Ballade vom Feuerfluge Oskars


Prolog im Himmel
Als nun der HERR die Götter eingeladen,
kam auch zum Fest der längst schon Totgesagte,
Gott schwarzer Fliegen und der Gräber Maden.

Stand frech am Thron des EINEN, und er wagte,
die Stirn dem Alten darzubieten, dann
die Schar der Engel zittert, als er sagte:

“Hier stehe ich. Ich kann nicht anders handeln,
gib meiner Frage Antwort, Schöpfer! Wann
seh´ ich dich wieder auf der Erde wandeln?”
Und ER erhebt vom Throne sich und blickt in an.

„Was heischst du da, als abgestürzter Engel?“
fragt ernst ihn der Gebieter großer Schar.
„Und was soll wiederum dein Streitgequengel?

Ich geh auf Erden jeden Donnerstag im Jahr!“
Du kannst mich sehn. Sperr deine Augen auf.
Und jeder, der hier steht, bezeugt, ich rede wahr.“

Der alte Streit mit Gott kommt nun zum Laufen,
Der Böse fragt: „Warum am Donnerstag.
Dient diese Zeit nicht Jupitern zum Kaufen?“
Gott antwortet: „Du irrst. Weil ich es mag!“

Und jetzt fährt fort der, der die Berge machte,
und Meere aus dem Nichts sich schuf zur Freude,
Kennst du, Satan, auf Erden den, der wachte,

bis heute, dass mir fromm und treu die Leute?
Kennst Du den Prediger im Zeitzer Lande?
Nie sah ich einen frommeren bis heute,

den nicht erschreckt die Stalinistenbande?
Laut lacht Satan und zieht eine Grimasse.
„Wetten?“ schreit er „dass der dich bringt in Schande?
Da nickt dem Teufel Gott, dass er ihn fasse.

„Oskar sei“, sprach er, „deiner Macht gegeben.
Pack zu. Und stehe dann beschämt am Tage,
wenn zu mir kommt der Sieger und das Leben

ich neu ihm gebe, wie es singt die Sage.
Fass bei den Haaren ihn und streue Diamanten
doch sei bereit zu stehen auf der Waage:

Hat er am Ende sieben Konfirmanden
fahr du für alle Zeiten in die Hölle
wo alle Bösen ihre Walstatt fanden.
Doch ohne Zaudern dann, und auf die Schnelle.

Der Fliegenherr reckt seine schwarze Pranke
der Hand des Pantokrators keck entgegen.
„Die Wette gilt!“ grunzt er. Es bebt die Planke

der Himmelsfeste seines Grunzens wegen.
Des Herren Rechte fasst die böse Schranke.
„So sei es“ schwört bei seines Namens Segen,

der, dessen altem Schriftgeheimnis Treue
des Rätsels gute Lösung stets entsteige.
Gerettet dann die bunte Welt sich freue,
und vor der Botschaft Christi sich verneige.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum wirst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Du sollst nun sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ist gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Mein Freund, betrachte,
und was Du siehst, ist heut!“

Was geschah
Einst, als die Leugner Gottes
und spöttischen Bürokraten
tückisch begannen Hand anzulegen,
den Unterricht kleiner Kinder
befahlen mit Waffen des HaSSes
gen Westen zu richten,
gab es nicht wenige, die das bedrückte.

Flugblätter wurden gemalt, Plakate gestaltet.
In Kirchen und Betsälen fanden sich ein,
die dem gottlosen Staat widerstanden,
mit Mut und aus Glauben
an Christus, den HERRN.

Unter diesen war einer, Oskar sein Name.
Pfarrherr ward er erst später.
Als Schuster, wie Böhme aus Görlitz,
verdient er in frühen Jahren sein Brot.

Die Botschaft von Christus,
dem freundlichen Gott auf Sandalen,
berührte den Mann im Grund seiner Seele,
Oskar, des´ Vater ganz unbekannt blieb.
Brüsewitz heißen die Ahnen.
Wie auch der Jesus, für den
Oskar zeitlebens stürmte,
ebenfalls keinen Vater benennt,
schweigen die Akten lang und breit
über den Vorfahr des Schuhmachermeisters.

