Pfingsten – fällt aus?

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Am Anfang des Jahres 2016 haben wir erzählt, wie die Vier Könige der Weisheit zum Pfingstfest in Jerusalem auf die Jünger treffen. Und natürlich einander nach 33 Jahren wiederfanden. Was da passierte. – Erinnern sie sich??
Die beiden EE (das war unsere Abkürzung für ErzEngel) saßen am Brunnen und feierten ihr freies Wochenende. Sie mussten nicht schützend eingreifen, um die Leben der in der Heiligen Bibelgeschichte auftretenden Akteure zu bewahren. Denn der Hauptakteur war zu Pfingsten ein Anderer. Es war der Geist. Er kam, und die Vier Könige der Weisheit durften beobachten, was er ausrichtete, als er sich auf die Häupter derjenigen Männer setzte, die einmal „Jünger“ hießen, dann später „ die Apostel“ genannt wurden. Der Geist verlieh die seltene Fähigkeit, mit freiem Sinn geradeaus zu reden.

Wir schrieben damals, den Text der Heiligen (Zweiter Theil, genannt Neues Testament) zitierend: „Und es erschienen ihn Zungen, zerteilt wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden erfüllt alle vom Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen …“. Da war es geschehen, und sie waren alle Zeugen. Die sprachkundigen Weisen Könige verstanden natürlich fast alles, was da gepredigt wurde. Phrygisch und Pamphylisch, Ägyptisch, Arabisch, Parthisch, Medisch und Mesopotamisch, Kappadozisch, Englisch, Französisch, Sächsisch, Nordskythisch, das seltsame jüdische Seitenidiom des Reichsaramäischen, Italienisch, Ober- und Unterfränkisch, Platt und auch der Jargon der Halleschen Bunapälzer, in allen Sprachen hörten die Zeugen von den großen Taten Gottes reden. … Der einfach Mann Petrus, der einst ein Prahlhans war, der versagte, wo er groß sein sollte und der groß sein wollte, wo es nicht gefragt war – dieser Mann, ein ungebildeter Laie bislang – der konnte sich vernünftig artikulieren. Und sie sagten sich, die Vier, wo das geschieht, dass kleine Leute das Maul geradeaus führen können und vernünftig, da ist fortan immer mit den großen Gaben des Geistes zu rechnen. …

Soweit damals, am Anfang des Jahres 2016. Wir blickten vor auf das Pfingstfest und hatten die Gelegenheit, die große Reisegeschichte zu Ende zu erzählen. Alles auf „Glaube als Heimat“, der Textbewahrungs- und Archivierungs-Blog, für den Freund Schollmeyer zuletzt so schön Offenbarung 21 nachgedichtet hat.

Jetzt aber sind große Zweifel über uns gekommen. Hat nicht vielleicht doch die große Sprachbewahrung, die Heilige Verständlichmachung, die harmonische Vermittlungsgabe, die der Geist verlieh, ihr Ende? Ist es nicht doch so, dass der Geist seinen Rückzug angetreten hat, dass eine Art neu-babylonische Sprachverwirrung, eine ganz unpfingstliche, über die Kirche des HERRen gekommen ist. Und grässliche Disharmonien halten unselige Urständ? Wie und woher dies nun?

Die Kirchentägler der jüngsten Zeit legten ein Gesangbuch für den Kirchentag vor. So berichtet es uns die Frankfurter Allgemeine Zeitung, gemeinhin Eff-Ah-Zett genannt. So die Ausgabe vom 29. Mai d.J., die Nr. 123 auf Seite 9. Sie, die Hamburger Gruppe, die das Gesangbuch erarbeitete, dichtete neu …- nein, falsch, – sie zerschmiss die gute alte Dichtung. Es heißt nicht mehr: „Lobe den Herren …“, sondern „Lobe die Ew´ge …“. Und dergleichen mehr: „O treuer Hüter …“ wird zu „O treue Hütrin …“. Das nennt sich nun „geschlechtergerecht“ oder „echt-gerechte Gendrizität“.

Dass der Geist uns dereinst einmal so schmählich im Stich lassen würde und uns an den Un-Geist der Albernheit ausliefern würde, hatten wir nicht gedacht.

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

… auf Patmos (Offenbarung 21,1ff)

Ich griff beherzt nach jenem kleinen Buche,
das mir gereicht in meine offne Hand.
Und schlug es auf. Er sprach zu mir: „Versuche,

zu machen dich dem A und O verwandt.“
Es waren Rätselbilder zu entdecken,
wie fabelhaft erschien der ganze Band.

