ende gesungen und der Menschen Lebenswandel bewährt sich nur im Feuer. Thietmar von Merseburg (IV, 75)

Man muss viel Liebe investieren, wenn Glaube sich entfalten soll, und man muss viel Freiheit riskieren, wenn Kirche lebendig bleiben soll. (Otto Dibelius)

Glaube an Christus, in dem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit. Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. (Martin Luther)

Der Mensch braucht auf der Welt nicht irgendeine Sache, sondern irgendjemanden, der ihm Bedeutung schenkt. (Simone Weil)

5. Bekenntnisse

Ich war eine Gottsucherin. Schon als Kind. Woher kommt ein solches Verlangen nach Gottesgewissheit? Wurde es von IHM selbst in mich hineingelegt?
In meiner Umgebung lehnten viele den Glauben ab. Sogar in der eigenen Familie. Nie wurde darüber gesprochen. Ich fragte mich: Wer hat recht – die Ungläubigen oder die Gläubigen? Beweise für Gott gab es nicht und hatte ich nicht.
Nie hätte ich gedacht, dass meine Gottsuche Jahrzehnte andauern würde. Allen anderen Christen begegnete ich mit einer gewissen Ehrfurcht, weil ich meinte, sie hätten einen festen Glauben, wären näher an Gott.
Fast folgerichtig verweigerte ich die Mitgliedschaft in der FDJ. Es war gefühlsmäßig aus Opposition und Trotz, der Drang nicht zu tun, was alle taten und im breiten Strom unbedacht mit zu schwimmen. Wie viel Mut ist in solchem Trotz? Wagemut? Hochmut? Freimut?
Das würde für mich immer so bleiben: Aussteigen aus dem Strom und am Ufer verweilen, betrachten, hinterfragen, allein weiter gehen und nach Antworten suchen, im besten Fall mal einen Gefährten treffen, doch nie für lange. Später war es die Heilige Schrift, noch später nur Gott, die mir Gesprächspartner wurden.
Manchmal muß man etwas tun, ohne sagen zu können, warum. Wirkte ER es, dass ich mich der Jugendorganisation verweigerte? Zum Abitur wurde ich aus diesem Grund nicht zugelassen: Meine Entwicklung entsprach nicht der einer zukünftigen sozialistischen Persönlichkeit. Ich selbst hatte mir so ein reines Gewissen bewahrt. Später trat ich dann doch bei und erreichte auf Umwegen Hochschulreife. Ich hatte gelernt und war bereit, einen Kompromiss einzugehen. Doch oft wollte ich das nicht mehr tun.

Mit einundzwanzig Jahren entschied ich mich als Gottsucherin zum Studium der Theologie. Inzwischen hatte ich mir ein Bild aus der dialektischen Philosophie geborgt und Gott mit der absoluten Wahrheit gleichgesetzt. Sie wird nie erreicht. Man kann sich ihr nur durch relative Wahrheiten nähern. Das war ein Erklärungsversuch für andere – und auch für mich selbst.
Den Umweg sah ich positiv. Ich hegte keinen Groll auf jene Genossen, die mir den Weg zum Abitur versperrt hatten. Mit achtzehn Jahren hätte ich mich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für Theologie beworben.
Durch ein solches Studium Gott zu finden, war gewiß naiv. Doch nutzt Gott nicht gerade die Naiven für sein Werk? Hat er nicht das in den Augen der Welt Törichte erwählt?
Ohne Gott wirklich gefunden zu haben, entschloss ich mich, in den Pfarrdienst zu gehen. Das war wiederum mutig und gewagt: Von Gott reden zu müssen – ohne wirkliche Glaubensgewissheit zu haben.
Im Konvent hielt ich mich zurück aus Ehrfurcht vor den gestandenen Altpfarrern. Sie schienen mir weit voraus in ihrem Glauben und ihrer Glaubenserfahrung. Ob es wirklich so war, würde ich heute, mit meiner jetzigen Erfahrung, anzweifeln.
Vielleicht hätte ich zu meiner Gottsuche gestanden, wenn ich gewußt hätte, wie oft in der Schrift vom Gottsuchen die Rede ist. Und dass die Suche etwas Gutes und nichts Verwerfliches ist. Die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben. Nein, wir müssen uns nicht schämen, wenn wir Gottes Nähe und Vertrautheit noch nicht wirklich erlebt und durchlitten haben. Um von der Freude im Leid sprechen zu können, ist es ein langer Weg. Heute scheinbar länger als früher. Ein Gottfinder wird man nur durch Schmerzen. Das rechtfertigt weder Gewalt noch Ungerechtigkeit. Aber die Schmerzen können mehr als freudige Zeiten zu Gott bringen.
Ich sollte es so erleben in der Kirche. Sehr oft sogar. Schmerzhaft. Mißverstehen, Beschimpfung, Willkür, Machtmissbrauch.

