… noch einmal. die Bibel …

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Singe uns, Muse, von Christus, dem HERREN,
göttlichem Wohltäter glaubender Menschen.

Wie er zur Erde hinabstieg und lernte,
dem Willen des ewigen Vaters zu folgen.

Wie dann, nachdem die Leiden genossen,
zum Hades er drang und wiedererstand.

Gen Himmel auffuhr, zur Rechten sich setzte,
neben den allesbewirkenden Schöpfer.

Doch seine Jünger niemals vergaß,
sondern mit geistlichem Beistand anführte.
Singe, die alten Geschichten verkündend.

Einst, als der mächtige Alte beschlossen,
nicht mehr alleine im Weltkreis zu bleiben,
ließ er dem Ratschluss, Welten zu schaffen,
alsbald auch wirkende Taten nachfolgen.

Er warf sein leuchtendes Wort in die Runde,
als Licht erstrahlt es alsbald in den Sphären.
So gut, so schön. Doch das war nicht alles.
Der alte Drache des kreisenden Meeres
ward bei der Fluten Grund festgefesselt.
Ewig wirbelnde Wasser zertrennt er,
der Alte – halb oben, halb unten zur Hälfte.
Dazwischen lugt eine Welt keck hervor.
Länder und Berge, Fluren und Felder,
ganz ohne Bewuchs, noch grünte kein Keim.
Jetzt aber schon ersprossen sich Bäume,
Fruchttragend, selber Frucht, Gräser und Halme.
Unter des Himmels Stirn ward es grün.

In Seen und Teichen sollte sich spiegeln
der oberen Welten Liebreiz und Glänzen,
deshalb schuf Gott mit wenigen Rufen
Sonnen und Monde, Sterne, Planeten,
schweiftragend sowohl als auch ganz ohne Schwanz.
Sie alle hält er fleißig am Kreisen
die Zeiten zu zeigen, Äonen zu trennen
offenbar machen sollte die Pracht
göttliche Pläne und ewigen Ratschluss.
Im Antlitz der Wasser tauchen nun auf
die Sterne als leuchtend freundliche Augen,
dem Ängstlichen aber als Fratzengesicht.

Wie nun das vierte Werk sich vollendet,
warf der Herr eine Null in die Lüfte.
Das Kind in der Schule gerät nicht selten
in heiliges Staunen der Zahlen wegen.
Erstgeboren, noch vor der Zeit. Wer seid ihr?
Eins, zwei und drei. Die vier dann. Und Fünf.
Langsam stieg auf die Null zu den Sternen –
langsam wieder versank sie im Wasser.
Dort, wo sie still stand, bilden sich Wesen.
Eierlegend der Fisch und der Vogel.
Nullen gleichen die Eier der Tiere,
die sich in Luft und Gewässern tummeln.
Derart erschuf sie in spielender Weisheit
Gott, der die Zahlen als Helfer berief.

Leer ist die Erde. Tiefen und Lüfte sind zwar erfüllt.
Aber der Boden schweigt noch in Trauer.
Drum schuf der Ewige Tiere zuerst,
Vierbeiner sollten als Vorbild dienen,
IHM, der als Urbild sich selber erwählte.
Ziel ist der Mensch, ein aufrechtes Wesen.
Mann und Weib – zwiefach, ein Wunder des Rätsels.
Vorerst jedoch beschenkt ER die Erde
mit rollenden Schlangen, kriechenden Nattern.
Käfer und Schwebzeug, Maus, Hund und Frettchen,
auch schon der Affe kreischt im Geäst,
Rinder im Grasland, der Löwe auf Raubzug.

Riesige Echsen sanken dahin,
zu groß geriet IHM der Leib der Giganten.
Eispanzer wälzt er über die Erde,
Kometengewitter, löscht ER sie aus.
Und neu formt der Alte der Atmenden Schar.

Als nun alles gar lieblich vollendet,
steuert das sechste Tagwerk zum Ziel.
Fast ist die Zeit schon gänzlich verbraucht,
da holt der Schöpfer zum Werk noch einmal
die segnende Rechte aus und befielt:
„Es komme der Mensch, das Tier, das uns ähnelt.
Mischung aus Vieh, Gott und ewigen Engeln!
Er sei als König der ganzen Geschichte
Hauptwerk. Und leide die Freiheit vom Zwang.

Alles, auch uns, leg ich Alter zu Füßen,
und das riesige Risiko tragen.
Ihm, dem als Bild ich selber zu Diensten.
Er darf das Ganze leichtfertig vernichten.
Er kann es, will er, für immer bewahren.
Derart sprach nun der Alte, derweil fast
Sabbat geworden, die Pause der Zeiten.
Hervorgehen ließ der entschlossene Walter
Adam, schon stand er und torkelt umher.

Ein Lehm-Mann, geformt aus der Erde des Ackers.
Fällt und steht auf. Stürzt und besinnt sich.
Gott haucht ihm ein vom eigenen Atem
ein Weniges. Luftstrom. Da wankt er nicht mehr.
Tut seinen Mund auf und stammelt Worte,
die die Engel ihm lispelnd verraten.
Ich und das Du. Gott und Materie.
Essen und Trinken. Liebe und Nichttod.
Den Tod gab es nicht auf der freundlichen Welt.

Das Du-Wort Adams verhallt noch im Leeren.
Niemand ist da, den Ruf zu vernehmen.
Traurig schleicht abends Adam zur Ruhe.
Alles Vieh paart sich in seiner Art.
Blöken der Lämmer, Gemecker von Zicklein.
Es schwingen sich Äffchen im Pamstrauch,
reichlich gesäugt von sorgenden Müttern.
Er aber bleibt, als Mensch, ganz allein.
Kalt ist sein Lager, öde das Traumbild.

Da erbarmt sich der Gott und formt aus Gewebe
des Leibes ihm ein liebendes Weibchen.
Beide erwachen am Fruchtstrauch des Lebens,
beide schauen umher und es regt sich
bei Beiden die gleiche Neigung zum andern.
Schon sieht man sie wandeln unter den Bäumen,
Adam verrät ihr die Sprache der Worte.
Eva, so heißt sie, als Mutter des Lebens,
verrät ihm den Sinn der Dinge und Körper.

Es dauert der Jubel am sechsten Tag.
Schier ewig ist er und voller Freuden.
Dann naht das Verhängnis.
Der Diener Luzifer, ganz Gottes Liebling,
Träger immer leuchtender Lampen,
wollte schon bei der Planung der Schöpfung
bedenklich die Brauen runzeln vor Gott.
Nicht wollte er ehren den menschlichen Bruder,
nicht wollte er dulden die Freiheit des Menschen.
Luzifer will keinen Lichtglanz verschenken.
Nichts soll ihm mindern die Schönheit der Sphären.
Sorge bewegte den kundigen Engel,
was, wenn der Mensch die Schöpfung zerstörte?
Was, wenn er Gott und die geistige Welt,
und auch die Engel leugnend verdürbe?

Deshalb tritt der geflügelte Bote
kurz vor dem Sabbat, der Mensch ist noch feucht,
hin vor dem allgebietenden Alten.
Neigt sich und rät, die Freiheit zu mindern.
Nicht alles werde dem Neuling erlaubt.
„Nicht trotz er dem Himmel. Das bleibe verwehrt.“
Derart sprach zu dem thronenden Gotte,
vielwissend der Engel, Bewahrer des Lichts.
Ihm aber entgegnet der Weltenerfinder,
dem Menschen bleib frei, zu vernichten den Gott.
Durch Leugnung des Seins für ewige Zeiten.
Das erst gibt Sinn: Gott bleibt nur bestehen,
wenn er es wagt, vernichtet zu werden.

Da bäumt sich der Engel in quälendem Schmerz.
Schon ahnt er die Dämmerung seines Geschlechts.
Er will nicht vergehen, vom Menschen verachtet.
Und bittet den Schöpfer, die Wette zu wagen:
„Wird einst der Mensch IHN, Gott, neu erschaffen?
Den er vorher zerstörte durch Leugnung?“
Das gilt als Wette. Betriebe der Mensch
mit zweifelndem Denken die Leugnung des Gottes,
würde die Freiheit rückgängig gemacht.
Erschüfe der Mensch aber reuig den Himmel,
verschwände er, Luzifer, ewig im Abgrund.
Derart ist der Handel. Und Gott? Er schlägt ein.
Es reichen die Hände sich oben im Thronsaal
die beiden ewigen Kontrahenten.

Und Gott sagt zu Luzifer: „Nimm heute, Engel,
aus meinem Munde den neuen Namen.
Nicht Luzifer mehr werd ich dich rufen.
Satan heißt du vom heutigen Tag an.
Weil, – du verklagst den Menschen bei Gott.“

Flugs wandelt zur flüchtigen Schlange der eine
sich um und der andere betet für Adam.
Eva und Adam ahnen noch gar nichts.
Atemlos staunen sie über die Schöpfung.
Lieben sich täglich und pflegen den Garten.
Da steht ein Baum mit köstlichen Früchten.
Gott schuf den auch – er ist wohl das Beste.
Denn seine Früchte verwandeln das Urteil.
Alles sieht man, isst man die Früchte,
im Voraus kommen und wie es ausgeht.
Böses mit Gutem ist nicht mehr Einheit.
Gutes und Böses wird unterschiedlich.
Das ist die Gabe des raunenden Baumes.
Drin haust der Lichtträger schillernder Haut.
Nährt sich täglich mit lechzendem Gaumen
mit üppig saftgebend schwellendem Obst.

Ermattet vom Liebesspiel legten sich nieder
die Ureltern dort auf grünenden Matten.
Adam entschlief, es ermattet die Frau ja
immer den Mann, während dieser dieselbe
nimmer erschöpfen kann, nicht in Äonen.
Und wie sie so träumt, und wie sie so sinnt,
gewahrt sie im flirrenden Dunst grüner Zweige
Früchte und auch die gemusterte Haut
der geflügelten Schlange, doppelbenamt:
Luzifer-Satan, des wettenden Drachen.

Spricht sie: „Wer bist du. Wie soll ich dich nennen?
Was hast du für himmlisch leuchtende Kleider?
Wo gibt es denn solche, wie kann man sie haben?
Ich will das auch tragen und Adam betören!“
Die Schlange – schweigt. Klug ist es zu schweigen.
Solange der Fragende noch nicht entzündet
im Feuer der eigenen Absicht nicht brennt,
erhöht das Schweigen die Temperaturen.
„So antworte doch, du liebliches Tierlein.
Wer bist du, was tust du, wie kommst du hierher?
Ich sah dich noch niemals, verbirg dich nicht weiter.
Darf ich dein schillerndes Kleid wohl berühren?“

Die Schlange sagt nichts. Stumm bleibt die Listige.
Eva erhebt sich und bittet und bettelt:
„Was soll ich dir geben, für die Erlaubnis?“
„Koste den Apfel am Schwanz meines Körpers“
so spricht das Tier, „dann wirst du es wissen.“
Eva erschrickt. Das tat sie noch nie.
Es geht ein Gerücht, dass den Koster der Früchte
die Kosten viel kosten. So rauschen die Blätter.

„Das ist nur“ – die Schlange ahnt Evas Zweifel –
„ein böses Gerücht. Es gibt kein Gericht.
Du wirst alles wissen – bekommst meine Haut!
Getrau dir die Freiheit!“ Dann wieder Schweigen.

Es nimmt nun die unglückselig Glückselige
der Früchte eine rötlich im Rasengrün.
Oben am Himmelszelt ruft laut der Rabe,
Warner des malmenden Menschenschicksals.
Eva jedoch missachtet den Vogel.
Sie schlägt ihre blendenden Zähne ins Fruchtfleisch.
Saft rinnt am Kinn ihr herab und beträufelt
den schlafenden Mann. Erwacht und im Traum noch
greift er den Bissen und kostet und schluckt.

So ist es geschehen. Sie sind nicht mehr eins
nicht zwei, sondern drei. Das Wissen vom Wissen.
Auge um Auge. Und Zahn um Zahn. Nur so …
„Was ist das“, fragt Adam, „ich weiß, dass ich weiß.
Ich sehe mich kennen. Kann nicht mehr träumen.“
„Das geht schon vorbei“, sagt die Frau, „schau die Haut.
Sieh, der Körper des Leibes schimmert vielfarbig.“
Durchs Gras schleicht davon die listige Schlange.

Der Sabbath naht schon, es sank die Sonne.
Die Sterne gehen hervor aus den Kammern.
Kühler wird es. Im Garten steht Gott.
„Wo bist du?“ lockt er. „Wer bist du?“ spricht Adam.
Fragt „Bist du?“ sagt schließlich „du bist nicht vorhanden!“

So endet der Tag, die Schöpfung ist fertig.
Menschen entsagten dem Zauber des Gartens.
Gott stellt die Schwertengel an seine Pforten.
Luzifern aber, den listigen Satan,
gesellt er Menschenkindern zur Hilfe.
Denn gut ist Erkenntnis, und besser die Weisheit.

Der Garten entlässt beide Menscheneltern.
Dornen und Diesteln trägt meistens der Acker.
Schweiß treibt die Arbeit, Schmerz das Gebären.
Kinder kommen und Jahre vergehen.
Unsicher blieb der Traum an ein Früheres.
Als man begegnet dem wandelnden Gotte
einst, unter Bäumen, dem Schöpfer des Weltalls.

Zwei erste Geburten – Kain und dann Abel.
Eva säugt sie, Adam schafft Essbares.
Groß ist die Not, oft darben die Vier.

Landmann wird Kain – und ein Hirte ist Abel.
„Lass auf den Feldern nach Gotte uns suchen,
Der, von dem uns mein Vater berichtet hat.“
So sprach einst Abel zu Kain, seinem Bruder.