Die neue Erde leuchtete, kein Schrecken,
denn andre Himmel wölbten sich darob.
Ganz ausgeleert erschien des Meeres Becken

und überall erscholl Gesang und Lob.
Sacht senkte sich aus fernen Himmelsräumen
Jerusalem. Die goldne Stadt verwob

aus Wirklichkeit sich selbst in feinen Träumen.
Sie kam daher wie meines Herren Braut,
geschmückt mit Blüten wie von Lebensbäumen.

Vom Thron her wurde eine Stimme laut:
„Seht her! Hier glänzt nun Gottes Zelt den Seinen!“
Aus reinem Leinen, schaut, ist es erbaut.

Wer drinnen wohnt, zu Ende kam sein Weinen
Denn draußen weht´s wie Wunder in den Hainen.

Man forderte mich auf daselbst zu bleiben.
Ich darf auf ewig sein in ihrer Schar.
Sie baten mich, ich solle für sie schreiben,

dass sei ein Gott, der ist und wird und war.
Er will die Tränen aus den Augen wischen
in Glück verwandeln Trauer, Not, Gefahr.

Schon saß ich nieder dort bei vollen Tischen.
Die Trübsal war vergangen – alles neu.
Ich blicke auf und merke, dass inzwischen

ein Lämmlein nahte. Mit Papier und Blei.
Zur Schreiberin des Zeltes ward erhoben,
ich Arme nun und freue mich dabei.

„Der Dürstende darf hier die Quelle loben.
Wer überwindet, schaut den wahren Gott,
die Schrecken vor der Ohnmacht sind zerstoben,

betrogen stürzte in den Tod der Tod.“
Der Engel nahm mich bei der Hand zu zeigen
das Christusweib, die Braut im Morgenrot.

Und als ich´s sah, erkannte ich die beiden:
Er meinte mich – mit allen meinen Leiden …

Die unerträgliche Leichtigkeit des Bekenntnisverzichts

Da haben wir´s. Es ist tatsächlich wahr, was ich erst nicht wahrhaben wollte. Die neue Revision der Lutherbibel liest in Matthäus 28, Vers 19 im Missionsbefehl tatsächlich: „… gehet hin und lehret alle Völker …“. Gelernt hatten wir einst: „… geht hin und machtet zu Jüngern alle Völker …“. – Aber es ist doch – und ich wollt´s nicht gleuben – eine Rückkehr zu Luther. Ich habe es nachgeprüft: Septembertestament 1521, Vollbibel 1534, Ausgabe letzter Hand 1546, Canstein-Tradition 1741 bis hin zur Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912 haben den Text von Luther 2017. Selbst noch meine Bibelausgabe von 1955. Erst die Revision 1956/64 (meine Konfirmandenbibel) und danach alle Entscheidungen lasen „machtet zu Jüngern´´.  Und Luther 2017 ist tatsächliche eine Rückkehr zum alten Luther.

Aber warum? Eine exegetische Anschauung hatte sich im 20. Jahrhundert durchgesetzt, dass das ´matheteusate´ in Mt 28,19 nicht mit ´Belehrung´, sondern mit ´zu Jüngern machen´ wiederzugeben sei. Dem folgten nun fast alle Bibelübersetzungen (ins Deutsche) des 20. Jahrhunderts. Hermann Menge, die Zürcher Bibel, Ulrich Wilkens, die Jerusalemer Bibel (Herder-Text), die Einheitsübersetzung, zuvor schon die katholische Bibel von Vinzenz Hamp und Joseph Kürzinger, die eigenwilligen Übertragungen von Jörg Zink und der Guten Nachricht; die sog. Basisbibel, die neue Genfer Übersetzung desgleichen. Auch die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas ähnlich.

Nun wendet man sich „zu Ehren Luthers“ von der Erkenntnis wieder ab. Warum, fragten wir. Die Antwort hat vielleicht der letzte Herbst gegeben. Eine kühne Interpretation: Es war die Kreuzabnahme auf dem Tempelberg. Das war Bekenntnisverzicht – und  man wollte nicht mehr Jünger sein. Das ist vielleicht leichter. Jünger-Sein ist ein große Bürde, Jünger-Machen, wie es in Mt 28 steht, eine heikle Angelegenheit.  Vielleicht auch deshalb, weil es heute (in post-colonial times) unter einem besonderen Gesichtspunkt unkorrekt erscheint. Und so sahen die Revisoren der Gegenwart das Jünger-Machen möglicherweise als verfehlte Neuaufnahme der schlimmen Praxis kolonialer Unterwerfung der Völker an.