Ich lernte sogar zu hassen. Das, was ich nie zuvor kannte. In der Kirche lernte ich es. Zum Glück war es aufgenommen in Psalm 139. Hier konnte ich mich wieder finden. „Die Kirche ist einer der schlimmsten Arbeitgeber“, hörte ich später verschiedentlich sagen. So sprachen die, die darunter gelitten hatten, und die, die das mit Abstand erlebt hatten. Als ich das hörte, hatte ich bereits selbst viele Wunden davon getragen.
Ob ich solchem Reden geglaubt hätte, als ich mit 26 Jahren bei der damaligen KPS um Aufnahme ins Vikariat bat? Vermutlich hätte ich es besser gewußt in jenem jugendlichen Eifer und Überschwang, wo alles zu bewältigen ist.

Dem Ordinationsversprechen habe ich zugestimmt: Du wirst berufen, der Gemeinde Jesu Christi, die er durch sein eigenes Blut erworben hat, mit dem reinen Worte Gottes zu dienen und die Sakramente nach der Einsetzung Jesu Christi zu verwalten. Du sollst die Jugend im Worte Gottes unterweisen, die Glieder der Gemeinde zum Dienst anleiten und das Evangelium jedermann verkündigen. Als treuer Hirte sollst du das Heil aller, die dir anvertraut sind, durch Zuspruch und Mahnung mit anhaltendem Gebet suchen, die Betrübten trösten, die Schwachen stärken, den Verirrten nachgehen und niemanden verloren geben, die Kranken besuchen und die Sterbenden zu einem christlichen Ende bereiten.
Der Text geht noch lange fort und verpflichtet unter vielem anderen, keine andere Lehre zu verkündigen als das klare und lautere Wort Gottes, die Gemeinde zur Liebe gegen jedermann zu ermahnen, für Gerechtigkeit und Versöhnung einzutreten, ein Leben des Gebetes unter dem Wort Gottes zu führen, darauf zu achten, nicht anderen zu predigen und selbst verwerflich zu sein und das Kreuz gehorsam zu tragen.

Ich stieß mich weder an dem männlichen Hirten noch an den vielen Aufzählungen. Heute sehe ich darin eine Überforderung. Doch die Schrift, das Wort Gottes wurde mir spätestens seit der Ordination alleinige Grundlage für alles Denken, Reden, Tun und Lassen. Ich würde mich noch sehr verwundern, dass das von vielen nicht so ernst genommen wurde. Das Ordinationsversprechen gehört zu jenem Ideal, was nicht verraten werden darf. Und doch wird es immerzu schon innerhalb der Kirche mißachtet.
Schon bald war ich sehr einsam. Ich kam aus keiner Pfarrerdynastie, auch keinem Umfeld mit kirchlicher Erfahrung, hatte keine namhaften theologischen Kontakte. Allein hatte ich mir meinen Weg gesucht. In der Ordination wurde er als Berufung Gottes anerkannt. Ich lernte, die Einsamkeit zu lieben. Sie wurde für mich zum Eins-Sein mit Gott. Von Dienstgemeinschaft wurde gesprochen, sie wurde auch beschworen, aber ich habe sie nur sehr selten erlebt.