Gott? Welch ein Wort – ganz abseits der Dinge.
Und nur vom Hören wussten sie dunkel,
dass da ein Wesen, freundlich und nahe,
irgendwo draußen im fernen Gefild lebt.
Aber die schöne Welt ging verloren.
Feind ward der Mensch allen Wesen, gefährlich
sind jetzt ihm jene, die vorher Gefährten.

Als nun um Mittag die Eltern ausruhten,
wandern die Söhne weit in die Ebene.
Nichts regt sich, kein Windhauch kühlt ihre Wangen.

„Vielleicht, das er käme, wenn wir ihn locken!“
So redet Kain, der die Münzen erfunden,
klingende Scheiben aus Silber und Gold.
Er schüttelt ein Säckchen, es läutet leise,
lieblich schimmert der Glanz des Metalls,
aufgesammelt aus steinigem Flusslauf.
Eingetauscht gegen Waren und Dinge.

Abel lacht lauthals: „Gott willst du locken?
Gibt es ihn wirklich, Geld reizt den nimmer.
Lebloses freut nicht die Lebenerschaffenden.
Sieh, wie sie hüpfen, schau, wie sie springen.“

Derart sprach Abel und zeigt auf ein Lämmchen.
Nachgefolgt ist es den beiden nach draußen.
Dudeli heißt es, ein neckischer Name,
Lieblingslamm Dudeli – Abels, des Hirten.
„Dudeli, Dudeli“ ruft er das Kleine,
umhalst das Schäflein, herbeigeeilt ist es.
Wie er es kost und freundlich das meckert,
donnert’s am Himmel, die Wolken zerreißen,
Licht, zauberhaftes, fällt auf die beiden,
taucht Lamm und Hirten in goldenen Glanz.
Gott liebt das Leben, er schuf es zur Freude.
Gott liebt den Liebenden, Abel den Hirten.

„Hier, ich!“, ruft Kain und schüttelt die Münzen,
Sieh, was ich kaufte bei tauschendem Handel.
Früchte der Erde, Knollen und Wurzelwerk
rang ich ab deiner trotzenden Krume.
Liebliches Gold, das nimmer verwesen kann,
hob ich und herrlich glänzt während sein Wert.“

Bevor er geendet, noch redet er heiser,
dräut der Himmel die Wolken zusammen.
Als ob die Götter zu hören sich weigern.
Abel fand Gott wohl, doch Kain ging verloren.

Da greift der Enttäuschte wütend die Hacke.
Dudeli will er zornig erschlagen.
Abel wirft sich jäh über das Lämmchen.
Will es beschützen mit seinem Körper.
So trifft der Stahl des Bruders den Hirten,
nieder sinkt er, zertrümmerten Hauptes.
Behüter Dudelis blieb er, als Opfer.
Kain ward zum Mörder Abels, des Hütenden.

Gott brennt dem Frevler ein Zeichen ins Herz.
Jeder sieht es, jeder erschauert.
Fremd muss er wohnen, niemals vergessen.
Keiner traut Kain – niemand wird Freund ihm.
Der mit den Münzen – unstet und flüchtig.

Fort schlurfte Kain aus dem Land seiner Herkunft,
wohnt in der Gegend um Not – neue Heimat!
War nicht allein, ein bärtiger Fremder
trug ihm die Hacke, begleitet den Schlimmen.
Sagt: „Bist kein Mörder, ein Unfall nur ist das.
Wolltest das Lamm doch, das alberne, treffen!
Trafst halt den Abel, was muss er sich werfen,
zwischen den strafenden Stahl und das Tierhaupt.
Derart spricht Luzifer-Satan, der Fremde.

Seltsame Menschen wohnen in Not dort.
Kain wird einer der ihren. Wird wichtig.
Handwerk und Kunst erlernt er von ihnen,
Handwerk und Kunst erlernen sie durch ihn.
Ratend und helfend steuert der Böse,
Technik und Trugbild werden erfunden.
Menschen und Tierheit vereinen sich häufig,
Teuflische Dinge geschehen – die Unzucht.
Töchter der Menschen und Söhne des Himmels
zahlen und zählen, dichten und trachten,
züchten und merzen, beten und scherzen.
Gefertigt wird schnell eine andere Welt …
Was einmal Einig war – muss nun entzweien.
Was früher Ewigkeit – stürzt in die Zeit ab.
Worte als Täuschung, groß wächst der Reim.
Sinn gattet Sinnloses, Wahrheit wird Schein.
Kain und Satan begründen die Welt.
Rätselwerk alles, weil es gefällt.
Gott geht in Trauer, und er weint um die Welt.

Letzte Engel, die Luzifer dienen,
stößt der Verzweifelte endlich hinab.
Hart auf den Rücken der leidenden Erde
prallen sie auf und verderben nach Zeiten.
Kinder haben sie mit den Schamlosen.
Heiliger Rhythmus der guten Schöpfung – zerstört.
Kein Dichter konnte mehr singen, alles ist hin.

DIE GEBURT DES CHRISTENTUMS AUS DEM GEIST DER REFIRMATION

Aus dem Wust vorheidnischer Mythen und finsterstem Brauchtum erhebt sich eines Morgens das Christentum zum freien Flug. Jüdische Eingottverehrung und griechische Religion leisten Hilfestellung. Dann schwebt der neue Phönix endlich über der verglimmenden Asche früherer Altäre.
Um Kraft zu sammeln, muss der neue Vogel nie wieder in Kot und zwischen Totengebeinen landen. Hierin gleicht die christliche Lehre vom menschenfreundlichen Gott dem Mauersegler, welcher auch im Schlafe fliegen, bzw. fliegend schlafen kann.
Die Juden – wo sie sich später ebenfalls reformierten, werden geniale Wissenschaftler, treiben großartige Philosophie – und der griechische Götterglaube gab, müde geworden, seine Lebendigkeit den Gesängen gebildeter Romantiker, die ihn treu überliefern. Das Christentum selbst verschmolz beides genial miteinander und ward zur Gold-Folie, auf der die Bilder des menschlichen Lebens neu gemalt werden: Die Angst wird weniger, die Kraft zu handeln stärker, die Ruhe größer, der Hass kleiner, Frieden stellt sich ein. Tugenden verwandeln Fiktion in Wirklichkeit. Der Tod erscheint in neuem Licht, – das Leben in größerem Glanz. Gott bleibt nicht nur theoretisches Gedankending, sondern wird interessante Variable. Die hilft dabei, die Gleichungen des Lebens zu lösen. Wer hätte das gedacht? Der ständige Hang zur unbarmherzigen Selbstverurteilung weicht entspanntem Vertrauen. Die Welt rückt als Freundin näher, – man darf sie verbessern, dafür hat Gott jede Menge Freiraum gelassen. Umgang mit Schuld gestaltet sich anders. Keiner muss sich selbst mehr hassen und zerstören. Gottes Sohn hat für alle Zeiten alle Schuldzahlungen beglichen. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung wird zur härtesten Währung auf dem Basar der Hoffnung: Wir steigen am Tag, den nur der HERR weiß, alle in das Elysium auf – nur die ganz Missmutigen dürfen tot bleiben. Freundlich wird man über sie lachen. Vielleicht wollen sie dann ja doch noch? Die gegen sich und andere unbarmherzig waren. Und die von sich selbst Überüberzeugten. Fromme Heuchler, und skrupellose Zöllner – und wir alle eben. Gibt es etwas Besseres als das Christentum? Nein!

Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

Luther kehrt heim …

Als nun der Götter Zorn sich gelegt,
ward es dem Vielgeplagten
endlich vergönnt mit brüchigem Floß
am Gestade der Heimat zu landen.
Heim kehrt uns Luther, wie weiland Odysseus,
dieser nach Ithaka, jener nach Wittenberg.
Da lugen die mächtigen Türme –
Stadt- und Schlosskirche grüßen den Schiffer.

Fünfhundert Jahr sind vergangen
seit Martin die Welt aufschreckte
mit donnernden Schlägen ans Domtor,
Thesen, geschrieben mit wagender Feder.
Viel ist geschehen seitdem.
Einiges auf die Schnelle notiert:
Das trojanische Rom ward zerstört.
Es sanken hin die Papisten.
Heiligenbilder wurden zerschmettert.
Reliquien warf man zum Kot auf die Gasse.
Das Reich der Täufer in Münster,
Weibergemeinschaft für alle,
keiner sollte mehr darben.
Getauft wurde und wiedergetauft.
Hexen und Zauberer brannten.
Bauern wurden gespießt,
Kinder lernten alle das Lesen,
der Katechismus erfunden.
Groß war die Zeit.
Doch dann kam der Krieg.
Dreißigmal kreist die Sonne.
Es kreißte Deutschland.
Frieden ward zu Westfalen verkündet.
Man stritt, disputierte.
Einige blieben dem Glauben treu,
andere fielen ab.
Aufklärung! Stolz ward verkündet,
dass Gott nur Fiktion und gar nicht real.
Preußen erstarkt, Sachsen zum Trotz.
Dann jagen die Welschen Könige fort.
Paris färbt rot seine Plätze,
es rollen die Köpfe des Dr. Guillotin.
Ein Korse krönt selber sein Haupt als Cäsar.
Und wird vor Moskau im Frost besiegt.
Schill, Blücher und Gneisenau,
Stein und der Hardenberg –
jagen den Welschen schließlich zum Teufel.
Metternich sagt bald, wo´s lang geht.
Jetzt dichten die Deutschen,
man baut Barrikaden.
Aufstand, Zensur und Romantik.
Dampf treibt die Räder an,
Städte entstehen.
Der Prolet wird geboren.
Armeen und Truppen allüberall,
Nationen marschieren.
Ein grausiger Krieg
erschüttert die Welt.
Chlor wird verschossen.
Gasmasken erfunden.
Der Türke geht unter.
Dann gleich noch ein Krieg.
Schlecht gehts den Juden.
Dann kommt ihr Staat.
Die Söhne Muhammeds
erstarken am Öl,
zerfleischen sich artig.
Im fernen Korea
regiert eine Bestie.
Das ist die Welt.
Vater Luther kehrt heim.

Seit der Götter Zorn sich gelegt,
führt eine gnädige Kraft die Reise
endlich zum rettenden Ufer.
Ein finsterer Mantel schlägt die Waden,
Das Haupt verhüllt die Kappe aus Samt,
ebenfalls schwärzlich. Niemand erkennt ihn.
Er schreitet die Wiese entlang,
überquert eine Straße, wo Autos chauffieren,
durchquert einen heiligen Hain –
betritt jetzt, wie ehedem täglich,
die Straße zum Schloss.
Verschwindet in seiner Kirche.
Verweilt am Grab seines Freundes Melanchthon.
Dann steht er perplex vor den eigenen Knochen.
Er nickt. Und alles in Ordnung.
Doch keiner erkennt ihn!!!
Viele laufen so rum wie er
jetzt in dieser gefährlichen Zeit.

Doch nein. Einer doch. Ein ältlicher Küster.
Sohn des Sohnes des Sohnes von früher.
„Ihr seid´s, Vater Luther?“ flüstert er scheu?
Der Doctor aber gemahnt ihn zum Schweigen..
Still führt er den Finger zum Mund hin,
so dass das Zeichen des HERRN entsteht.
Die festgeschlossenen Lippen als Quer-
der Zeigefinger als stehender Balken.
So ward das Kreuz – und der Küster erschrickt.
Ja! – Wissen! Dann: Schweigen,
Wollen und Wagen. Er nickt.

Ganz unauffällig wird Luther geleitet
zur Wohnung des Küsters.
Hier ist noch Deutschland.
Die Ehefrau, züchtig und keusch, weit an Jahren,
bereitet den Tee. Selber gesammelt, Kräutlein um Kraut.
Bieten doch Feldflur und Wälder der Deutschen,
jedem der sucht, unendliche Schätze.
Beifuß und Melde, Nessel und Giersch.
Quecke und Grashalm, und Pféfferminzkraut.
Duftendes Brot aus Dinkelkörnern,
Luther stärkt sich – Röhrwasser netzt
angenehm seinen vertrockneten Gaumen.
Dann winkt er zu sich den wackeren Küster.
„Sag, Freund in Christo, wie steht´s um die Stadt?
Doch erst entdeck mir, wie habt ihr erkannt
mich, der ich fünfhundert Jahre absent?“

Der Küster rückt nun den hölzernen Schemel,
gefertigt nach Altväter Art,
dicht an den Stuhl des Reformators.
„Ihr, Vater Luther, seid uns bekannt.
Wir warten seit Jahren, dass einer käme.
Wuchtig und breit von Statur,
doch nicht überragend.
Der feiste Kopf mit dem üppigen Haar,
nicht die Praeceptor-Glatze.
Dann euer Blick aus flammenden Augen,
wo sich das Wissen um Höllen abspiegelt.
Auch das Kollern in Magen und Darm,
wo die Verdauung stattfindet.
Noch manch anderes Zeichen,
lehrt mich mein Vater und dessen Vater.
‚Wenn so einer kommt‘, sagten alle,
‚dann hat ein Ende die Not.‘
So einer kam heute, alles zu ändern.

Luther nickt und nippt am Tee.
Die Turmuhr schlägt, er erhebt sich.
„Zuerst“ sagt er dann zu dem selig
vor ihm hinknienden Küster,
„gib mir Gewandung, so dass ich,
nicht in der Stadt auffalle!“
Zwar deucht mich seltsam Hose
und Rock, doch will ich sie tapfer tragen.
Will heute besuchen das Haus Bugenhagens,
dann Allerheiligen und Sankt Marien.
Auch seh´ ich ein Bildnis hier in der Stadt
an allen Ecken und Enden.
Ein dicklicher Klotz mit schwammiger Nase
wulstigen Lippen und triefigen Augen.
Dort auf dem Marktplatz ist er am größten,
Beim Krämer sah ich ihn winzig und klein
zum Verzehr aufgestellt aus Zuckerwerk wohl?