Aber nicht selten hat die Religionskritik des 20. Jahrhunderts u. A. das Phänomen der Mission im Christentum als einen „Geburtsfehler“ desselben bezeichnet. Dann aber folgerichtig prognostiziert: Fällt die Mission, dann wird vom Christentum nicht mehr viel übrig beleiben. – Und darin dürften die Religionskritiker Recht haben. Und welchen Weg gehen die zeitgenössischen Revisoren?

„Quo vadis?“ hieß es damals, als Christus seinem Jünger Petrus und Petrus seinem Herren vor den Mauern von Rom begegnete. Petrus sprach die Frage aus – und bekam seine Antwort. Und so richtet Christus diese Frage (zu gut Deutsch: Wohin gehst du?) auch an unsere Kirchenoberen. Sicher ist vegane Ernährung und Elektroantrieb für automobilisiertes Vorwärtskommen ein gutes Synodenthema. Wo aber bleibt die feste Speise der Evangeliumsverkündigung?

(von Dr. Bodo Seidel (Pfarrer in Niedersachswerfen)

… von den Dingen und Menschen am Sonntagmorgen

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Der Auferstandene bahnt sich seinen Weg durch die am Boden verstreut umherliegenden Waffen der besinnungslos gewordenen Wächter. Es kam einiges zusammen. AR15 und M16, Glocks aller Kaliber und ein paar undefinierbare Gegenstände, was die Leute eben alles so haben. Es tat ihm ein bisschen leid, dass er als Auferstandener sie zu Tode erschreckt hatte. Das war eigentlich nicht sein Stil. Aber Resurrectio ist eben ein besonderer Akt – und die Extremisten jedweder Art, Linke und Rechte, sind enorm schreckhaft. Das ist bekannt …

Die Sonne war fast am Aufgehen und er rief den Engel aus dem Stein, der auch sofort heraustrat und ihn anlächelte. Es hatte lange gedauert, ihm den etwas antiquiert anmutenden Spruch „Was befiehlt mein Gebieter?“ abzugewöhnen. Aber Zeit spielte ja keine Rolle mehr, seit die Ewigkeit angebrochen ist. Was war nun zu tun? Der neue Leib jedenfalls fühlte sich gut an, man konnte damit feste Gegenstände durchdringen, es gab dann jedesmal einen sanften Widerstand. Irgendwas mit autointelligenter  Quantenfluktuation wird das wohl sein … Es fühlte sich so an, wie es ist, wenn man früher mit den Zwölfen bis zur Hüfte am Ufer des Genezareth im Wasser gelaufen war, – aus reiner Freude am Leben. Die Wunden waren noch da, aber bluteten nicht mehr. Es hatte sich am Wundrand so eine Art Perinäum gebildet, kein harter Schorf. Die Haut war jedoch sehr empfindlich. Man musste halt noch ein bisschen vorsichtig sein.

Die Dinge, die vorgestern (komisches Wort, da es nun keine Zeit mehr gab) noch geredet hatten, blieben jetzt weite Strecken schweigsam. Aber alles, was Ding war, verströmte irgendwie eine große Grundsympathie. Es hatte eben zu nieseln begonnen und ein Regenbogen war am Himmel schon zu ahnen. Denn jetzt ging die Sonne tatsächlich auf und der Auferstandene hörte das eiserne Pförtchen sich in den Angeln drehen – da waren sie. Genauso wie er es eben geträumt hatte, als er noch tot war. Die Frauen mit den Salbenbüchsen nahten sich.

Unter den Schleiern sah man verheulte Gesichter. Der Auferstandene nahm sofort die Gestalt eines an Engel erinnernden Jünglings an, kehrte rasch ins Grab zurück und setzte sich mit dem richtigen Engel auf den steinernen Grabkasten. Die Waffen wurden durch einen kurzen Blick in alles Mögliche verwandelt – meistens in Blumen oder Zweige. Nur die Heckler&Koch sträubte sich ein wenig, nahm dann aber doch Aststückchengestalt an. Dann waren die Frauen heran – und natürlich entsetzt.