Alle religiösen Leiter lebten außerhalb der Orte. Ich hatte das Glück, in einem eigenen Haus etwas abseits wohnen zu können. Das gab mir ein Gefühl der Freiheit, auch und gerade für den Dienst. Heute werden das Pfarrhaus und die Residenzpflicht in Frage gestellt. Die Zeiten ändern sich.

Manche Pfarrer gehen resigniert in den Ruhestand. Sie wollten mehr erreichen oder haben sich zu sehr aufgerieben. Manche haben sogar ihren Glauben verloren. Wir sollten nie zu viel von uns selbst erwarten, aber alles von Gott. Es wird immer einzelne Menschen geben, die uns brauchen oder die uns aufrichten. Dann und wann. Das muß uns genügen, denn Gott schickt sie stets im rechten Moment.

Ich habe meinen Glauben nie verloren. Eher anders – er wurde zur Gewissheit und Gott wirklich zu einem Gegenüber. Nun habe ich meine Stimme erhoben, weil ich etwas zu sagen habe. Ich habe mit Schriftworten begonnen, weil die Schrift die Grundlage ist. Nun läßt sich aus der Schrift vieles ableiten. Ich nahm vornehmlich nur jene Worte, welche das belegen, was ich in der gegenwärtigen Kirche so schmerzlich vermisse. In den letzten Jahren konnte ich mich mit meiner Situation in jedem Predigttext wieder finden. So sehr, dass ich meinte, die Bibel sei allein für uns Pfarrer geschrieben worden.

Ich bin gewiß, wenn wir an Gott und seinem Wort bleiben, werden wir die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird uns frei machen zu einem freudigen Dienst. Trotz allem.

August 2018
Irene Heinecke (Pfarrerin in Flechtingen)

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der verlorene Pfarrherr

Painted in Waterlogue

Es war einmal ein kleiner Glauben, der hatte seinen Pfarrer verloren. Man wusste nicht, wie das gekommen war. Aber wie es meistens im Leben zuzugehen pflegt, war es auch hier gewesen – eines Tages trat dieser spezielle Fall einfach ein … Hilflos irrte der Glauben umher, weil nun gänzlich unbehütet und so allein. Hört ihr ihn? Der kleine Glauben weinte und schluchzte. Aber alles das half gar nichts. Nichts zu machen.

Es hatte der kleine Glauben aber – Gott sei Lob und Dank gesungen – zu guter Letzt eine gute Idee. Er malte sich einen neuen Pfarrer aus. In Gedanken. Und zwar so richtig! Mein lieber Mann. Da wurde am Ende ein ganz passabler Pastor draus, bei all der Ausmalerei. Eine Frage ist bis heute allerdings nicht geklärt worden: Was ist aus jenem Pfarrherren geworden, den der kleine Glaube (welcher sich jetzt größer denn je brüstet) vorher verloren hatte? Irrt der Pfarrherr etwa (seinerseits nun glaubenslos) irgendwo übers blache Feld, stammelt hilflos irgendwelche Katechismusfetzen vor sich hin, intoniert einsam alte Weisen und macht mutterseelenallein Gestionen vor schweigend staunenden Ruinenwänden? Spricht er sogar mit den Tieren des Feldes und mit waldwebendem Elfenzeugs?

Nun, – kürzlich haben wir aus gutunterrichteter Quelle erfahren dürfen, dass der HERR selbst sich dieses von seinem Glauben so schmählich alleingelassenen Dieners hätte annehmen wollen. Er, der Geistliche, sei entrafft worden, gerade als er meinte, hinter einem sehr großen Stein seinen alten Glauben hervorlugen zu sehen, welcher ihn leichtsinnigerweise verloren hatte. Glaubhaft wird uns versichert, der HERR habe ihn mit Namen angerufen und auf diese geniale Weise nach dem Glauben nunmehr auch noch den Geist fortgenommen – ihm dafür aber seinen eigenen Geist gegeben. Und zwar genau an jenem Tag, den die Heuchler Halloween nennen sei dieses geschehen – andere aber behaupten, es sei erst einen Tag darauf gewesen …