Der Küster freut sich und bringt die Antwort:
„Das, Vater Luther, seid ihr!“
Man rüstet sich heuer zu feiern,
dass ihr die Sprüche heftet ans Tor.
Thesen, mehr noch als neunzig –
Und über´s Jahr strömt die Welt hierher,
das Großereignis zu sehen.
500 Jahre Reformation.
Doch leider hat sich viel Schlimmes ereignet.
Penelopen rücken die Freier auf´s Bett.
Schon erfüllt ihre zechende Schar
Kirchen und Akademien, Kapellen und Ämter.
Bei Weitem verzehren sie alles,
was in Jahrhunderten angehäuft ward,
bezahlt aus Scherflein von Witwen und Waisen.
Wie damals schon Odysseus lernte,
Abwesenheit wirkt nicht nur Gutes,
wenn sie zu lange gedauert,
merken auch wir seit Jahren,
dass ihr uns fehlt, Vater Luther.
Reformatore, ich hüte den Hammer
treulich bis auf den Tag, da ihr landetet.
Und wie schon der Sohn des Laertes
den Bogen spannte und schoß –
durch zwölf Ösen wacker den prüfenden Pfeil –
so schmettre das alte Werkzeug Thors,
Mjölnir, den Nagel ins Holz erneut.
Derart sprach er, der sich kümmert
um Kerzen, Blumen und Schlüssel,
dort in der Allerheiligenkirche,
und er reicht ihm den Hammer.
Schwer gleitet das Eisen,
und leicht auch zugleich
aus seiner, des Küsters,
in seine Hand, Martins.

Teil II
Wie nun Luther, noch unerkannt,
gemeinsam mit seinem Küster
die Straßen der Stadt auf und abgeht,
frägt er den Alten leise:
„Gib mir Kunde von jenen Freiern,
die meine Kirche bedrängen!
Erkläre mir alles und jeden,
samt ihren Schamlosigkeiten.“

Da öffnet der Kirchendiener den Mund
und bitter dringt´s von den Lippen.
Anklag auf Anklag erhebt jetzt der Wackere,
nimmer kommt er zum Ende vor Luthern.
Hört den Sermon, ich berichte:

„Dort sehet ihr, Vater, Antinoos schmausen.
Breit fläzt er sich in der Sonne,
zusammen mit Amphinomenos und Melantheus.
Leiodes und Demoptolemos
leisten den beiden Gesellschaft.
Auch der Ktesippos und Laios
sind mit ihnen und prassen.
Täglich kannst du sie sehen,
und ihre Witze belauschen.
Setz dich nur nieder und warte,
dann hörst du nur lästerndes Reden.
Ktesippos ist wohl der Verschlagenste,
der mästet sich schamlos auf´s Beste.
Erkaufte ein Haus sich und strich es bunt an.
Dann lud er zum Gastmahl Geschichtenerzähler.
Drinnen palavern sie emsig.
Er verspricht ihnen Gold, Glanz und Glimmer,
damit sie lang bei ihm hocken.
Beredend erst dies und dann das.
Danach dann das und auch dieses.
Tags und nachts ersinnt man Projekte,
Work-Shop jagt Work-Shop,
nimmer kommt niemand zur Ruhe mehr.“

Derart beschwert sich der Arme,
Tränen netzen die Augen des Küsters.
Als Luther die Klage vernommen,
setzt er sich an ein Tischchen,
befielt auch den Küster zur Rast.
Gleich eilt herbei eine Wirtin,
fragt, was die beiden begehren.
Luther studiert auf der Karte,
was das Gasthaus anbietet.
„Eis mit Früchte?“ lese ich hier,
erbleicht der Schöpfer biblischer Sprache.
„Ja, Eis mit Früchte!“ erwidert ihm nun
schnell und blöde das wartende Weib.
„So. Dann nehme ich ‚Eis mit Früchte‘.
Für meinen Freund, den wackeren Küster,
wähle ich aber ‚Eis mit FrüchtEN‘.
Beides bringt schnell und behende.“

„Zwei ‚Eis mit Früchte, Kevin‘“
ruft die Wirtin nach hinten,
wo ein Jüngling Eiskübeln waltet.
Schon donnert der Reformator:
„Nicht ‚Eis mit Früchte‘, hab ich gesagt.
‚Eis mit FrüchtEN‘. Zerstört mir die Sprache nicht!
Saß ich nicht Monate dort auf der Wartburg?
‚Frucht‘ heißt es wahrlich. ‚Früchte‘ der Plural.
‚Mit‘ ruft den Dativ. Gemeint ist der ‚Wemfall‘.
‚Eis mit FrüchtEN‘ kann es nur heißen.
Reformation nur mit ‚Früchten‘.“
Derart rief Luther, Zornröte färbt ihn.
Doch als nach Stunden niemand das Eis bringt,
erhebt sich Luther, erhebt sich der Küster.
Grollend streben hinauf zur Schlosskirche
beide. Am Markt ist ein anderer Laden.
Hier sitzen sie nieder, bestellen ein Bier,
den schäumenden Gerstentrunk,
heiß ist das Wetter – Oktober Zwosechzehn.
Das Bier kommt, sie trinken,
weit schweift in die Runde der forschende Blick:
das Rathaus, die Banken, die Läden, die Leute.

Der Zufall will es, am Nebentisch tafelt,
schon sinkt die Sonne,
Ktesippos mit Laios. Der Tag geht zur Neige.
Ein von der Irrfahrt Heimgekehrter,
Luther, Erfinder von frommen Thesen,
Sprachensachwalter und Romzerstörer,
muss nun hören, was diese Teufel
über ihn plaudernd zum Besten geben.
Die beiden Spötter sitzen ihm abgewandt
bemerken nicht die Belauschung.

„Fürchterlich wütet er dann im Alter
gegen die Juden, Türken und Hexen.
Gänzlich verwirrt ist der Geist ihm geworden,
Angst vor der Hölle, Gicht und Beschwerden
plagten den Mann, den Tod wünscht er täglich.
Ratlos war er, von allen verlassen.
Zweifel am eigenen Werk macht ihn furchtsam.
Und er wartete nur auf den Tod.
Ohnehin nicht ganz richtig im Kopfe
verstand er ja nie, was Phillipp erdachte.
Vergaß oft Details, versäumte Termine,
braust plötzlich auf, versinkt bald in Kummer.
Luther – ein Psycho. Ab in die Bosse.
Er schlug seine Kathi, bereut es bald bitter,
heult, betet und beichtet.
Ruft zu Maria, bittet die Heiligen,
flucht, säuft und kotzt vor Angst,
kann sich nicht retten!“

Der solches sagte, das war Ktesippos,
wiehernd lacht dazu der Freund, genannt Laios.
Als die Schimpfkanonade geendet,
lehnt sich der Letztgenannte zurück:

„Ei , das klingt lustig, Bruder Ktesippos.
Da machen wir was draus, es soll uns erfreuen.
Ich sehe im Geiste die Schlagzeile schon:
„Kirche feiert dementen Alten.
Bischof hätte es wissen müssen!“
Sie lachen ein schmutzigs Lachen, bestellen
noch eine Runde teuersten Wein,
gereift an den Hängen des Jessener Landes.
Dann fahren sie fort mit lästernden Reden:
„Uns soll’s nicht kümmern. Wir wissen Bescheid.
Und seine Kathi, das unsägliche Weib
hat er ja gar nicht heiraten wollen.
Herr Käthe, – o weh. Das war ein Drachen.
Übrig geblieben von allen Neunen
muss sie ihn nehmen, er war der Letzte.
So kommt der Topf nun zum Deckel
oder der Deckel zum Topfe.
Ave von Schönfeld hieß die Ersehnte,
Luther hatte ein Auge auf die.
Sie aber schmähte den fetten Exmönchmann.
nahm sich bald einen besseren Gatten.
Basilius Axt, so ein Arzt. Hä, hä, häähh.“

Hässlich erklingt beider Lachen,
über den schallenden Marktplatz.
Dann geht es weiter. Widerlich trunken
sind schon die beiden Spötter geworden.
Wein aus Jessen tut seine Wirkung.
Luther hört zu, die Wut wächst im Wanst ihm,
ängstlich harret der Küster der Dinge.
Was will das werden? Luther bestellt.

Das Bier kommt. Derweile fahren die beiden
Übeltäter fort mit dem Spotten:
„Reformation? Überhaupt ist das Ganze
doch nur ein einziger Fake der Geschichte.
Luther hat einst den Hieronymus Bunz
beim Duellieren erschlagen, den Freund!
Entfloh rasch und wurde nur Zölibatér,
um Justitia klug zu entkommen.
Bemäntelt die Klugheit durch fromme Schwüre –
erfindet Gewitter zu Stotternheim.
Weiht sich der Anna, der Großmutter Christi.
Und was es so noch für Legenden gibt.
Von da ab gibt es kein Halten.
Die Lüge als Basis des Fundaments
aller Grundlagen bleibt am Anfang ihm stehen.
Als Riesenkredit – ohne Deckung freilich –
wabert die Schuld alle Zeiten
durch Luthers Lehre, zerstört, was sie findet.
Macht schlecht, was auch immer berührt wird durch sie.
Hüte dich Laios, bleib lieber katholisch.“
Sie prosten sich zu.
„Protestantismus? Da kann nix draus werden.“
Und wieder lachen sie hässlich.
Die Sonne versinkt im Westen,
und taucht das Spruchband am Turme
der Allerheiligenkirche
in Lichtglanz und Schwärze – beides zugleich.

Das ist das Zeichen. Auffährt
ein Reformator in glühendem Zorne.
Schwarzrot schwillt an ihm der Adern Geflecht.
Niedersaust schon der schmetternde Hammer,
nieder aufs Tischchen der zechenden Frevler.
Das Möbel zerkracht,
die Gläser zersplittern. Das Deckchen
gefertigt aus feinem Papier,
wird fortgeweht auf das Pflaster der Straße.
„Hypagete satanes, erbärmliche Lügner“
brüllt der beleidigte Heimgekehrte.
Fort mit euch beiden, ihr argen Papisten.
Stadtwache, greift sie, ab in den Kerker.
Wild um sich schlagend wütet nun Martin,
erweist seinem Namenspatron Ehrenbezeigung,
gilt doch der Mars als Gottheit des Streites,
Martin – Soldat, unerschrocken.

Schon eilt die Wache herbei zum Geschehen.
Doch nicht Ktesippos und auch nicht den Laios,
nehmen die gutmütígen Beamten
in festen Gewahrsam – sondern:
Luther, gefesselt, wird fortgeführt.
Schnell geht die Reise zum Polizeihäuschen.
Bluttest, kein Ausweis – Ausnüchterungszelle.
Ein Hammer wird sichergestellt.
Thors Waffe, die heilige thesenanheftende
fährt in die Keller der Stadt-Polizei.

Vorher noch schnell hat verzogen
der Küster sich heimlich nach Hause.
Heißt es nicht schon in der heiligen Schrift:
„Und es verließen ihn alle?“

Teil III
Morgen ward es, Aurora verschönte
am Himmel Weißwölkchen mit Rosa,
da schrein schon die Zeitungsknaben hinaus
in alle Welt ihre Botschaft:
„Irrer Luther-Nachahmer
zertrümmert Tische und Bänke.
Vorschau auf 2017?“
Ein Bildnis ziert bunt das Titelblatt.
Darauf kann man sehen, wie Martin
mit Mjölnir, dem Hammer, ein Eistischen spaltet.
Splitter und Trümmer fliegen herum,
bedecken weithin die Straße.
Erschreckt springt Ktesippos mit Laios
eben zur Seite, ein Vierter verdrückt sich,
der Küster mit ängstlicher Miene.
Schon fassen zwei Polizisten
Luthern beim Kragen und führen ihn ab
in silbern blitzenden Schellen.

Luther derweil sitzt im Kerker.
Er hat gut geschlafen,
ein mageres Frühstück reicht man ihm noch.
Doch dann geht´s zur Sache, er soll seinen Namen,
Geburtsdatum, Wohnort und Herkunft belegen.

„Martinus heiß ich. Und Doctor bin ich.
Lebte auch lange hier in der Stadt.
Am 10. November vierzehndreiundachzig
gebar mich die Mutter kurz vor der Mitternacht.
Dem Vater gehört eine Mine im Kupfer.
Fragt Friedrich den Weisen, er kann es bezeugen.
Fragt meine Freunde, sofern sie noch leben.“

Der nette Kollege, ein Hauptwachtmeister,
runzelt die Brauen und hüllt sich in Schweigen.
Lang dient er schon hier in der Stadt an der Elbe.
Oft wird er gerufen zur Kirche am Schloss.
Dort bei dem Tor mit den vielen Thesen
erkletterten einige kühn leere Kisten,
warfen sich auf, die Welt zu verbessern.
Klebten Plakate, verteilten Zettel,
schrieen ihr Reich aus, nannten sich Martin,
erwarten die Ufos, ketten an Bäume sich,
zeigen zum Himmel, verzückt und benebelt
vom Sendungswahne erregt, anstachelt.
Der Hauptwachtmeister runzelt die Stirne.
Dieser hier ist wieder so einer.