Im Memelland wird er geboren
am Ende des Monats, der Blüten und Blumen
in Hülle und Fülle hervorbringt.
Donnerstag ist es, Gott geht spazieren.
Neunzehnundneununzwanzig zeigt der Kalender.
Weimar gilt noch als Geburtstädtchen Deutschlands,
jung ist das Párlament, alt aber schon
eingegraben die Schmach von Verdun
in die Seele der Deutschen.

Ach, – mit dem Vaterland geht es bergab.
Bald wird wüten ein neuer Krieg
länger noch als der erste.
Schon ist er heran, eben noch
war doch die Konfirmation?
Das liebliche Fest alleserwartender Jugend –
weiß-blau traten sie aus der Kirche
ins Licht des frischen Meermorgens.

Oskar, der Knabe, flieht, wird gefangen,
dient kurz im Heer, desertiert, wird verhaftet,
und kommt wieder frei. Vielen ergeht´s so,
und viele verdirbt so der Krieg.
Doch Oskar darf leben.
Gott hält die Hand über ihn,
einmal wird er Prophet werden wollen …
Zum Himmel fahren in Feuerflammen,
so wie Elia, nur ohne Wagen.

Es kommt ein Tag im Monat August.
Mit Jupitern wechselt der Mond das Zeichen
schwenkt in das nämliche, das auch
den Schiffsbug schmückte, als Paulus
zur Reise aufbrach: Sie führt nach Malta.
Oskars Reise viel weiter: Bis hinter die Sterne.

Saturn steht im Löwen,
die Sonne im eigenen Zeichen.
Alles ist vorbereitet.
Zwei Kannen trägt der Erwählte.
Sonst bergen sie Milch,
den nährenden Saft aus Eutern von Rindern,
Kinder und Greise erhält das am Leben.
Jetzt aber sind die Kannen gefüllt
mit der Milch, der schwarzen,
aus Gaias Leib, aus der Urhöhle
Mesopotamiens, wo früher, ganz früher!
das Páradies war – und Ströme des Lebens,
vierfach geteilt, alles bewässernd,
nach draußen zur Welt sich ergießen.

Ein Brief ward geschrieben, ward überreicht,
zu öffnen den Umschlag nach Stunden erst.
Wenn alles vorbei.
Die feurige Fahrt erklärt diese Schrift.
Vor der Kirche in Zeitz das lodernde Zeichen.
Frevel an Kirche, Kindern und Greisen,
von Honeckers Schergen und ihrer Partei.
Es rennen die Minuten, die Sekunden.
Das Streichholz – dann die Brunst.
Hoch rennt die Flamme himmelwärts.
Der Pfarrer brennt. Und schreit.
Der Schmerz kommt, glüht und bleibt.

Maria Königin, am zweiundzwanzigsten August
stirbt Oskar Brüsewitz. Bewacht von Ärzten,
Spitzeln, Engeln und Gebeten guter Menschen.

Chor der verklärten Wesen
Im Traum warst Du geladen
zum himmlischen Gefild.
Und solltest sehen dürfen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagt „Nun, Freund, betrachte,
denn was Du siehst, erfreut!“

Apotheose
Man sieht, Myriaden von Engeln
sie tragen Oskarn die Schleppe,
den schwarzen Talar Friedrich Wilhelms,
des Preußenkönigs Edikt
befahl 18und11 den Rabbinern,
Pfarrern und Richtern das Kleid zu tragen,
wenn sie den Mund zur Rede öffnen.

Verkohlt ist das Kleid nun. Ein Duft von Minol
erfüllet himmlischen Hallen.
Alle atmen tief durch.
Denn das roch man hier eher selten,
Honig, Ambrosia, Würzwein und Weihrauch
fächelt den Schleimhäuten sonst.

Schon langt er an, der Verbrannte.
Grünende Palmblätter in ihren Händen
stehen Milliarden, warten Millionen
verklärt und erlöst vollendete Seelen.
Sie bilden Spalier, begrüßen den Kömmling.
Leise erklingt ein Gesang. Palästrina …
aus vieler Nationen Knabenkehlen
strömt er hervor – unablässig.

„Gott aber sagt nichts!
Auch Luthern lobte er nie!“

raunt Dir Dein Engel leise.
Er trägt auf der Schulter
Achselklappen, silbergeflochtene
mit goldenen Sternchen und flüstert Latein.