Der Friedensstifter

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Der kleine Novize des Klosters Ettal mit Namen Benedikt begehrte eine Antwort. Zu sehr war ihm die Uneinigkeit der Mönche im Kloster aufgefallen. Und er litt darunter. So fragte er den Abt und sagte: „Vater, ich suche Rat. Sagt mir doch, wer ist der beste Friedensstifter?“ Der Abt überlegte lange – dann wandte er sich an den jungen Novizen. „Mein Sohn“, sagte er, „es ist der Kochtopf.“ – „Wie das?“ fragte der Novize und zweifelte sehr an der Ernsthaftigkeit dieser Auskunft. „Es ist wohl doch so“, sagte der Abt. „Nimm den Kochtopf. Er hat einen festen eisernen Boden und trennt die Elemente Feuer und Wasser. Das Wasser würde doch sogleich das Feuer erlöschen, wenn es in die Flamme fiele. So wird es aber nur durch das Feuer erhitzt. Das Feuer erhält seinen Sinn durch das Wasser, das kochen soll. Das Feuer braucht das Wasser, um zu heizen, das Wasser braucht das Feuer um kochen. Der Kochtopf trennt die beiden feindlichen Elemente – und dient dazu, daß sie einander nicht fressen, sondern nützen.“

Frieden ist, wenn die Gegner einander brauchen.

 

von Dr. Bodo Seidel (Pfarrer in Niedersachswerfen)

– anders sagen – andre erreichen –

puppets

Leberecht Gottlieb war es leid. Viereinhalb Jahre vor seiner Pensionierung sollte er noch bei diesem unseligen Projekt. „Anders sagen – andre erreichen“ mittun. Wie er solche Dinge hasste! Alle die Hüpfburgen, Kampagnen, Festchen und Events. Einer der Berater, die der Kirchenkreis – um „einen neuen Anfang zu wagen“ – für teure Euros dachte engagieren zu müssen, hatte gesagt: „Wenn das Catering stimmt – wird ein Event daraus!“ Stimmt, – Jesus hatte mit ein paar Brocken eine Menge Leute satt gemacht. Aber das war eben der Jesus. Und kein Caterer.
Leberecht wundert sich. Während der vielen Termine mit Lenkungsgruppe und Teams – alle lachen da immer so laut und lange. Dieses alberne Kreischen und Gejohle, besondern bei den intellektuell tuenden Frauen jenseits der argen Lebensmitte. Leberecht sagt da oft bei sich: „Die üben sicher schon mal das Schreien für später, wenn der Höllenfürst zur letzen Fahrt abholt.“ Leberecht denkt an die linke Seite der Biblia Pauperum in seiner schön restaurierten Barockkirche zu Mumplitz – da reißen die Verdammten das verzweifelte Maul genauso weit auf wie die armen Schwestern im Chrismon+Magazin. 

Auch er soll nun tatsächlich ein Projektpapier abgeben, damit das dann von irgendwelchen quotierten Kommissionen evaluiert – und bei Gelingen als best practice später honoriert wird. „Vielleicht“ lacht Leberecht grimmig „bekomme ich dann den Wichern-Preis. Der Wichern-Preis war kürzlich von der EKD für besonders innovative Projekte ausgelobt werden. 5.000 Euro hingen dran. Da konnte man schon eine kleine Kreuzfahrt unternehmen, dachte der alte Pfarrer. Oder lieber den Athos besuchen – dort wollte er immer schon einmal hin.
Leberecht Gottlieb ist Anfang sechzig. Er setzt sich in den alten Ledersessel seines Urgroßvaters Hans Georg Gottlieb, der seinerzeit einen kleinen Band mit Feld-Predigten herausgegeben hat, die samt und sonders 1917 gehalten worden waren. Die Schriftstellerei liegt der alten Pastorendynastie der Gottliebs im Blut. Leberecht öffnet den Füllfederhalter – er schreibt mit wirklicher Tinte – und beginnt. Dicht nebenbei kreist eine Schallplatte mit Wagnerovertüren. Die vom Rheingold ist die beste. Das beginnt mit einem tiefen Es und dann türmen sich Takt für Takt Quinten und Terzen aufeinander. Es ist eine Lust. Das kann er immer wieder hören. Wie von Geisterhand fliegen Leberecht die Gedanken zu. Und fast unheimlich fügt sich Zeile an Zeile – Seite auf Seite. Ein Dramolett soll es werden! Denkt sich der alte Pastor, – wobei die Spielenden die Gespielten sein müssen. Niemand anderes als die Gemeinde der ungläubig Gläubigen, die zugleich lebt und erlebt, dass sie irgendwie doch nicht lebt. In gewisser problematischer Verwandtschaft zu „Puppet-Master“ nennt Leberecht sein Projekt „Puppet-Service“. Puppengottesdienst.