„Freundchen“ sagt er, „ich lasse dich laufen.
Aber tue so etwas lieber nie wieder.
Bezahlen musst du das Tischchen, die Gläser.
Ich brauch die Adresse, wo du jetzt wohnst.
Wo ist dein Ausweis? Hör auf zu faseln,
jeden Tag kommt hier einer zum Pennen,
der sich Luther und Martinus nennt.
Also, was ist jetzt?“

Luther denkt nach. Erinnert sich auch
an Hieronymus Buntz, den er erschlagen.
Erinnert sich dann an die Fahrt nach der Wartburg.
Junker Jörg, mit dem Bart im Gesicht.
Nachdem die Fingerabdrücke genommen,
verspricht der Gefangne, den Ausweis zu bringen.
Ein Foto wird von ihm zur Akte genommen.
„Du siehst dem Luther verteufelt ähnlich!“
sagt noch der Hauptwachtmeister zu Luthern!
„Ich bin´s ja!“ ruft dieser. Der Wachtmeister droht
mit dem Finger und lacht. „Bring deinen Ausweis.
Dann sehen wir weiter … Und jetzt hau bloß ab.“

Luther steht draußen, die Mauerstraße.
Da steht eine Kirche, Maria gewidmet.
Er tritt in das helle und freundliche Haus ein.
Bekreuzigt sich fleißig am Weihwaserbecken.
Kniet nieder und schweigt – die Ruhe tut gut.

Ein Priester kommt her, begrüßt ihn sehr freundlich.
Und nachsichtig nimmt er alsbald zur Kenntnis,
dass wieder so einer Luther sein möchte.
Martin sitzt nieder. Die Messe hebt an,
er hört aus den Schriften, genießt die Oblate,
und fragt nicht nach Wein: „Ist sicher alle!“
Singt der Maria, erfreut sich der Bilder,
lauscht froh der Glocke – fühlt sich zu Hause.

Da will er mit Mjölnir, dem wackeren Hammer,
die Freier erschlagen, wie einst Odysseus
die ruchlosen Prasser, die Ithaka höhnten,
mit seinem Bogen alle bestrafte?
Die Jungfrau Maria hat es verwandelt.
Friede zog ein in das ruh´lose Herz

„Bruder“ fragt er den blonden Priester
„bitte gewährt mir Armem Asyl.“
Der freundliche Pontifex lächelt und heißt
den Büßer sanft mitzugehen.
„Da könnt ihr bleiben bis 2018.“
Flüstert er milde und weist eine Zelle,
freundlich, gelüftet mit Blick hinaus
auf spielende Kinder und sonniges Grün.

„Hier, in den Büchern könnt ihr nachforschen,
was in der Kirche seit damals geschehen.
Schneemelcher hat treu, mit einem Freunde,
Denzinger heißt der, alles verzeichnet.
Lest nur, es wird euch Vieles begeistern.

Das Tridentinum, beide Konzilien,
die im Vatikan stattfanden später.
Herrliche Dogmen – ihr könnt ja Latein.
Betet und singt, erholt euch bei uns.
Als Junker Jörg, wenn ihr wollt.
Wir sind, wie ihr, katholisch geblieben.
Sind eure Freunde. Willkommen – von Herzen.“
Martinus bedankt sich.

Wenn ihr ihn sucht – ihr findet ihn nicht.
Er ist nicht mehr hier.
Doch geht euch voran.
In den Schoß seiner Kirche
kehrte er ein.
Ihr werdet ihn sehen,
dort, wie er gesagt hat.

das Kreuz

Gleich neben der Kirche steht das Pfarrhaus. Eine niedrige Mauer trennt den Pfarrgarten von dem Grabgarten – also von dem Gottesacker. Hier blühen im Frühling die Bäume und Blumen, dort vertrocknen langsam die Kränze und werden durch Sträuße in Vasen erneuert. Zu Allerseelen stellten die Umsiedler Grabkerzen auf die kleinen Beete, die sie für ihre Verblichenen angelegt hatten und pflegten, jetzt machen das fast alle so.
Abends brannte im Pfarrhaus früher oft auch nach 24.00 Uhr Licht. Der Pfarrer Leberecht Gottlieb studierte nämlich. Bis in die tiefe Nacht hinein. Nicht weil er musste – sondern weil er wollte. Studere – sich bemühen. Wenn er einmal vor den Thron des Allerhöchsten treten würde, wollte er sagen können: Studueram. Das heißt übersetzt: „Ich habe mich bemüht.“ Und der HERR Gott lacht leise und leicht kopfschüttelnd dazu schon jetzt: „Nicht du wirst dich bemüht haben, sondern du wirst in erster Linie bemüht worden sein.“ Futurum exactum-passiv. Dafür gibt es bis heute keine lateinische Form. Vielleicht höchstens „studendus eris“.
Leberecht Gottlieb ist 37 Jahre lang wöchentlich vor die Ackerbauern getreten, um am Sonntagmorgen aufzuwarten mit einigen allgemeinen und hin und wieder auch besonderen Überlegungen zum Kreuz. Zum Kreuz, das die Horizontale mit der Vertikale in einem Punkt verbindet. Dort, wo kurz darunter das Scheitelchakra des HERRN strahlt, und kurz drüber der ewige Titel, der nie irrt, INRI, schimmert. Dort ist der heilige Punkt. In diesem einen Punkt liegt alles beschlossen. Der Mittelpunkt, der die beiden Balken zum Kreuz macht. Mit drei Nägeln und in fünf Wunden lässt sich der Gott an die Materie fixieren – und das nicht nur vorübergehend, sondern für alle Zeit. Tu es Christus, crucifixus eris in aeternam. Daran hängt die Welt und das Heil. Die Bauern wissen, dass sie nicht selber die Jahreszeiten machen, sondern die Jahreszeiten sie. Sie verstehen Leberecht Gottlieb. Ihre Haut wird gebräunt durch die Sonne, runzelig vom Sturmwind, ihr Geist denkt sich nicht das Evangelium aus, sondern das Evangelium schärft ihren Geist. Der Pfarrer Gottlieb hat sie begleitet, sie irgendwann beerdigt und für sie auch oft gebetet. Wer das Kreuz der materiellen Existenz auf sich nimmt, der ist Christ. Wer glaubt, dass Christus die Kreuzesleiter hinauf auch für ihn gestiegen ist, braucht nicht jede Woche eine andere Hüfpburg, einen anderen Caterer und kein neues Projekt.
Das alte Pfarrhaus ist schon seit Jahren verkauft worden. Da wohnen jetzt Leute drin wie du und ich. Der Mann macht irgendwas mit Computer und die Frau ist Abteilungsleiterin bei einer Firma aus … hab ich vergessen. Die Bäume im Pfarrgarten blühen noch. Sie sind treu. Auch die Gräber sind weniger geworden. Die Leute sterben nicht mehr, oder man merkt es nicht. Die Kirche haben sie schmuck gemacht. Und vom Turm läutet regelmäßig einsam eine Glocke und ruft um Hilfe.
Der Pfarrer Leberecht Gottlieb ist nicht mehr da. Er ist in den Ruhestand gegangen. Man brauchte ihn irgendwie so richtig wohl gar nicht mehr. Lag es daran, dass er nicht ständig mit dem Mikrophon in der Hand vor der Hüpfburg für die Integration irgendeiner Minderheit hat schreien wollen? Na ja, – sein Herz schlug wohl eher für das rein Geistige. Oder – noch mehr für das Geistliche. Das hatte er gelernt. An der Universität. Als die Schiffe auf dem Ionischen Meer untergingen und die Flüchtenden ertranken, las er tief in den Schicksalen von Odysseus und Äneas, die ja bekanntlich Feinde waren und denen beiden ihre Gefährten durch ein und dasselbe Meer genommen wurden. Als die Abertausend über die Alpen stiegen, dachte der alte Leberecht an Hannibal und die punischen Kriege. Es kam offenbar stets wieder dasselbe. Als Istanbul immer öfter im Rauchqualm des sunnitischen Terrors verschwand, erinnerte sich der alte Pfarrer daran, wie der letzte byzantinische Konstantin den Papst in Rom flehentlich angerufen hatte, den Brüdern zu Hilfe zu kommen, – was aber nicht geschah. Und dann kam eines Tages der Beschluss, die Pfarrstelle Prätzschwitz aufzuheben. Leberecht Gottlieb ging also mit 62 Jahren in den Vorruhestand.
Er lebt jetzt in Heidelberg. Hölderlins wegen … Dort hatte er früher, als junger Mann 1970 gerne studiert. Manche Wünsche werden spät Wahrheit, anders als man denkt. Leberecht – sitzt er da in Bibliotheken und kreist um den Turm Friedrichs. Ist weiter dem Kreuz auf der Spur. Und der Maria, die auf dem Halbmond steht. Auch in Heidelberg gibt es Hüpfburgen. Man hat die ja im Westen auch erfunden. Laut und aufgeblasen mit lauter Luft. „Haschen nach Wind“ fällt Leberecht ein, wenn er so ein Ding sieht. Er fragt sich, ob er in seinem Restleben noch einmal den Mut aufbringen wird, in so ein Ding aus Herzens Luft hineinzustechen. Aber er will kein Zerstörer sein. Nicht einmal von Dingen. So etwas tut man nicht.
Die Bäume an der Straße des Dorfes Prätzschwitz irgendwo in Sachsen-Anhalt blühen. Die Bienen kommen noch. Die Glocke läutet noch. Und alles wartet irgendwie auf die Rettung Konstantinopels …

Leberecht Gottlieb hat in seiner Heidelberger Seniorenresidenz die Zeitung „Glaube und Heimat“ abonniert. Das ist seine bescheidene Referenz an die Vergangenheit. Er liest hin und wieder gern in dem bunten Blättchen, das ihm als lieber Gruß aus der Heimat gilt. Abbestellen – nein, das macht man doch nicht. Heute aber legt er die neue Ausgabe erschrocken aus der Hand. Der Pfefferminztee ist noch etwas zu heißt gewesen … Aber dieser Beitrag in G&H ist noch heißer. Da wollen sie also unser gutes altes Kreuz loswerden? Leberecht Gottlieb traut seinen Augen nicht … Freilich, – im fernen Stockholm hat sich der Eklat ereignet. Nicht hier in der Stadt seines Dichters Hölderlin, der Stadt Karl Jaspers und Ernst Jüngers. Nun, – Hölderlin war ja zwar eher in Tübingen. Aber Heidelberg – das war für Leberecht Gottlieb zusammen mit Göttingen der Inbegriff der guten alten Zeit, in der die Kirche noch Kirche war, die Gebildeten für die Kirche dachten und mit ihr. Freilich manchmal auch contraire zu ihr stehen mussten. Dieses Dreieck der alten großen kleinen Universitätsstädte, da konnte es das mit der Kreuzesverleugnung nicht geben. Auch nicht in Leipzig, wo Leberecht Student gewesen war. Leberecht hatte im 70. Lebensjahr überlegen müssen, von wo aus er auf den Himmel warten sollte. In Leipzig, in Heidelberg, in Tübingen oder in Göttingen. Da hatte er sich für Heidelberg entschieden. Und im Laufe der letzten Jahre war alles Heidelberg geworden. Und alle Großen Denker waren zu einem einzigen Großen geworden. Leberecht Gottlieb vermied es auch, genauer unterscheiden zu wollen, denn die Bildnisse der besuchten Stätten und ehemals bekannten Geister rückten so dicht zusammen, dass es nahezu beängstigend war. Auch Mozart und Händel, Haydn und Bach – sie waren einfach nur verschiedene Spielarten der großen guten und heiligen Musik. Wenn man alt wird, denkt Leberecht Gottlieb, dann spielen Unterschiede keine so wichtige Rolle mehr.
Aber was war nur mit seiner Kirche los? War die auch schon so alt geworden, dass Kreuz und Halbmond, Stern und Rad bereits eins zu werden drohten? Waren denn Buddha der Inder, Mohammed der Wüstensohn und der wirkliche Gottessohn mit dem Juden Mose untrennbar verschmolzen? Konnte denn keiner mehr unterscheiden? Leberecht Gottlieb steht auf und geht an das Fenster. Er schiebt die Gardine nach links und schaut hinunter auf den Neckar. Träge gleiten die Wassermassen dahin, eine Gruppe fröhlicher Kinder winkt einem Schiff zu, das vorbeifährt.

Heute ist der 14.September. Tag der Kreuzerhöhung. Und nun das, – die Kreuze sollen weg? Das Schifflein entfernt sich in die eine – die Kinder in die andere Richtung. 
Auf einem Schiff fahrend brachte die Kaiserinmutter Helena im vierten Jahrhundert das Kreuz aus Jerusalem nach Europa. Über das Mittelmeer fuhren sie auf dem Schiff, da ereignete sich ein großer Sturm, die Wogen schlugen in das Boot, so dass es zu sinken drohte. Der Mast war im Begriff zu brechen und das Meer die Kreuzfahrer zu verschlingen. Da nahm die Kaiserin einen der drei heiligen Nägel aus dem Kreuzesstamm und schleuderte ihn über Bord, so wie einst Jona über die Reling geworfen worden war. Und sogleich stand das Meer still. Man setzte die Fahrt bei ruhigem Wetter fort und kam nach Rom. Dort teilte man das Kreuz. Einen Arm bekam Italien im Westen und einen Konstantinopel im Osten. Aber der Punkt, in dem die beiden Kreuzarme miteinander verschränkt gewesen waren, schwebte segnend über beiden Teilen des Reiches. Bei siebenhundert Jahren. Die alte Kaiserin hatte mit dem Nagel des Kreuzes das Mittelmeer beruhigt. Dort unten liegt er noch, dieser Nagel. 
Aber wo ist der segnende Punkt, der das Kreuz ein Kreuz sein ließ? Darüber müsste man einmal genauer nachdenken. Sagt sich der alte Pfarrer Leberecht Gottlieb und geht an das Tischchen, wo das Glas mit dem Pfefferminztee steht.