Der Tote war verschwunden und dafür saßen quicklebendig zwei knabenhafte Jünglinge auf dem Steintrog. Der Auferstandene verstellte seine Stimme ein wenig in´s Predigthafte und redete begütigend auf die Frauen ein, während diese vor Furcht und Zittern fast in Ohnmacht fielen. Und das hätte gerade noch gefehlt …

„Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Weit aufgerissene Augen. Aufgerissene Münder. Er muss es wiederholen: „Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Sie sagen immer noch nichts, aber er spürt, dass sie fragen wollen, ob sie Engel wären? Er will es nicht kompliziert machen – und wiegt seinen Kopf, was beides bedeuten kann. Auf jeden Fall deuten die beiden Frauen die Bewegung als „Ja“, denn die Angst weicht etwas aus ihren Gesichtern. Nun fallen sie zu Boden, und er – das heißt eigentlich sie beide helfen ihnen wieder auf. Und dann können sie schon nicht mehr gesehen werden, denn ER hat die Gestalt frischer Morgenluft und goldenen Lichtglanzes angenommen, die nun die Grabeshöhle ausfüllen, und der Engel ist in den Stein zurückgetreten. Die Frauen sprechen bei alledem keine einziges Wort. Sie stürzen auf und davon. Ach, – diese Menschen.

Magdalena war nicht dabei? Sonderbar. Da merkt er, wie seine Gestalt wieder Formen annimmt und sichtbar wird für die Augen der Kreatur. Ein Vogel hat ihn bereits entdeckt, schüttelt in die Richtung des Auferstandenen buntes Gefieder und stimmt die Dur-Tonleitern an. Und da schreitet er aus dem Grab wieder hinaus, so wie Lazarus es ihm vorgemacht hatte – erfreut sich gleich an den Rhododendren. Ja – das ist hier so eine Art Friedhof, die Leute haben Blumen gepflanzt und alles schön geharkt. Das Passafest ist noch nicht vorüber – und jetzt kommt doch noch jemand angerannt? Das ist sie. Seine Magdalena. Allein. Er stellt sich abseits zu einem Häuschen, wo sie diese und jene Geräte verstauen und guckt, was nun wird. Die Frau betritt das Grab und kommt nach einer halben Minute unschlüssig hinaus und weint. Sie hat den Toten gesucht – und nicht gefunden. Aber jetzt sieht sie ihn plötzlich – und spricht ihn an. Mutig war sie schon immer, diese Magdalena. Aber die Erinnerungen an die schrecklichen letzten Tage bewirken, dass sie ihn nicht erkennt, obwohl sie mit ihm spricht. Das Hirn reimt sich ja immer irgendwas zusammen – und so denkt sie, dass er der Grünflächenverantwortliche sein muss. „Haben Sie ihn weggetragen, meinen Liebsten? Dann sagen Sie mir doch wo er liegt. Dass ich ihn noch einmal sehen kann.“

Jetzt also auch noch Sie … Deshalb sagt er (schon ein bisschen vorwurfsvoll): „Aber Maria!“ Und sie erkennt ihn!!! Wie er den Namen sagt, so kann ihn keiner sonst sagen. Sie stürzt auf ihn zu – und durch ihn hindurch. Sie kann ihn nicht haben, kann nicht seine Füße umfassen, und er kann sie nicht halten. Denn er ist zwar wirklich und kein Phantasma, aber sein Körper ist anders, er ist aus Licht und aus Geist. So ist das Ganze für Maria Magdalena zwar ein frohes Wiedersehen, aber zugleich auch ein trauriges. Sie kann ihn nicht haben, denn er ist auferstanden. Sie tut ihm leid, weil sie nun wieder weint. Er sieht ihre Haut an. Wie ist sie in diesen drei Tagen um Jahre gealtert! Er sieht die Falten, die Zähne. Die zitternden Finger mit dem Schmutz des Karfreitags noch unter den Nägeln, als sie sich abwechselnd die Haare raufte und die Erde damit durchgrub – vor Verzweiflung. Und obwohl es ihn schmerzt das zu sagen, sagt er jetzt die berühmten Worte: „Versuche nicht, mich zu berühren, denn du kannst es nicht mehr. Und bin noch nicht aufgefahren zu unserem Schöpfer. Du wirst hier bleiben. Aber berichte meinen Brüdern von unserer Begegnung. Auf diese Weise kannst du mich dann doch haben, – wenn du von heute erzählst!“ Und dann schiebt er sie sachte auf den Weg, den sie gehen muss. Berühren aber geht nicht. So lenkt er sie mit einem Lächeln seiner Augen. Und sie folgt ihm, indem sie geht – zurück in die Stadt.