Das Drama? Entsteht an diesem kühlen Spätsommerabend quasi von selbst: Es wird ganz normal eingeladen werden, zu einem Gottesdienst zu kommen. Aber – das ist der Unterschied: Zu einem besonderen Gottesdienst. GOTTESDIENST ANDERS. Oder DER ANDERE GOTTESDIENST. Oder SONNTAGSGLÜCK. Vielleicht WEIHEFESTHANDLUNG? Nein – da muss er noch nachdenken, wie es heißen wird. Jeder soll (das wird vorher zu kommunizieren sein) eine Puppe mitbringen. Meinetwegen auch nur Legomännchen, wenn nichts anderes im Hause ist. Am Portal des Kirchengebäudes (des Heiligtums) wird das Püppchen abgegeben und von ernst dreinschauenden Presbytern entgegen genommen. Dann wird man von Hostessen und Stewards feierlich zu seinem Sitzplatz geleitet, indes die Presbyter die abgegebenen Püppchen an einen besondern Platz tragen, wo sie dann ebenfalls hingesetzt werden. Auf diesen Platz (etwa ein Quergestühl im Nordschiff des Doms) ist eine Live-Cam fokussiert, welche die abgelegten Püppchen ständig im Auge behält und auf einer Videoleinwand, die direkt im Hochaltar untergebracht ist, zeigt. Püppchen für Püppchen erscheinen also im Allerheiligsten – als Präsenz des Göttlichen. Die wirklichen Menschen werden umständlich (um Zeit zu gewinnen!!!) auf ihre Plätze geleitet. Die Hostessen sind bekannte Personen. Etwa Katharina Witt mit ihrem unverwechselbaren Sächsisch oder der Dalai Lama in feurigem Orange. Auch bereits Verstorbene sollten der Schar untergemischt sein. Zum Beispiel Mahatma Ghandi – aber auch problematische Gestalten wie z.B. Joseph Stalin. Die Hostessen und Stewards müssen sich dabei absolut cool geben und dürfen die ganze Sache nicht dadurch versauen, dass sie ihre Rolle nicht ernst nehmen. Auch Bedford Strohm und Käßmann sind natürlich dabei. Sogar mehrere Male – aber nur der Bedeutung wegen. Das wird der Hammer! Freilich – es kostet natürlich – aber für Gott ist das Teuerste gerade gut genug. Im Kirchenraum – und das ist das Allerwichtigste – sitzen allerdings bereits lebensgroße Puppen. Als solche absolut erkennbar – jeder weiß, was Schaufensterpuppen sind. Tote Augen und bewegungslos lehnt neben jedem plazierten Gottesdienstbesucher eine solche tote Puppe.