Leberecht Gottlieb schreckt auf. Es hat geklopft. Das wird Ali Muhamad sein. Der alte Pensionist geht zur Tür und öffnet. Es ist Ali Muhamad. „Keine Problem! Herr Gottlieb! Bin ich nur“ sagt er und reicht dem Pfarrer in Ruhe die Hand. Der nimmt die und begrüßt den Angestellten seines Altersheims mit gemessener Aufmnerksamkeit. Ali Muhamad wird ihn, Leberecht Gottlieb, jetzt die Etagen hinab begleiten. Beide werden dann ein wenig im Park auf und ab gehen, ein paar Einkäufe erledigen und der Araber wird den alten Pfarrer wieder nach oben bringen. Dauer etwa 1,5 Stunden. Es würde Abendbrot geben – danach ein kleines Streichquartett. Brahms … Leberecht Gottlieb liebt Brahms. Wagner mag er nicht.
Sie fahren mit dem Fahrstuhl nach unten. „Heiß heute!“ meint der Begleiter. Er ist einer der Bootsflüchtlinge, die vor einem Jahr hier angekommen sind. Etwa 28 Jahre alt. Ali Muhamad wohnt mit drei weiteren jungen Herren in einer Unterkunft bei Bruchhausen. Er will Pädagogik und Erziehungswissenschaften studieren, sein Asylverfahren ist positiv abgeschlossen. Vorerst verdient er sich hier etwas Geld, von dem er einen Großteil irgendwohin schickt. Wo denn sein zu Hause sei, fragte Leberecht ihn einmal. „Zu Hause hier!“ war die Antwort. Dann hatte Ali Muhamad sein Hemd über die Schultern gezogen, so dass der muskulöse Rücken sichtbar wurde. Darauf war ein Christusmonogramm mit Kreuz tätowiert. Das Bild war ganz frisch und die Haut noch leicht entzündet. Leberecht Gottlieb hatte auf seinem welken Fleisch keine Tätowierung. Nur sein wacher Geist war über und über mit den Bildnis der abendländischen Denktradition beladen. Eingebrannt dort bis zum letzten Fleck waren die Konterfeie der Heiligen und christlichen Märtyrer. Dann hätte der Pfarrer mit seinen Fingern fast auf die Wunden des konvertierten Mohammedaners gefasst. Ähnlich wie Thomas dem Jesus in die Wunden gefahren war. „Da kannst du ja nie wieder zurück?“ war seine Frage gewesen? „Mit dem Christuskreuz bist du doch geliefert!“ – „Is mir egal. Keine Rückkehr. Is mir egal!“ sagte Ali. „Will nicht zurück. Ich hier zu Hause wie Abraham!“ Leberecht suchte seit dieser Begebenheit nach einem neuen Namen für den abtrünnig gewordenen nunmehr Jünger seines eigenen Gottes. Ali Muhamad für einen Christen – ging das denn? In Erfahrung zu bringen war, dass Ali Muhamad sich hatte tatsächlich taufen lassen. Bei den Baptisten. Ausgerechnet da … Die Lutheraner wollten erst Bekenntnisse hören und Schreibübungen sehen. Die alten Schwärmer der Reformation dagegen – sie machten dem Taufwilligen keine Schwierigkeiten.
Leberecht hatte vom Orient nur den Hafiz und Kalil Gibran kennen gelernt. „Ich werd ihn halt bei mir Kalil nennen“ sagte sich Leberecht. „Und eines Tages werde ich ihm sagen, er möge sich selber einen neuen Namen suchen, am besten Christian.“
Der Fahrstuhl war unten angekommen und Kalil führte Leberecht in den Park hinaus. Sie wandelten zusammen durch die gepflegten Anlagen, an blühenden Rhododendren vorbei, unter schattigen Linden gingen sie und über gepflegte Rasenflächen. An einem Goldfischteich ließen sie sich nieder. Die Fische steckten ihre Köpfe hinaus und schauten, ob es Futter gäbe. Kalil zeigte auf die Fische und sagte: „Fisch!“. Leberecht schwieg. Das alte Geheimzeichen der Christen blickte aus der kühlen Tiefe zu ihnen auf. Einhundertdreiundfünfzigmal.
Und das tätowierte Kreuz auf der noch entzündeten Haut des Mannes aus Arabien brannte. Nicht wie die Hölle – sondern wie die Verheißung eines gewaltigen Feuers, das Kraft hat, ein ganzes Leben lang zu wärmen. Auch andere …

Wirklich schöne Geschichte. Wie wird es weitergehen? Ich vermute mal, Leberecht Gottlieb wird sterben müssen – ich meine eines natürlichen Todes. Und da ist keiner, der ihm beisteht. Nur Ali Muhamad – alias Kalil Gibran. Der Kämmerer aus dem Morgenland nimmt dem Philippus die Beichte ab und avanciert zum leitenden Direktor des Heidelberger Altenheims.
Also – ich meine, das ist schon ein ganz schöner Schmarrn. Und kitschig ist es auch. Sollte die Welt wirklich so sein, wie ein Pensionist sie erlebt? Oder ist das womöglich eins der Wunder der letzten 1.000 Jahre? Herr Uhrmacher, helfen Sie uns! Was sagen Sie dazu?

… nein, Herr Garotman. Kitschig finde ich es gar nicht. Bis jetzt ist es alles noch sehr realistisch. Die Auferstehungsanmutung mit der Kreuzeswunde auf dem Rücken des Konvertiten finde ich sehr gelungen. Die lodernde Wunde als Wunder am Teich, wo der Fischzug ewiglich sich vollzieht, weil die Fische dableiben, so wie die Rentner im Heim.
Ich denke aber, es wird anders kommen. Als eines Nachts im Monat November irgendwelche slamischen Terroristen sich in das Altersheim schleichen, tritt ihnen Kalil stolz gegenüber. Sie erkennen ihn als rassisch einen der ihren, und sie fordern ihn auf, die verwundbarsten Stellen der Seniorenanlage zu offenbaren. Da zieht sich Kalil wiederum das Hemd über den Kopf und zeigt das kreuzförmig eintätowierte Christusmonogramm auf seinem Rücken. Er sagt: “Is mir egal. Das ist die verwundbare Stelle!”
Die Angreifer ziehen sich darauf gelähmt zurück. Leberecht Gottlieb hört von jenseits seiner fest verschlossenen Appartementtür, wie der ehemalige Moslem Christus bekennt. Und wie er seine eigene Haut dafür riskiert.
Leberecht stirbt auch nicht so schnell, wie Sie vermuten, Herr Garotman, – sondern muss noch bis auf 96 Jahre alt werden. Und läuft nochmal richtig zur Höchstform auf. Weil – er gibt Latein-, Griechisch- und Hebräischunterricht. Und Dogmatik. Für Schutzsuchende.

Leberecht Gottlieb ist nach der Absolvierung des Brahmsabends inzwischen wieder in seinem Appartement angelangt. Hat seine Medikamente eingenommen. Was gegen den hohen Blutdruck, Nahrungsergänzungsstoffe. Gingko gegen die Vergesslichkeit. Gegen die Traurigkeit Johanneskraut – und Vitamin D – für auch irgendwas.
Leberecht geht zu Bett. Fernsehen – nein. Bis an die Schwelle des Schlafs zu gelangen, dazu wird Marc Aurel ihm helfen. Von unten herauf hört man, der Neckarstrom verstärkt das Geräusch, ein sanftes Anbranden – Straßenlärm, rollende Reifen.
„Man muss erst so manches gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise eines Anderen richtig urteilen kann.“ Sagt Aurel. Ja, das stimmt. Denkt Leberecht. „Wie du am Ende deines Lebens wünschest gelebt zu haben, so kannst du jetzt schon leben.“ Stimmt auch wieder. Sagt Leberecht laut und lacht leise. Neben ihm im Nachbarzimmer wohnt ein alter promovierter Studienrat, der tagsüber immer sehr laut redet. Er steht noch vor seiner Klasse. Leberecht bemüht sich, diesem Mann möglichst aus dem Weg zu gehen. Denn Leberecht hat immer noch Angst vor Lehrern. Leberecht redet leise. Was hat er in den Kirchen brüllen müssen, damit die Akustik niedergezwungen werden konnte. Kubikmeter eiskalte Luft dabei geschluckt. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Sterne blinzeln ins Zimmer. „Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten.“ Kubikmeter Luft. Jetzt wieder Aurelius, der Stoiker: „Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger. Gerade wenn du glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten seine täuschende Gewalt.“ O weh. Leberecht erschrickt. Er legt das Buch weg. Zuviel Weisheit und Wahrheit am Abend, das tut nicht so gut …
Auch ohne Buch kennt er den Aurelius. Das hier ist besonders gut, und der alte Pfarrer betet es fast her: „Verzweiflung befällt zwangsläufig die, deren Seele aus dem Gleichgewicht ist.“ Das kann er nie mehr vergessen, diesen Spruch hat er sich eingeprägt. Und dann noch das Gebet der Hesychasten. „Jesus Christus, du Sohn Gottes. Erbarme dich unser aller.“ Die Nachttischlampe dimmt sich selber langsam herunter. Unmerklich, ganz unmerklich. Lux um Lux. Dann schauen von draußen nur noch die freundlichen Sterne herein. Die Gardine ist nämlich offen. Nach links geschoben, weil das Fenster rechts wandanschlagend in die Trockenwand zum Bad eingesetzt ist. „Jesus Christus, du Sohn Gottes. Erbarme dich unser aller.“ Die lieben alten Fixsterne. Beteigeuze, Altair, Almeda, Abtraiax schwimmen im Himmel und spiegeln sich im Neckar. Viele fangen mit A an. Wie Ali Muhamad. Sie schauen in Leberechts Zimmer, in dem leberecht ganz ruhig liegt, als lebte er gar nicht mehr. Aber – er lebt. Am schönsten ist die Pause zwischen ausgeatmet-Haben und noch nicht wieder einatmen-Müssen. Hier könnte man einmal auch gut sterben, denkt Leberecht. In der Atem-Senke der Bedürfnislosigkeit. „Jesus Christus, du Sohn Gottes. Erbarme dich unser aller.“ Aber jetzt noch nicht. Morgen wird Leberecht an das Ufer des Neckar hinab steigen, und Hölzchen suchen, die der Strom anschwemmte. Daraus wird er kleine Kreuze basteln. Wie früher in Prätzschwitz mit der Frauenhilfe – heute mit jungen Männern aus dem Morgenland. Mal sehen. Dann wird er ein Tattoo-Studio aufsuchen. Rein interessehalber. Ob das viel kostet? Sein Hautarzt wird ihm was! Aber das mit den Hölzchen ist eine gute Idee. „Verwirrter Mann verteilt Christenzeichen in Fußgängerzone. Geht´s noch?“ Er sieht schon die Schlagzeile der Rhein-Neckar-Zeitung. Dann berührt ihn der Schlaf und der Wind von Norden her bauscht leicht die Gardine.

Am nächsten Morgen erwacht der pensionierte Pfarrer Leberecht Gottlieb. Beschwingt, wie es sich für einen 89-Jährigen geradeso gehört, verlässt er das Bett und vollzieht die morgendlichen Waschungen mit und an seinem Körper. Dann fährt er mit dem Lift hinab in den Speiseraum. Der Studienrat ruft ihn von jenseits des Ganges an: „Auf ein Wort, Herr Pastor!“ Leberecht aber winkt ab und eilt zum Buffett. Müsli, Jogurt, Orangensaft und Schwarzbrot mit Honig und Margarine. „Man sollte in unserem Alter gesund leben, nicht wahr?“ dröhnt hinter ihm der sonore Bass des Studienrats. Nein, – er setzt sich doch tatsächlich direkt neben Leberechten und fährt fort, über lateinische Stammformen in der mittleren Epoche der Kaiserzeit zu referieren. Vor allem das Plusquamperfekt im Konjunktiv hat sein Interesse erregt. „Sie würden eingesammelt worden sein, oder besser: Sie wären eingesammelt worden. Lecti essent. Was meinen sie, Herr Pastor?“ drängt er. Der Studienrat ist ein hiesiger Bürger. Immer in Heidelberg geblieben. Dr. Johann Anton Pfleiderer lautet wohlklingend sein Name. Woher weiß er, denkt Leberecht Gottlieb, dass ich gleich Hölzchen einsammeln werde am Strande des Neckar. Leberecht schweigt, isst, grüßt und geht. Nur keine wertvolle Lebenszeit vergeuden mit diesen Bildungshochidioten, denkt er, nickt und verlässt den Speisesaal, in den mit Hilfe von Rollatoren und Rollstühlen, Krücken und Gehstöcken die anderen Pensionisten peu a peu jetzt vermehrt Eintritt zu nehmen beginnen. Wir schreiben den 21.Juni 2016.
Ohne die Hilfe des Kalil soll es heute gehen. Leberecht hat einen Gehstock mit Stocknägeln aus Thüringen am Mann. Marscherleichterung ist angesagt. Die liebliche Wartburg, die Dreigleichen, Altenburg und Bad Kösen, Naumburg, Halle, alles was in der Nähe der Saale liegt, begleitet den ins weite ausschweifenden Pfarrer als ikoneske Souveniersammlung. Einen Plasticbeutel führt Leberecht zusätzlich mit sich. Und einen Stadtplan. Heidelberg ist nämlich keine kleine Stadt.