Als er wieder allein im Garten ist, nimmt er sich vor, seinen Jüngern zu verbieten, von der Auferstehung genauer zu berichten. Das würde dann doch die ganze Welt durcheinander bringen. Man musste noch ein bisschen vorsichtig sein mit dieser Botschaft. Nur Anzeichen soll man geben, das reicht ja aus. Und ja keine Beweise vom ewigen Leben. Das wäre tödlich für den Glauben. Und ohne Glauben gibt es keine Auferstehung.

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)
 

… von dem Nagel, der Christus nicht verletzte

Als er nun den Essig zu sich genommen hatte, konnte er mit einem Male die Stimmen der Dinge verstehen. Zu hören vermochte er sowieso schon immer mehr als die Anderen. Er kannte sich mit den Liedern der Vögel aus, mit den Gesängen der Kinder und dem Lachen der Frauen. Mit ihrem Weinen und mit dem Schweigen der Männer. Aber dass die Dinge nun sprachen, das war neu. „Ein Gott“ dachte er sich mit letzter Kraft „lernt eben immer noch was dazu, wenn er Mensch sein muss!“

Den er da mit metallener Stimme reden hörte, war der Hammer. Es war genau jener Hammer, mit dem man die Nägel vor einigen Stunden eingeschlagen hatte. Das Werkzeug lag am Fuße des Kreuzesstammes in einer Holzkiste. Der Hammer zusammen mit einigen Nägeln und einer großen Kneifzange. Weiter abseits saßen die Soldaten mit den Würfeln. „Ob Würfel auch reden können?“ fragte sich der Gekreuzigte – dann war aber wieder nur der Hammer zu hören. „Ich hoffe, dass ich bald einen neuen Stiel bekomme. Mein jetziger ist noch aus den Zeiten des Eurystes.“ Einer der ganz jungen Nägel meinte daraufhin, dass Eurystes ein sehr guter Schmied gewesen sein müsse. Er habe die älteren Nägel als er selber einer war von diesem Meister berichten hören, wie der eine gewisse Spannung in jeden der Brüder hinein prägte, die sich dann löste, wenn man in´s Holz eingeschlagen wurde. Dort konnte man dann ohne Krampf lange aushalten und verharren. Nicht so wie heute, wo man zwar ohne Spannung in der Kiste läge, aber dann ging es los, wenn man eingeschlagen wurde und hörte nicht auf. Die Schmerzen. „Die drei dort oben sind noch alte, ich selber nicht mehr. Deshalb bin ich froh, das ich nicht ans Kreuz musste.“ Die anderen Werkzeuge hörten schweigend zu, aber der am Kreuz Sterbende konnte ihr Schweigen buchstäblich hören.

„Gebt Ruhe!“ meinte nun die Zange. Denn ich ziehe euch am Ende alle wieder heraus. Und dann ist es gut.“ Nun begann ein besonders alter Nagel zu berichten. Er hob an: „Ich habe schon viele Kreuzigungen mitgemacht und lande immer wieder in dieser Kiste. Wenn das Blut sich mit dem Eisen verbindet in der Mittagsglut, das ist ein gutes Gefühl. Wie ein erweitertes Leben. Ich wünschte, ich wäre heute auch genommen worden. Denn das Blut von dem Mittelsten da, das hier in unseren Kreis tropft, das ist kein Verbrecherblut. Seht doch, wie die Blumen erglänzen, dort am Fuße des Stammes. So etwas … Die Werkzeuge blickten alle hin, blinkten hin. Sie haben ja keine Augen, ihr ganzer Leib ist Blicken und Blinken. Der Hammer machte sich weiter Sorgen um seinen Leib. „Wenn ich nicht bald einen neuen Stil bekomme, ist es aus mit mir. Der Kopf ist mir vorhin beim dritten Nagen fast vom Holz geflogen. Ich fürchte, sie werden mich dann wegwerfen wie Martellus voriges Jahr. Der ist jetzt Eisenband an einem Fass. Welche Schande.“