Dann beginnt der Gottesdienst. Als Vorspiel Prometheus von Richard Strauss, als Lesungen Genesis 2, wo Gott aus Lehm das Menschenpüppchen formt und die Vision vom bewegten Knochenfeld aus Ezechiel 37 anstelle der Psalmlesung. Evangeliumstext muss natürlich Johannes 11 sein – die Sache mit dem Mann Lazarus, der als Wickelpuppe in der Requisitenkiste unglaublicher Wunder auf uns  wartet. Beim Glaubensbekenntnis stehen alle auf. Und der Witz dabei ist, dass nun die Schaufensterpuppen auch aufstehen, denn in ihnen stecken wirkliche Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich das aber nicht haben anmerken lassen, – denn es sind ja Profis. Jawohl, – es wird richtig teuer! Dann kommt die Predigt über die Idee der Gottebenbildlichkeit und eine neuplatonische Weiterentwicklung des Höhlengleichnisses – und dann die Eucharistiefeier. Hier stehen die  Schaufensterpuppen plötzlich auf und schreiten in den Chorraum. So werden sie zu Ministranten. Die Puppen reichen das Brot und kredenzen den Wein, da sie aber selber keinen Mund haben, kommunizieren sie die Elemente selbst nicht. Jedoch – sie segnen nach gespendetem Mahl einander, wobei sie im inneren Ring des feiernden Kreises stehen und deshalb für alle anderen  im äußeren Zirkel (die wirklichen Menschen vulgo: Gemeindeglieder) als Segnende sichtbar werden. Inzwischen sind die mitgebrachten Püppchen heimlich fortgetragen worden und gänzlich verschwunden. Auch die Live-Cam wurde anders positioniert und filmt/zeigt nun die Gottesdienstbesucher. Diese sind quasi nun selber zu Puppen geworden, da sie sich auf dem Screen im Hochaltar sehen (müssen). Die Schaufensterpuppen dagegen haben das Amt der Menschen übernommen – und die Realität der Puppen als belebte Wesen wird dadurch zwingend erfahrbar, da die von den Menschen mitgebrachten kleinen Püppchen und Kuscheltiere verschwunden sind. Hier zeigt sich das alte magische Prinzip: „Wo etwas verschwunden ist, was vorher selbstverständlich da war, wird das, was vor kurzem noch sonderbar erschien, zur Superrealität.“

Leberecht reibt sich die Hände und setzt die Nadel erneut über das tiefe „Es“ des Rheingoldvorspiels. Erschüttert müssen die Leute wahrnehmen, dass die Macht der Puppen groß ist – sie selbst aber, die allesplanenden Menschen, zum Staube verdammt. Spätestens dann, wenn sie alle wieder auf ihren Plätzen sitzen werden – und sich selbst auf der Videoleinwand erblicken müssen, ist es soweit. Dann wird es klar! Nach irgendeinem der Schlusszene der Götterdämmerung nachfantasierten Postludium gehen die Leute nach Hause. Kollekte? Diesmal nicht. Kollekte würde den Eindruck des Erhabenen herabziehen. Eine reichliche Stunde wird das alles wohl brauchen? Nun aber geht es weiter – jedem Besucher schließt sich beim Nachhauseweg ungefragt eine dieser großen Puppen an, sie verfolgt ihn bis an das Haus, in das er geht – und dort wird sie lange stehen bleiben. Wortlos! Die kleinen Püppchen allerdings bleiben verschwunden, was hie und da vielleicht auch Aufruhr erzeugen wird. Das ist von Leberecht Gottlieb aber so gewollt. Sollte die Kirchengemeinde verklagt werden, werden die Püppchen bei einem persönlichen Hausbesuch vorbei gebracht – und diese Gelegenheit zur Mission und Ehrenamtlichengewinnung genutzt. Bis hierher war Leberecht Gottlieb gekommen. Er schließt für heute ab – denn es ist bereits 23.45 Uhr – und geht mit grimmigem Lachen zu Bett.

Nach Wochen bekommt er einen Anruf aus der Superintendentur. Die freundliche Sekretärin seines Chefs weist ihn mit besorgter Stimme darauf hin, dass er unter den Schwestern und Brüdern der Einzige wäre, der noch kein Projekt „Anders sagen – andre erreichen“ eingereicht hätte. Ob er sich denn nicht auch ein bisschen schäme …
Leberecht Gottlieb erschrickt. Er hatte den Unsinn ganz vergessen. Hastig rafft er die geschriebenen Seiten zusammen, verbindet sie mit einer Büroklammer und sendet das unvollendete Werk an die Dienststelle. Dabei murmelt er: „Wenn das Catering stimmt, wird ein Event daraus!“