Am Strande des Neckar ist am Strande des Neckar. Aber nicht so, wie die Elbe den Spaziergänger an ihr Ufer treten lässt, ist dieser deutsche Strom voll ausgebaut und überall mit hohen Uferborden aus Stein zugebaut. Leberecht balanciert auf den Uferbefestigungen herum und sucht eine freie Stelle, dort, wo man an das Wasser gelangen kann. „He, alter Mann!“ ruft ein Kioskbetreiber Leberechten an. „Lebensmüde?“ – Leberecht ruft zurück: „Im Gegenteil!“ dann hat er doch einen Durchbruch gefunden. Offenbar stoßen hier zwei Flußausbauabschnitte unterschiedlicher Zeit zusammen. An der Bruchstelle ist ein kleiner Pfad, der führt hinab. Das muss hier der Hirschgraben sein, denkt Leberecht und schon treibt ihn die Schwerkraft, die auch auf schiefen Ebenen wirkt mit macht an das Ufer des Stroms. Der empfängt ihn wie einen schon lange erwarteten Geheimbündler. Jede Menge Hölzchen gibt es hier. Auch Unrat – gewiss. Colaflaschen, Pappbecher und Zigarettenschachteln aller Verwitterungsstadien. Leberecht zieht die beute an Land. lauter kleine Hölzchen in Fingergröße, blankgewaschen vom Flusswasser, gebleicht von der Sonne des Himmels. Etwa eine Stunde dauert der Fischzug. Er wird heute nicht zum Mittagessen zurück sein. Der Studienrat wird fragen: „Wo ist denn unser Pastor i.R.?“ Der Aufstieg zur Straße ist schwerer als gedacht. Leberecht stürzt öfter als ihm lieb ist, sein Anzug nimmt etwas Schaden. „Scheiß drauf!“ murmelt der Pastor und arbeitet sich Zentimeter um Zentimeter ans festland. Weil ein guter Engel seine Hand über Schenkelbasis und Handgelenke hält, geht davon nichts zu Bruch, denn es geht ja um die Verteilung des Heiligen Kreuzes unter die Schafe ohne Hirten.

Leberecht braucht nun noch Bindfaden. Den wird er sich besorgen. In einem Bastelladen. Die Innenstadt nimmt den alten Kreuzzüglermissionar in spe auf; in den kleinen Gassen der Stadt wird der Pensionist von jungen Leuten empfangen, die ihm Werbezettel, Duftpröbchen und alles Mögliche zustecken. Dort sind auch welche, die Krishnas Schriften verteilen, dort sogar hält man den Koran hoch. Leberecht eilt vorbei, ist er doch zwar kein Feind fremder Literatur, jedoch hält er sich an die duftenden Blüten des menschlichen Geistes und nicht zu denen, die ihm eher ungewohnte Gerüche ausdünsten.
Da steht er auf einmal vor so einem Tattooladen. Totenkopfkram und Drachenhäupter, Keltische Triskelen und arabisches Gekritzel, Piercings und Bilder aus 1001 Nacht. Aus dem Laden flutet ein violettes Licht hinaus auf die Straße und es erdröhnen dumpfe Klänge im Inneren der Bude. Leberecht fasst beherzt seinen Stock und betritt das Etablissement. Eine spärlich bekleidete Dame mit blauen Lippen und violetten Fingernägeln und so einer Art bunten Frisur fragt: „Wie können wir weiterhelfen?“ – Leberecht fragt nach den Tattoopreisen. „20 mal 15 cm farbig mit Schatten etwa 250 Euro“ lautet die Antwort. Leberecht Gottlieb greift nach einem der herumliegenden Kataloge und schlägt ihn auf. Und da springt ihm die Hölle ins Gesicht. Schnell tut er das Büchlein der Qual wieder zu. Inzwischen haben nach ihm junge Leute den Laden betreten, sie fragen nach diesem und jenem. Leberecht versteht nicht, worum es geht. Fachausdrücke werden hin- und her geworfen. Dann gehen die Jungen wieder nach draußen und Leberecht, der Alte, sieht sich die Lippen der Dame an. Sie sind durchstochen. Auch die Ohren und Augenbrauen. Es sieht zum Gotterbarmen aus. Leberecht fragt nach einem starken dünnen Bindfaden. Die Frau sieht ihn mitleidig an. Aber es ist hier nicht Berlin, sondern Heidelberg. Da ist auch der letzte Allerletzte höflich und charmant. Wozu er den Faden brauche. Für die Herstellung von kleinen Holzkreuzen. Die Dame sucht in einem unter dem Tresen gelegenen Kistchen und zieht eine Rolle sehr festen geteerten Faden hervor. „Darf es der sein!“ fragt sie nonchalant und Leberecht sagt „Ja!“. Schon tastet er nach seinem Portefeoille – da bekommt er den Faden geschenkt. „Gut Kreuz!“ sagt die Frau. „Kreuze habe ich früher auch gemacht. Und – Kreuze sind wieder im Kommen. In der Branche!“ sagt sie und dann steht Leberecht schon wieder auf der Straße und sucht sich eine schattige Bank.
Dort sitzend legt er die Hölzchen zurecht und baut nun Kreuze aus Schwemmholz. Er bindet die beiden Balken rechtwinklig zusammen und schnitzt mit dem Messerchen von Irene die vier Ecken spitz, so dass sie stechen. Es sind für heute acht Kreuze entstanden. Leberecht macht noch eine Schlaufe dran, so dass man sich seine Kreuze umhängen kann. Er selbst streift sich das achte übers Haupt. Dann geht er zu den Krishna- und Koranleuten und stellt sich mitten unter sie – wie das Schaf zwischen die Wölfe. Aus den Lautsprechern der beiden Gruppen dringt links ein Mantra, rechts irgendsoein atonaler Gesang. Die Schriftenverteiler rekrutieren sich aus gut trainierten Bärtigen auf der rechten Seite, auf der anderen sind es eher vegan ernährte Knaben. Und nun kommt der Auftritt des emeritierten alten Pastors und Pfarrers in Ruhe Samuel Leberecht Gottlieb aus Prätzschwitz in Sachsen. Mit sieben ihm verbliebenen Kreuzen steht er zwischen den dudelnden Bluetooth-Boxen und erhebt seine Stimme wie früher in den Kirchen seiner Parochie. „Ihr Männer, liebe Brüder. Schwestern auch, Geliebte in dem HERRN!“

Da fangen die Glocken der Heiliggeistkirche an zu läuten, die Krishnakoranleute packen ihren Kram zusammen und verlassen den Platz. Denn kein Wort ist mehr zu verstehen bei dem Summen und Brummen der auf- und abschwingenden Bronzemassen. Die Jünger des Inders und des Arabers verlassen auch Leberechten, der nun wartet, bis die Glocken verstummen würden. Sieben Kreuze hängen an den fünf Fingern seiner linken Hand.

Ja, es war St. Johanni, der Tag des Massentäufers von ehedem. Die Heiliggeistkirche hatte auf dem Marktplatz von Heidelberg geläutet. Laut, ausgiebig und mit ernstem Ton. Es ging diesem Läuten nicht um Widergeburt innerhalb eines Inkarnatiosrades. Es ging auch nicht um die akustische Unterstützung wirrer Gesänge vom weltumspannenden Kalifat. Es ging um die Rettung des Einzelnen und um dessen Hinführung zur Quelle des Geistes, – das ist die Heilige Schrift besonders des Neuen Testaments. Die Glocken hießen CHRISTUS, MARIA, DREIFALTIGKEIT und IMMACULATA. Mit einem mächtigen Durdreiklang hatten sie die Taubenschar auf dem Platz zu phantastisch kreisendem Flug angeregt – und die „Irrlehrer in Moll“ sofort vertrieben. Leberecht stand aufrecht mit den sieben Kreuzen in der Hand unter zwei Weißdornbäumen – und kam sich (ehrlich gesagt) komisch vor. Genauer gesagt, es fühlte sich die Situation etwas„brüsewitesk“ an. „Ist das nicht etwas zu sehr brüsewitesk?“ fragte man früher im Konvent Leberechts ratlos, wenn sich wieder irgendein Pfarrer, der seinen Beruf zu ernst genommen, auf die Obstkiste gestellt oder sich öffentlich hatte widertaufen lassen, was im Nachgang mit lehramtlichen Verhören und, zwar selten, aber dann doch, mit disziplinarischen Aktionen geahndet worden war. Das Geläut der Heidelberger Kathedrale dauerte lange – etwa zehn Minuten. Zehn Minuten für Johannes den Täufer. Soviel Zeit muss sein. Leberecht bekam durch diese klangliche Unterbrechung des Markttreibens Zeit geschenkt. Er legte sich eine kleine Rede zurecht, und erinnerte sich an den Auftritt Pauli in Athen – und den Petri zu Jerusalem. So in der Art etwa sollte es werden. Als das letzte cis der Immaculata verklungen war, ließen sich die Taubenvögel in der Nähe Leberecht Gottliebs nieder, er stieg auf eine Bank, reckte die Hand mit den sieben Holzkreuzchen in die Höhe, öffnete seinen Mund weit, erhob seine Stimme und rief: „Kommet her zu mir alle, die ihr noch immer ohne das Zeichen des Heils umherirret. Nehmt von mir an das Kreuz Jesu Christi, den Schlüssel des Heils.“ Ein paar Köpfe wandten sich Leberecht zu, ein Kind fragte, was der alte Onkel dort riefe. Die Mutter sagte irgendwas mit „keine Zeit.“ Einige Obdachlose schlurften in die Richtung Leberechts, und ein Polizist straffte seine Haltung. Leberecht Gottlieb aber lief zur Höchstform auf. Es war, als ob der Heilige Geist in ihn gefahren wäre – vielleicht war es auch so, denn die Tauben umkreisten ihn im Schwarm und klatschten mit den Flügeln immerfort. Bald hieß Leberecht Gottlieb in Heidelberg DER TAUBENMANN.

Was sollen wir berichten? Leberecht Gottliebs Rede ist nicht überliefert. Schriftlich nicht. Sie ergriff am ersten Tag sieben. Am zweiten Tag vierzehn. Dann achtundzwanzig, sechsundfünfzig am vierten, und am fünften einhundertzwölf. Zweihundertvierundzwanzig – ihr könnt euch leicht denken, wie es weiterging. Der alte Pfarrer kam kaum hinterher, die Kreuze zu verfertigen, die jeder, der eines haben wollte, sola gratia mit auf den Weg geschenkt bekam. Ali Mohamad, der jetzt nur noch Kalil Gibran gerufen wurde und sich selber Ibn Christianos zu nennen begonnen hatte, half Leberecht beim Hölzchen sammeln und beim Zusammenfügen der Vertikale mit der Horizontale. Man holte auch noch mal bei der Tattoofrau eine neue Rolle Garn. Die Kreuze des Taubenmannes waren gefragt.

Diese Kreuze – wozu dienten sie? Das war das Sonderbare – ganz unterschiedlich. Dem einen halfen sie beim Lernen des Alphabets. Dem anderen beim Üben des Fahrradfahrens. Wieder einem beim Abgewöhnen des Rauchens. Einer umsegelte die Welt – und nahm das Kreuz als Schutzzeichen mit. Ein anderer ging ins Gefängnis, mit dem Kreuz. Eine nahm das Kreuz mit ins Bett – und träumte nicht mehr so schlecht. Ein anderer schmückte sich damit – zu denen gehörte Leberecht zum Beispiel sogar selbst. Auf der vergilbten Haut des fast Neunzigjährigen ruhte das Zeichen der Erlösung auf dem Brustbein, hinter dem die Antike den Sitz der Seele vermutete. Einer nahm das Kreuz Leberechts mit zum Sterben ins Hospiz. Jeder dorthin, wohin er unterwegs war. Einer schenkte es einem anderen – und so waren diese Kreuze schließlich sogar in Schweden angekommen. Dort war der Name Leberecht als Lebeecht angekommen. „Is mir egal!“ sagte der Pfarrer, als er davon erfuhr.

Nur, dass die Zeitungen sich über die Neuankunft der Kreuze in Schweden – und übrigens auch in den deutschen Klassenzimmern hier und da – nicht zu berichten getrauten. Und das war eigentlich schade. Denn man soll nicht nur das Schlechte in der Welt herum posaunen, sondern auch vom Guten erzählen. Was aus Leberecht Gottlieb schließlich geworden ist, wissen wir nicht. Es geht die Mär, er wäre dann doch noch nach Tübingen umgezogen. Dort sind sie nämlich am frömmsten. Manche meinen sogar, die Bewegung der Gottliebianer, die sich ab 2017 dort bildete, und von der aus die Erneuerung der Evangelischen Kirche in ganz Deutschland anhob, sei auf den betagten sächsischen Pfarrer zurückzuführen, der aus einem Altersheim heraus die Kirche wieder auf den rechten Weg des Glaubens und fort von den Entartungen des Unsinns geführt hatte. Andere behaupten, Leberecht sei nach Indien gegangen, wie seinerzeit Jesus mit Maria Magdalena, nur ohne Magdalena.

Gott allein weiß, was aus Samuel Leberecht Gottlieb, dem Pfarrer aus Prätzschwitz im sächsischen Lande geworden ist. Seine Kreuze kann man sich schließlich selber bauen. Wichtig ist, das die Horizontale mit der Vertikalen in einem einzigen Punkt fest verbunden wird.

Ballade vom Feuerfluge Oskars


Prolog im Himmel
Als nun der HERR die Götter eingeladen,
kam auch zum Fest der längst schon Totgesagte,
Gott schwarzer Fliegen und der Gräber Maden.