Die Zange, die klüger war als alle anderen Werkzeuge in der Kiste, merkte begütigend an: „Es kommt darauf an, was in dem Fass ist, dem man die Dauben zusammenhält. Kreuzigungsnägel einzuschlagen ist, bei Licht besehen, auch nicht das Allererstrebenswerteste.“ In diesem Augenblick begann die Sonne ihren Schein zu verfinstern und ein kalter Lustzug machte sich auf. Die Krähenvögel, die auf den waagerechten Armen der Kreuze gesessen hatten, schwangen sich krächzend ein paar meter in die Luft, umkreisten den Berg und ließen sich dann aber wieder bei den Abgeurteilten nieder. Und nun? Der eine Nagel, der noch nichts gesagt hatte, sagte jetzt doch etwas. Und der sterbende Gott hörte jedes Wort, sah jedes Wort und das Wort war der metallene Glanz des Nagels, der ihn nicht durchbohrt harte, sondern dort in der Kiste schimmerte. „Ich wünschte“, sagte er „dass ich nie in irgendein Holz geschlagen würde. Könnte ich doch makellos und frei von Schuld bleiben an all diesem …“ Er suchte nach einem Wort, fand aber keines. „An diesem Opferdrama“ sagte die Zange. Denn sie war eine alte und erfahrene unter den Zangen.

Nun fing der alte Kreuzigungsnagel wieder an: „Nach jeder Kreuzigung werden wir ausgeglüht, das Blut wird uns in dem Schmiedefeuer weggebrannt. Das Eisen im Blut verbindet sich nämlich auf Dauer sonst mit dem Eisen des Nagelkörpers. Einer von uns, Stachius Octavius, lag mal ein par Monate mit dem Blute. Den hatte man einfach vergessen zu glühen. Und der war so was von fertig. Das ist nie mehr weggegangen. Was hat der für komisches Zeug erzählt! Jetzt ist er im Tempel. Da war was an einem Pfeiler, wo der Vorhang hängt. Da haben sie ihn eingeschlagen. Nun hält er – sozusagen alles.

„Um Gottes Willen! Ein Eisennagel mit dem Blut der Verdammten im Heiligtum der Weltformel. Das geht ja gar nicht! Die Balken dort sind alle ohne ein einziges eisernes Werkzeug gefertigt!“ rief der lädierte Hammer. Aber die Zange, die klüger war als alle anderen Werkzeuge in der Kiste, sagte lakonisch: „Auch das hat nachgelassen, Freunde. Wir leben in der Endzeit.“
Das Tropfen des Blutes hatte inzwischen auch deutlich nachgelassen. Die beiden Verurteilten zur Linken und Rechten keuchten wohl noch in Todesnot, aber der Mittlere war ganz still geworden. Es war nun fast dunkel, obwohl doch eigentlich heller lichter Nachmittag. Auch die Gerichtsvögel machten bedenkliche Gesichter.

Ein Soldat mit höherem Dienstgrad kam auf die Kiste zu und nahm den blanken Nagel an sich. „Sacer es!“ sagte er – und das ist lateinisch und bedeutet etwa: „Du bist verflucht.“ Aber es heißt zugleich auch: „Du bist heilig.“ Der Mann steckte den Nagel ein, – diesen Nagel der Christus nicht verletzen wollte.

Was soll ich noch berichten von den Dingen, deren Sprache Jesus wenige Minuten vor seinem Weggang aus dieser uns bekannten und verständlichen Welt zu hören begonnen hatte, wie er auch alle unsere Gebete hört und versteht? Der blanke heilige Nagel wanderte mit dem Centurio Tag für Tag hinaus und kam wieder hinein von Ort zu Ort. Als Jerusalem im Jahre 70 dann zerstört wurde, ist die Truppe abgezogen worden und der Hauptmann kam, fast schon ein Veteran, nach Rom. Der Nagel befand sich bis zum Schluss in seinem Besitz. Aber was heißt schon Schluss? Er rostete nicht, er schmeckte kein Blut, er lag immer dicht am Herzen des Hauptmanns. Und deshalb wurde er bei dessen Tode, welcher sich in der Arena vollzog, denn der Hauptmann war Christ geworden und als solcher eines Tages ad leonem getan (zu den Bestien) – wurde er heimlich weitervererbt.