Monate vergehen, der Advent naht. Am Montag nach Totensonntag bekommt Leberecht wieder einen Anruf. Diesmal aus dem Kirchenamt der EKD. Man habe sein Projekt Puppet-Service bei „Anders sagen – andre erreichen“ gelesen – und bedauere, dass es bisher nur flüchtig mit der Hand hingeworfen sei. Aber man hätte nun eine Projektstelle eingerichtet, die das Unternehmen „Puppet-Service“ von Leberecht zum Generalevent des Kirchentages im kommenden Jahre realisieren würde. Er, Leberecht Gottlieb, hätte also auch den kürzlich ausgelobten Wichernpreis gewonnen – und würde sicher die Summe von 5.000 Euro dem Projekt zufließen lassen wollen? Leberecht schwieg am Telefon und meinte dann, er würde sich das noch überlegen. Legte auf und rief laut das Wort „Tollhaus!“ in die Weite seines pfarrherrlichen Amtszimmers zu Mumplitz. Und wie Recht hatte er damit …

Denn was nun begann, war unvorstellbar. Ein zwölfköpfiges Steuerungsteam der EKD begann damit, umfangreiche Planungen für den Puppen-Gottesdienst zu realisieren. Ein Fonds wurde aufgelegt und mit 250.000 Euro ausgestattet, dann noch einmal auf 350.000 Euro aufgestockt. Man sourcte die eigentliche Kreativitätsarbeit an ein linkes Theater in Norddeutschland aus – und ließ dieses Theater von einer renommierten Beratungsagentur im Blick auf politisch korrekte Sprachregelung beraten. Flyer wurden gedruckt und verteilt. Pressekonferenzen wurden gegeben – wobei nicht bedacht wurde, dass der Überraschungseffekt der Puppenaktion dadurch voll und ganz verdorben war. Leberecht fasste sich an den Kopf und reiste gen Athos. Sein Preisgeld gab er nicht her.

Dann kam der Tag, der große Tag, der Tag des Herrn. Zufall wollte es, dass just an diesem schönen Sommertag ein Raumschiff mit Außerirdischen vom Planeten C7 aus der Galaxis Alpha Centauri auf der Erde landete. Das bemerkte natürlich niemand, denn die Angelegenheit ging von Seiten der Fremdlinge gut getarnt über die Bühne. Die Kömmlinge orientierten sich bei Ihrer Visite an den höchsten Gebäuden des Planeten und da sie in einer Größenordnung von etwa einer Million Einzelwesen den Erdball auf Höhe Achse Paderborn – Hannovers betraten, waren Kirchen (aber auch Moscheen) und Banken sehr bald mit sonderbar aussehenden Wesen bevölkert. Das Projekt Puppet-Service kam dadurch aber überhaupt nicht aus dem Lot – im Gegenteil. Denn auch in der Eventkirche auf dem Markt in Hannover fanden sich die sonderbaren Gäste ein und wurden von den Eventmanagern als solche nicht erkannt. Weil? Man dachte an eine Überraschung innerhalb der Überraschung (surprise in surprise) und ließ alles so laufen, wie geplant. Die Kirche war gefüllt bis an den letzten Platz und einige kleinere Aliens wurden von mutigen Besuchern, die ihre Püppchen mitzubringen vergessen hatten, einfach als solche annektiert – und bei den Presbytern abgegeben, so dass sie dann umgehend auf den Bildschirm im Hochaltar der Kirche erschienen. Das Besondere war, dass die Aliens aus der weit entlegenen Welt von der dort ebenfalls wie bei uns waltenden Evolution mit der Gabe ausgerüstet worden waren, nicht nur Farbe, sondern auch Gestalt und Form, Größe und Aussehen beliebig verändern zu können. Dabei hatte es sich auf ihrem Planeten als sinnvoll und überlebensfördernd herausgestellt, dass die Gestalt immer genau dem gliche, was gerade eben im Modus der Kommunikation sich bereits vollzog. Als nun von den Bewegungen der Knochen auf dem Totenfeld die Rede ging, wie Ezechiel sie uns berichtet, sah man Gebeinregungsaktionen auf dem Steinfußboden des aus dem 14. Jahrhundert stammenden hanseatischen Kirchengebäudes. Man nahm das als eine gelungene Performance unter Beifall hin. Als dann gar von Lazarus erzählt wurde, lagen bald Haufen von abgewickelten isabellfarbenen Binden auf dem Fußboden. Applaus!!! Bei den Besuchern, die sich im Vergleich zu den Puppen und Fremden die Waage hielten (die Kirche war wie gesagt gefüllt bis auf den letzten Platz), gab es sonderbarerweise kein Chaos. Alles vollzog sich nach Plan, was wohl auch einen zusätzlichen Beweis hinsichtlich der Wahrheit des Christentums und der Qualität des Leberechtschen Projekts abgibt. Am Ende begleitete jeweils ein Alien einen heimgehenden Gottesdienstbesucher zur wohnlichen Hütte. Das hatte sich so ergeben – obwohl es aus dem Projekt eigentlich gestrichen worden war. Es sollten ja die Puppen mit den darin steckenden Schauspielern die Nachhausebegleitung übernehmen, aber man war darin dann doch nicht Leberechts ursprünglichem Konzept gefolgt, weil man die Besucher nicht verschrecken wollte.