Stand frech am Thron des EINEN, und er wagte,
die Stirn dem Alten darzubieten, dann
die Schar der Engel zittert, als er sagte:

“Hier stehe ich. Ich kann nicht anders handeln,
gib meiner Frage Antwort, Schöpfer! Wann
seh´ ich dich wieder auf der Erde wandeln?”
Und ER erhebt vom Throne sich und blickt in an.

„Was heischst du da, als abgestürzter Engel?“
fragt ernst ihn der Gebieter großer Schar.
„Und was soll wiederum dein Streitgequengel?

Ich geh auf Erden jeden Donnerstag im Jahr!“
Du kannst mich sehn. Sperr deine Augen auf.
Und jeder, der hier steht, bezeugt, ich rede wahr.“

Der alte Streit mit Gott kommt nun zum Laufen,
Der Böse fragt: „Warum am Donnerstag.
Dient diese Zeit nicht Jupitern zum Kaufen?“
Gott antwortet: „Du irrst. Weil ich es mag!“

Und jetzt fährt fort der, der die Berge machte,
und Meere aus dem Nichts sich schuf zur Freude,
Kennst du, Satan, auf Erden den, der wachte,

bis heute, dass mir fromm und treu die Leute?
Kennst Du den Prediger im Zeitzer Lande?
Nie sah ich einen frommeren bis heute,

den nicht erschreckt die Stalinistenbande?
Laut lacht Satan und zieht eine Grimasse.
„Wetten?“ schreit er „dass der dich bringt in Schande?
Da nickt dem Teufel Gott, dass er ihn fasse.

„Oskar sei“, sprach er, „deiner Macht gegeben.
Pack zu. Und stehe dann beschämt am Tage,
wenn zu mir kommt der Sieger und das Leben

ich neu ihm gebe, wie es singt die Sage.
Fass bei den Haaren ihn und streue Diamanten
doch sei bereit zu stehen auf der Waage:

Hat er am Ende sieben Konfirmanden
fahr du für alle Zeiten in die Hölle
wo alle Bösen ihre Walstatt fanden.
Doch ohne Zaudern dann, und auf die Schnelle.

Der Fliegenherr reckt seine schwarze Pranke
der Hand des Pantokrators keck entgegen.
„Die Wette gilt!“ grunzt er. Es bebt die Planke

der Himmelsfeste seines Grunzens wegen.
Des Herren Rechte fasst die böse Schranke.
„So sei es“ schwört bei seines Namens Segen,

der, dessen altem Schriftgeheimnis Treue
des Rätsels gute Lösung stets entsteige.
Gerettet dann die bunte Welt sich freue,
und vor der Botschaft Christi sich verneige.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum wirst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Du sollst nun sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ist gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Mein Freund, betrachte,
und was Du siehst, ist heut!“

Was geschah
Einst, als die Leugner Gottes
und spöttischen Bürokraten
tückisch begannen Hand anzulegen,
den Unterricht kleiner Kinder
befahlen mit Waffen des HaSSes
gen Westen zu richten,
gab es nicht wenige, die das bedrückte.

Flugblätter wurden gemalt, Plakate gestaltet.
In Kirchen und Betsälen fanden sich ein,
die dem gottlosen Staat widerstanden,
mit Mut und aus Glauben
an Christus, den HERRN.

Unter diesen war einer, Oskar sein Name.
Pfarrherr ward er erst später.
Als Schuster, wie Böhme aus Görlitz,
verdient er in frühen Jahren sein Brot.

Die Botschaft von Christus,
dem freundlichen Gott auf Sandalen,
berührte den Mann im Grund seiner Seele,
Oskar, des´ Vater ganz unbekannt blieb.
Brüsewitz heißen die Ahnen.
Wie auch der Jesus, für den
Oskar zeitlebens stürmte,
ebenfalls keinen Vater benennt,
schweigen die Akten lang und breit
über den Vorfahr des Schuhmachermeisters.

Im Memelland wird er geboren
am Ende des Monats, der Blüten und Blumen
in Hülle und Fülle hervorbringt.
Donnerstag ist es, Gott geht spazieren.
Neunzehnundneununzwanzig zeigt der Kalender.
Weimar gilt noch als Geburtstädtchen Deutschlands,
jung ist das Párlament, alt aber schon
eingegraben die Schmach von Verdun
in die Seele der Deutschen.

Ach, – mit dem Vaterland geht es bergab.
Bald wird wüten ein neuer Krieg
länger noch als der erste.
Schon ist er heran, eben noch
war doch die Konfirmation?
Das liebliche Fest alleserwartender Jugend –
weiß-blau traten sie aus der Kirche
ins Licht des frischen Meermorgens.

Oskar, der Knabe, flieht, wird gefangen,
dient kurz im Heer, desertiert, wird verhaftet,
und kommt wieder frei. Vielen ergeht´s so,
und viele verdirbt so der Krieg.
Doch Oskar darf leben.
Gott hält die Hand über ihn,
einmal wird er Prophet werden wollen …
Zum Himmel fahren in Feuerflammen,
so wie Elia, nur ohne Wagen.

Es kommt ein Tag im Monat August.
Mit Jupitern wechselt der Mond das Zeichen
schwenkt in das nämliche, das auch
den Schiffsbug schmückte, als Paulus
zur Reise aufbrach: Sie führt nach Malta.
Oskars Reise viel weiter: Bis hinter die Sterne.

Saturn steht im Löwen,
die Sonne im eigenen Zeichen.
Alles ist vorbereitet.
Zwei Kannen trägt der Erwählte.
Sonst bergen sie Milch,
den nährenden Saft aus Eutern von Rindern,
Kinder und Greise erhält das am Leben.
Jetzt aber sind die Kannen gefüllt
mit der Milch, der schwarzen,
aus Gaias Leib, aus der Urhöhle
Mesopotamiens, wo früher, ganz früher!
das Páradies war – und Ströme des Lebens,
vierfach geteilt, alles bewässernd,
nach draußen zur Welt sich ergießen.

Ein Brief ward geschrieben, ward überreicht,
zu öffnen den Umschlag nach Stunden erst.
Wenn alles vorbei.
Die feurige Fahrt erklärt diese Schrift.
Vor der Kirche in Zeitz das lodernde Zeichen.
Frevel an Kirche, Kindern und Greisen,
von Honeckers Schergen und ihrer Partei.
Es rennen die Minuten, die Sekunden.
Das Streichholz – dann die Brunst.
Hoch rennt die Flamme himmelwärts.
Der Pfarrer brennt. Und schreit.
Der Schmerz kommt, glüht und bleibt.

Maria Königin, am zweiundzwanzigsten August
stirbt Oskar Brüsewitz. Bewacht von Ärzten,
Spitzeln, Engeln und Gebeten guter Menschen.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum warst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Und solltest sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Nun, Freund, betrachte,
denn was Du siehst, erfreut!“

Apotheose
Man sieht, Myriaden von Engeln
sie tragen Oskarn die Schleppe,
den schwarzen Talar Friedrich Wilhelms,
des Preußenkönigs Edikt
befahl 18und11 den Rabbinern,
Pfarrern und Richtern das Kleid zu tragen,
wenn sie den Mund zur Rede öffnen.

Verkohlt ist das Kleid nun. Ein Duft von Minol
erfüllet himmlischen Hallen.
Alle atmen tief durch.
Denn das roch man hier eher selten,
Honig, Ambrosia, Würzwein und Weihrauch
fächelt den Schleimhäuten sonst.

Schon langt er an, der Verbrannte.
Grünende Palmblätter in ihren Händen
stehen Milliarden, warten Millionen
verklärt und erlöst vollendete Seelen.
Sie bilden Spalier, begrüßen den Kömmling.
Leise erklingt ein Gesang. Palästrina …
aus vieler Nationen Knabenkehlen
strömt er hervor – unablässig.

„Gott aber sagt nichts!
Auch Luthern lobte er nie!“

raunt Dir Dein Engel leise.
Er trägt auf der Schulter
Achselklappen, silbergeflochtene
mit goldenen Sternchen und flüstert Latein.

Und Du fragst erstaunt:
„Gott sagt dazu nichts?
Der Engel wispert:
„Er kennt keinen Zorn.
Und verbeißt sich das Lachen!“

Schon kniet Brüsewitz nieder.
Und empfängt die Krone des Lebens.
Gott wischt den Ruß und die Tränen
ab von den Wangen dem Bruder des Herkules.
Mit eigener Hand, wie die Schrift sagt.
Dann ist schon alles vorbei.
Beziehungsweise – beginnt etwas Neues.

Chor der verklärten Wesen
Zum Traum wardst Du geladen
im himmlischen Gefild.
Du solltest sehen müssen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagte „Freund, gib acht,
denn was Du denkst wird Macht!“

Epilog (wieder im Himmel)
Am Tag, als Oskar Brüsewitz verstorben,
nahte zu Gott erneut ein jeder Himmelssohn.
Man trug die Harfen stolz, im Laub von Lorben,

frohlockte Halleluja laut in feinstem Ton –
dem, der, geleitet jetzt von Engelscharen,
entflohen war der Stalinisten argem Hohn.

Seht doch, wie alle hergekommen waren:
Tertullian, Montanus und die beiden
Priscilla und Felicitas als Laren,

und andre, die bei Tieren mussten scheiden,
Märtyrer, die von Wägen überfahren,
in des Theaters Rund zum Schauspiel blöder Heiden,

Mauritius und Barbara vom Turme,
und dann in Kleidern, wunderbar goldseiden,
Elisabeth und Margret mit dem Wurme.

Nicht fehlt Maximilianus, der Confessor,
wir sehen Polycarp aus schlimmen Sturme,
dort Michael Servet, Schweizer Professor,

auch Phillip M. und Luther sind zugegen.
Mutter Theresa schwingt ihr indisch Tuch.
Das sind gar keine Märtyrer? Vonwegen!

Wer hier ist, kommt als Dulder zu Besuch.
Wie einst dem Christus sie die Kleider legten
auf graue Straßen unter Esels Huf,

so streuen alle jetzt für Oskar Brüsewitz
die feinsten Rosenblüten und mit lauten Ruf
auf den schon vorbereitet samtnen Sitz.

Der Böse ist auch da. Bei einem Winkel
steht er und fürchtet sich. Es ist kein Witz,
Gott ruft: „Tritt vor!“ Er kleidet sich in Dünkel.

Da trifft ihn scharf der abgesandte Blitz.
Satan trotzt noch, und wird geschleppt zur Bühne,
gefesselt steht er da im Glanz und itzt,

Gabriels Fuß beugt seinen Kopf zur Sühne.
Und Gott erläutert eine Strafabsicht:
„Es sind nicht sieben Konfirmanden kühne,

es sind Einhundertvierundvierzigtausen.
Gib zu, du hast verloren, Bösewicht.“
Der Satan hört´s – und seine Ohren sausen.

„Du hast die Wette wiederum verloren
wie damals schon, erinnre dich, bei Hiobs Licht,
in Zukunft will verschont ich sein von Toren,

wie du in meiner Himmel All es bist.
Den Brüsewitz hab ich mir auserkoren.
Bleibt mir als Teufelsjäger Fackelträger –
durchdringt die Finsternis des Nichts …“

die Belobigung

WIE ES DOCH NOCH EINMAL GUT GING
Nachdem alles vorüber war, ging man daran, Blumen zu verteilen. Die Ersten waren Forumsteilnehmer von „Glaube als Heimat“, jener kleinen immer so zu Unrecht verlachten Wochenendzeitung, die zum Schluss immens an Abonnenten gewonnen hatte, was heute als Wunder gilt.
Wie war das gekommen? Eines Tages hatte ein Redakteur sein Schweigen gebrochen und die Missstände auf dem Planeten öffentlich angezettelt. Eine Flut von Zuschriften und Mails hatte dazu geführt, das die behördlich gelenkte Meinung im Land über Nacht zusammengebrochen war. Man sagte wieder, was man wirklich dachte, und man dachte wieder wirklich, was man vorher nicht zu sagen sich gewagt hatte. Es war natürlich um diese unangenehme Sache mit der Religion gegangen. Wie immer … Aber nun war ja unverrücks Moischiach gekommen. Plötzlich war er da. Ganz unspektakulär ohne atomare Apokalypse. Und – die Juden werden sich freuen – es war tatsächlich einer der ihren. Jesus Christus, Ihr kennt ihn, liebe Leute. Aus Jerusalem hörte man, das habe jeder sich denken können, und es sei eine rechte Chuzpe. Auch der Genderwahn war nun vorbei, Rinderwahn auch, Krebs war besiegt, Ebola sowieso und Donald Trump hatte zum Schluss doch noch, dank der Gebete lutherischer Hauskreise in Sachsen, einigermaßen Manieren angenommen. Putin beteuerte, sich bei den Methodisten widertaufen lassen zu wollen, und die Moslems hatten ihre Bücher in die Bibliotheken getragen und lasen begeistert Paul Feyerabends Erkenntnis für freie Menschen und Anything Goes. Das bedingungslose Höchsteinkommen für jeden war eingeführt worden und der Treibhausausstoß wegen der Wasserautos und Beendigung chemtrailiger Einspritzungen in der Atmosphäre definitiv vorbei.
Wenn nun noch die Toten auferstehen würden, wäre die Sache perfekt. Aber Jesus sagt, dazu müssen die Menschen noch ein bisschen mehr forschen und sich anstrengen – um die Formel für das Elixier zu finden. Erstmal werde das Lebensalter für alle auf 120 raufgesetzt. Danach folge die Abschaltung und nach Linksversetzung um eine Zentelsekunde in die Zeit, damit das Gedränge auf der Erde unter dem Himmel nicht zu groß werde. Kirchen wurden gebaut ohne Ende, die anderen ehemaligen Heiligtümer wurden abgerissen und als Unterbau für Straßen zu sinnvollen Orten geschreddert. Diese Orte waren Universitäten, denn die Welt hatte sich nun vieler ungebildeter Analphabeten zu widmen. Und zwar ab heute an ernsthaft. Die Analphabeten, es sind auch welche drunter, die lesen können, lernten nun alle Griechisch, Latein und Deutsch – letzteres in sächsischem Dialekt, weil es eben die Hauskreise gewesen waren, welche mit ihren Lobpreisliedern die Sache kurz vor der Katastrophe noch gerettet hatten. Deshalb dieses Zugeständnis zum Dialekt in Deutsch – Sächsisch.