Es gibt Menschen, die die Dinge reden hören. Sie gelten als wunderlich, aber wunderlich sind die, die nicht hören, wie die Dinge darum bitten, den Herrn Jesus nicht verletzen zu müssen. Zum Beispiel der eine Nägel, der deswegen heilig ist, auch wenn er als verflucht gilt. Die Zange, die klüger ist als alle Werkzeuge auf dem Erdenrund, bezeugt es bis die heutige Ewigkeit …

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

Jona 2

Jona

Der Prophet Jona weigerte sich, den Willen Gottes auszuführen. Er floh vor dem Befehl Gottes. Er hatte sogar vor, über das Meer zu fliehen. Weil er glaubte, vor Gott sicher zu sein. Aber warum hatte er Angst? Wie erklärte sich diese seltsame Unlust? Er sollte die Niniviten zur Buße rufen. Das tut weh. Weniger den Niniviten als dem Propheten selber. Denn die Verkündigung des Worte Gottes kostet etwas. Sie ist teuer. Weil es um die Wahrheit geht. Es gibt keine billige Buße und keine billige Gnade.

Das war es, was Jona wußte. Und er war nicht dienstbereit. – Wie wir wissen, wurde er vom Schiff aus, mit dem er fliehen wollte, ins Meer geworfen. Dann kam der Walfisch. Wir Modernen wissen, daß Wale keine Menschen verschlucken können. Das macht aber nichts. Es kam jedenfalls dieses Meer-Tier. Und verschluckte ihn. Lange Zeit war es so, daß niemand auf der Welt wissen konnte, ob es für Jona eine Wiederkehr geben könne. Das wußte nur allein Gott. Er hatte mit Jona nun doch noch etwas vor. Im Bauche des Fisches dichtete Jona einen Psalm. Denn er war doch eigentlich ein frommer Prophet.

Als der Psalm fertig gedichtet war, spuckte ihn der Fisch an Land. Und so konnte der Prophet nun doch seinem Auftrag nachkommen. Das ist die Geschichte von einer nicht gelungenen Flucht. – Wenn Gott will, daß es doch weitergeht, dann läßt er seinen Diener nicht im Bauche des Fisches, sondern läßt ihn zur rechten Zeit wieder an Land spucken. Aus dem Dunkel des Todes ans Licht zurück! Wie erging es den Niniviten nach der Ankunft des Propheten? Das kann man herausbekommen.

Denn das alles steht im Alten Testament.

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

Reminiscere 2017

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Er nimmt den alten Becher in die Hände,
und wischt die letzten Tropfen noch vom Rand.
Er weiß was morgen kommt. Die bittre Wende.

Beim Garten wirft er sich in kühlen Sand.
Es folgten ihm nicht alle, denn sie scheuten
den Gang hinaus in das, was unbekannt.

Drei fragen müde: „Was hat’s zu bedeuten.“
Und schlafen schließlich ein im trocknen Gras.
Nur er blieb wach und hört die Sterne läuten,

aus naher Ferne – rein und fein wie Glas.
Sein Engel naht mit starkem Trank zu trösten.
Und gießt und gießt, bis überläuft das Maß.

Christ betete wie einer von den Größten:
„Wenn´s möglich ist, so lenke es vorbei.
Und lass nur sein mich einer der Erlösten.

Der Weg bleib ohne Leiden und Geschrei.
Doch nicht mein eigner Wille soll geschehen,
ich bette mich in deiner Litanei.“

Wir sehen ihn, um den die Sterne gehen,
im Garten knien für Weltgeburtenwehen.

Schon dreimal schaute er nach den Gefährten.
Sie schliefen ein und ruhen tief und fest.
Er rät Gebete an, die sich bewährten …

spürt ihre Trauer und den ganzen Rest.
Dann weckt er sie aus tiefen schlimmen Träumen
und scheucht sie aus des Schlummers blindem Nest.

Denn schon kommt es heran. Und ohne Säumen
umhalst ihn Judas mit dem falschen Kuss.
Kriegsknechte bargen sich dort bei den Bäumen,

sie eilen nach ihm hin. Und ganz am Schluss
schlägt Petrus noch mit scharfem Schwert dazwischen –
des Kaiphas´ Knecht ein Ohr ab mit Genuss.

Der Meister aber wird das Blut abwischen,
und setzt die Muschel ihm an’s wehe Haupt.
Dann spricht er sanft zu dem Aufrührerischen:

„Durchs Schwert stirbt oft, wer nur dem Schwerte glaubt!
Im Tempel lehrte ich, wer hat´s begriffen?
Wie wird man hören, wenn das Ohr geraubt!“

Jetzt ruckt man an. Und unter rohen Pfiffen
stößt man zur Stadt ihn hin mit harten Püffen.