Die Besucher des Gottesdienstes verzogen sich also bald in ihre Behausungen und vergaßen die unten auf der Straße noch lange stehend wartenden Bewohner der Anderen Welten ziemlich schnell. Es gab Mittagessen. Da die Fremden sich selbst überlassen blieben – und es bemerkten, scannten sie den Planeten wie geplant in ihre Supersoftware und machten sich schnell wieder davon. Leberecht Gottlieb bekam davon nichts mit. Er verprasste sein Preisgeld und erlebte drei fabelhafte Wochen auf dem Berge Athos bei den Mönchen, wurde dort endlich fündig – denn „Die Schrift des violetten Engels mit dem goldenen Siegel“, die es nur noch in einem einzigen Exemplar gibt, und die Leberecht seit Jahrzehnten suchte, lag unter der Signatur MoAt2357 in der Bibliothek des Klosters Moni Dionysiou und hatte dort wohl bereits lange Jahre des Mumplitzer Pastors geharrt.

Was ist aus dem Projekt „Anders sagen – andre erreichen“ geworden? Überliefert ist zum Beispiel das Urteil eines treuen Gemeindeglieds aus der Martkirchengemeinde zu Hannover. Es lautete: „Mal was andres! Eben unterschwellig“.

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

wenn gar nichts mehr geht …

Painted in Waterlogue

Die christliche Religion – ist großartig. Diese unglaubliche Gewissheit, sogar den Tod besiegen zu können! Stark wie „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ von Bruno Balz (1902 – 1988). Er lässt seine Seeleute singen: „Die Welle spülte mich von Bord / dort unten bei Kap Horn / Jedoch für mich war das ein Sport / ich gab mich nicht verlor’n / Ein böser Hai hat mich bedroht, / doch mit der Faust schlug ich ihn tot! / Dann schwamm dem Schiff ich hinterdrein / und holte es ein!“ Was überzogen klingt ist überzeugend. Hoffnung bäumt sich auf – und wird wahr. Die Ausnahme bestätigt zwar nur, dass man untergeht. Aber, – Du bist die Ausnahme! Verhängnisse sportlich nehmen, Haie mit der Faust erschlagen, dem Schiff hinterher schwimmen und einholen. Darunter sollte man es nicht machen. Was wie Selbstüberschätzung klingt, ist Rückseite des Gottvertrauens. Kennt ihr den Frosch, der in die Sahne fiel, strampelte und triumphierend aus der Butter kroch? „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern / Wir lassen uns das Leben nicht verbittern / Und wenn die ganze Erde bebt / und die Welt sich aus den Angeln hebt / keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“ Die biblische Wahrheit und die Operettenparadoxa ergänzen sich ohne Wiederspruch. Das Seemannslied dichtete Bruno Balz zusammen mit „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh´n“ Herbst 1941 im Gestapo-Hauptquartier Prinz-Albrecht-Straße – zwischen den Stunden der Folter …