Glaube als Heimat war also belobigt worden. Von höchster Stelle – und belobigte nun uns. Es gab keine Parlamente mehr, sondern die Entscheidung der Politik vollzog sich basisdemokratisch in einem immerwährenden Plebiszit, das unter der Lenkung eines greisen Monarchenquartets (das Qudriarchat) von Vertretern aus den Familien der Habsburger, Romanows und natürlich der Hohenzollern und Wittelsbacher perennierend repräsentierte. Starb einer dieser Leute nach 120 Jahren, wurde die Stelle aufgefüllt. Die Katholiken hatten die getrennten Brüder und Schwestern aus Wittenberg und London wieder in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen. Ja, – man hatte ein großes interkonfessionelles Mahl gefeiert (unter beider Gestalt – versteht sich) und die Posaunenchöre aller Herren Länder hatten dazu fröhlich aufgespielt. Zur Wirtschaft soll ich auch noch was sagen? Jeder hat seine eigene Taschenlampe, auch im hintersten Dornenkral und im allerniedrigsten Iglu brennt das Licht und verlischt nicht. Jeder hat seine AR15 dicht bei. Und alle fahren E-bike. Die Gefängnisse sind leer, denn das sexuelle Verlangen der Männer ist befriedigt. Das war überhaupt mit das Beste an der Sache mit dem Messias. Die Sehnsucht war weg, die Angst keinen hoch zu kriegen, die Furcht abgelehnt zu werden und die Scham, nicht schön genug zu sein für irgend so einen Dorftrottel. Letzteres besonders für die Frauen eben … Das war schon ein Riesenproblem gewesen. Jeder saß nun unter ihrem Feigenbaum und ließ es sich gut gehen. Romé, Bridge, Doppelkopf, Scrabble usw. Man unternahm ausgedehnte Reisen in die Vergangenheit, um die vielen bösen Dinge zu heilen, die da ganz fraglos passiert waren. Etwa die Sache mit dem Braunauer Schickelgruber und wie ihn die Professoren der Kunstakademie in Wien nicht haben studieren lassen wollen, weil er eben so grottig malte. Man verkleidete sich etwa in den Rubens, sagen wir mal Rubens oder Dürer oder Cranach, reiste in das sattsam bekannte abgefuckte Männerheim von ehedem, nahm sich den adoleszenten Adolf in einen Traum mit und brachte ihm dort das Malen bei. Dann lancierte man ein Date mit dem Professor Eduard Ameseder am Schillerplatz. Damit war der zweite Weltkrieg nun völlig überflüssig geworden. Die Geschichte nahm einen anderen Lauf, – mit solchen Spielereien brachte man also seine Zeit zu. Nicht schlecht, was? Wohin würden Sie hinreisen, was würden Sie machen? Jesus ist im Augenblick übrigens wieder weg, denn er macht dieses gläsernste aller Spiele mit und ist unterwegs zu Luzifer, wegen dessen damaliger Ablehnung der Schöpfung als Lichtengel. Das nur nebenbei. Viel wäre noch zu berichten, aber Ihr erlebt es ja selber.

Ich will nur noch kurz von der Bootsfahrt auf der Elbe berichten, die als kleine Dankesgabe von „Glaube als Heimat“ den wackersten Disputanten des Online-Forums zu Teil geworden war. Eine Dampferfahrt mit der Weißen Flotte von Magdeburg bis Dresden und darüber hinaus nach Prag, wo Karl der IV. sein Edelsteinzimmer wieder bezogen hat. Obwohl Wenzel dem Přemyslidengeschlecht entstammt, ehren ihn die Quadrarchen sehr und besuchen ihn manchmal auf dem Hradschin. Da soll es für uns auch eine Audienz geben. Wenzel ist der derzeitige Papst, denn Rom wurde nach Prag verlegt, nachdem die Italiener die Mauern ihres Gottesstaates in den letzten Tagen der alten Zeit geschleift hatten, und der Petersdom mit der Engelsburg dem Erdboden gleich gemacht worden waren. Ja, – das ist ein überaus trauriges Kapitel, über das an anderer Stelle einmal berichtet werden soll. Aber in Prag ist jetzt Rom. Nach Wittenberg wollte man nicht gehen, weil da erst eine Neubesiedlung mit Menschen passieren müsste, was aber dauern wird. Übrigens, die Migrantenströme haben sofort aufgehört, nachdem jeder das bedingungslose Höchsteinkommen erhalten hatte, und dieser kluge Schachzug der Quadrarchie medienwirksam bis in die allerletzte Höhle des Kaukasus gefunkt worden war. Und die Europäer sind jetzt übrigens wieder unterwegs als Touristen bis nach Ägypten und Somalia. Die Neuschwansteinschlösser sind also fast leer. Man kann sich dort in Ruhe und in Hausschuhen alles ohne Gedränge betrachten.

Also, wir sind auf dem Elbedampfer unterwegs zum Hradschin. Es ist eine Belobigungsfahrt für mich, den Leser, Frau Britta, Gert Flessing, der uns immer Köstlichkeiten aus der Bibel vorliest, weil er denselben Vornamen hat wie Gert Westphal. Britta lehnt, im weißen Kleid, vorne am Pier und rezitiert in den Zeiten, wo Flessing pausiert, den Homer, die klassischen Verse des großen Epos´, in dem uns schon seit 2.800 Jahren vom klugen Sieg der Abendländer über das Morgenland so einprägsam berichtet wird. Der charmante Alexios Garotman hält sich auffallend oft in ihrer Nähe auf. Gibt es da was zwischen den beiden? Peter Uhrmacher hat irgendwann vergessen seine alte Henlein aufzuziehen. Zeitlos schaut er aus seiner Rudolfsteinarbrille auf das Wellenspiel der Elbe und summt dazu die Moldau von Antonin Dvorak – ach nein, von Bedrich Smetana ist die ja … Der Beobachter beobachtet den Kapitän genau, das ist der Redakteuer der Zeitung, die uns und sich selbst dieses Happening sponsert. Er schreibt sich hin und wieder etwas in ein kleines Octavheft. Will wahrscheinlich sein Reisetagebuch veröffentlichen, nehme ich an. Immer mal wieder ruft es vom Oberdeck: „He Leute, wenn Ihr nicht solche Sachen geschrieben hättet, wäre diese Zeitung so richtig im Arsch gewesen!“ Dann lacht er, lässt die Schiffssirene heulen, was sich hier unten im Elbsandsteingebirge sehr gut macht (Echo und so) und die Fahrt geht weiter. Die Hauskreisleute sitzen achtern und singen ihre Lobpreislieder – besonders oft den alten Gassenhauer: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt!“ Das passt.

Am Strand hat man große Erinnungsplakate aufgestellt, von denen man ablesen kann, was in den letzten Jahren vor der Ankunft Moischiachs geschehen war. Nachdem diese Invasion von den Planeten jenseits des äußeren Asteroidengürtels über uns hereingebrochen war, hatte man zuerst gedacht, man könne das Problem einfach wegdenken. Also durch Denken in bestimmter Art und Weise, die Dinge ungeschehen machen. Dieser durchaus intelligente Plan ging aber nicht auf. Der deutsche Idealismus in seiner Theorie, dass das Bewusstsein das Sein bestimmen könne, war ja schon öfter harsch widerlegt worden, jetzt aber dann so richtig. Mein lieber Schwan, – als die Aliens ihre Prisantokel in Stellung brachten und sich zu fratigenen Ochlomutantenklastern organisierten und die ersten Kirchengebäude plötzlich traxogene Pyramiden geworden waren, da endlich merkte auch der letzte Träumer, wohin der Hase lief. Die Hauskreise erhöhten die Frequenz ihrer Lobpreiseinheiten, und es half schon mal – aber eben nicht wirklich richtig viel. Erst als man einige Köpfe auf leitender Ebene hier und da in die Bücherkammern zu Fortbildungen schickte und andere Köpfe denken, singen und sagen ließ, wurde es anders. Moischiach kam – und der Spuk hatte sofort ein Ende. Die Aliens fielen in Scharen nieder und fragten, ob sie sich bekehren müssten. Man sagte Ihnen, dass sie gar nichts müssten, sondern alles dürften, wenn ihnen auch nicht alles frommen würde. Ab diesem Moment ging ein großes Aufatmen um den Erdball. Die Aliens warfen sich in ihre Raumgleiter und rauschten wieder ab – irgendwohin in den Winkel des Sternennebels der Oxymetriden. Manche bleiben allerdings auch hier. Ihr erkennt diese Wesen an ihrem erlösten Lächeln.

Ich sehe gerade den Leser, er nuppelt die ganze Zeit an einem HaSSeröder herum und schaut dabei traurig in die Wellen. Wir sind schon längst auf der Moldau und fahren gerade unter der Karlsbrücke durch. Ich spreche ihn an und versuche, ihn aufzumuntern. Sage etwa: „He, – Kopf hoch, Alter. Es ist nun vorbei!“ Er: „Aber es war doch so schlimm, und fast wäre es alles schief gegangen!“ Er kann nicht loslassen … Hat eben zu viel erlebt und ist völlig traumatisiert. Ich frage ihn, wohin er denn demnächst in die Vergangenheit reisen wolle, um ein Stückchen derselben heilen zu helfen. Er sagt: „Ich fahre ins Kirchenamt der EKD. Wie der Blitz!“ Ich: „Da sind doch schon die anderen alle. Willst du (denn wir sind per Du) dort noch mehr durcheinanderbringen?“ Er: „Was sonst?“ Ich: „Stichwort Konfirmandenunterricht!“ Er: „Und?“ Ich: „Denk mal nach!“ Da geht ein Leuchten über sein Antlitz. Er gießt den Rest des HaSSeröders in die Moldau und scheint nun zu wissen, worauf es ankommt.

Jetzt sind wir schon an Land: Britta springt mit viel Grazie ans Ufer und wird dort sofort von einigen hilfreichen Nachfahren des Jan Huss, auf´s Allermanierlichste bewillkommnet. Und ich muss mal sagen, – die alten Prager eben. Alexios Garotman streicht in ihrer Nähe herum – aber die Art des Trapezuntiners verblasst vor der böhmischen Eleganz der jungen Hafenarbeiter, die alle aussehen wir Karel Gott, deutlich. Da muss er fertig werden mit. Peter Uhrmacher ist schon zur großen astronomischen Uhr am Rathaus in die Altstadt unterwegs und ich werde heute mal wieder zu Rabbi Löw s Synagoge und dem Golem gucken. Den Leser sehe ich grade noch im „U Zlateho Tygra“ verschwinden, der Redakteur telefoniert irgendwohin – wo aber ist der Beobachter? Ach da hinten. Er plaudert mit Jesus, der ein paar bunte Luftballons erworben hat und sie an Kinder verschenkt. Ich muss den Messias bei nächster Gelegenheit einmal fragen, ob auch er dieses Mindesteinkommen – ich meine Höchsteinkommen – bezieht … Und woher das viele Geld eigentlich kommt. Was da verteilt wird ist nämlich reines Gold. Wahrscheinlich stammt es von tief unten aus den Schächten des CERN. Da kommt das her! Die machen aus Blei Gold. Mit einfachen Strahlen. Ja, – die Schweizer können so was!

Matthias Schollmeyers Beitrag zu http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2016/07/26/turkei-erdogan-und-der-grus-der-muslimbruder/#comment-51734

Reden Reden Reden …


Heute am 30. Juli begeht die Kirche den Tag des Heiligen Chrysologos. Chrysologos heißt übersetzt Goldwort. Goldwort war bis 450 in Ravenna Bischof und einer der alten Kirchenlehrer. Und morgen, am 31.Juli, ist der Tag des Ignatius von Loyola. Der Mann kümmerte sich jenseits der Alpen in der Reformationszeit bis 1556 um die Erneuerung der Kirche. Die Jesuiten z.B., das ist wohl die intellektuelle Elite der Christenheit, gehen auf sein Konto, und einige spezielle Übungen verdanken wir ihm und seiner tiefen Kenntnis der menschlichen Seele und der Kunst, dieselbe zu bilden und zu lenken. Chrysologos und Ignatius sind nur zwei Lehrer der Kirche gewesen. Jeder von uns kennt auch noch andere. Martin Luther zum Beispiel, – um nur einen zu nennen. Auch er hat viel bewirkt. Frage: Wie geht das? Antwort: Immer wenn einer ehrlich versucht, das Steuer im guten Sinne herum zu reißen, kommt die Welt ein Stück voran auf dem richtigen Weg. Das Steuerrad der Kirchenlehrer (es gibt auch einige Lehrerinnen!) war und bleibt hauptsächlich das Wort. Das geschriebene, das gesprochene und das gebetete. In dieser Hinsicht sind die Kirchenlehrer immer dem Beispiel gefolgt, das Jesus Christus in der Bibel gegeben hat. Er redet, redet und redet – und es ändert sich doch etwas. Wir sollten nicht aufhören miteinander zu reden. Mit goldenen Worten, klugen Worten und wahren Worten.