Und Du fragst erstaunt:
„Gott sagt dazu nichts?
Der Engel wispert:
„Er kennt keinen Zorn.
Und verbeißt sich das Lachen!“

Schon kniet Brüsewitz nieder.
Und empfängt die Krone des Lebens.
Gott wischt den Ruß und die Tränen
ab von den Wangen dem Bruder des Herkules.
Mit eigener Hand, wie die Schrift sagt.
Dann ist schon alles vorbei.
Beziehungsweise – beginnt etwas Neues.

Chor der verklärten Wesen
Zum Traum wardst Du geladen
im himmlischen Gefild.
Du solltest sehen müssen
der Allversöhnung Bild.
Ein Engel ward gegeben
Dir an die rechte Seit,
der sagte „Freund, gib acht,
denn was Du denkst wird Macht!“

Epilog (wieder im Himmel)
Am Tag, als Oskar Brüsewitz verstorben,
nahte zu Gott erneut ein jeder Himmelssohn.
Man trug die Harfen stolz, im Laub von Lorben,

frohlockte Halleluja laut in feinstem Ton –
dem, der, geleitet jetzt von Engelscharen,
entflohen war der Stalinisten argem Hohn.

Seht doch, wie alle hergekommen waren:
Tertullian, Montanus und die beiden
Priscilla und Felicitas als Laren,

und andre, die bei Tieren mussten scheiden,
Märtyrer, die von Wägen überfahren,
in des Theaters Rund zum Schauspiel blöder Heiden,

Mauritius und Barbara vom Turme,
und dann in Kleidern, wunderbar goldseiden,
Elisabeth und Margret mit dem Wurme.

Nicht fehlt Maximilianus, der Confessor,
wir sehen Polycarp aus schlimmen Sturme,
dort Michael Servet, Schweizer Professor,

auch Phillip M. und Luther sind zugegen.
Mutter Theresa schwingt ihr indisch Tuch.
Das sind gar keine Märtyrer? Vonwegen!

Wer hier ist, kommt als Dulder zu Besuch.
Wie einst dem Christus sie die Kleider legten
auf graue Straßen unter Esels Huf,

so streuen alle jetzt für Oskar Brüsewitz
die feinsten Rosenblüten und mit lauten Ruf
auf den schon vorbereitet samtnen Sitz.

Der Böse ist auch da. Bei einem Winkel
steht er und fürchtet sich. Es ist kein Witz,
Gott ruft: „Tritt vor!“ Er kleidet sich in Dünkel.

Da trifft ihn scharf der abgesandte Blitz.
Satan trotzt noch, und wird geschleppt zur Bühne,
gefesselt steht er da im Glanz und itzt,

Gabriels Fuß beugt seinen Kopf zur Sühne.
Und Gott erläutert eine Strafabsicht:
„Es sind nicht sieben Konfirmanden kühne,

es sind Einhundertvierundvierzigtausen.
Gib zu, du hast verloren, Bösewicht.“
Der Satan hört´s – und seine Ohren sausen.

„Du hast die Wette wiederum verloren
wie damals schon, erinnre dich, bei Hiobs Licht,
in Zukunft will verschont ich sein von Toren,

wie du in meiner Himmel All es bist.
Den Brüsewitz hab ich mir auserkoren.
Bleibt mir als Teufelsjäger Fackelträger –
durchdringt die Finsternis des Nichts …“

die Belobigung

WIE ES DOCH NOCH EINMAL GUT GING
Nachdem alles vorüber war, ging man daran, Blumen zu verteilen. Die Ersten waren Forumsteilnehmer von „Glaube als Heimat“, jener kleinen immer so zu Unrecht verlachten Wochenendzeitung, die zum Schluss immens an Abonnenten gewonnen hatte, was heute als Wunder gilt.
Wie war das gekommen? Eines Tages hatte ein Redakteur sein Schweigen gebrochen und die Missstände auf dem Planeten öffentlich angezettelt. Eine Flut von Zuschriften und Mails hatte dazu geführt, das die behördlich gelenkte Meinung im Land über Nacht zusammengebrochen war. Man sagte wieder, was man wirklich dachte, und man dachte wieder wirklich, was man vorher nicht zu sagen sich gewagt hatte. Es war natürlich um diese unangenehme Sache mit der Religion gegangen. Wie immer … Aber nun war ja unverrücks Moischiach gekommen. Plötzlich war er da. Ganz unspektakulär ohne atomare Apokalypse. Und – die Juden werden sich freuen – es war tatsächlich einer der ihren. Jesus Christus, Ihr kennt ihn, liebe Leute. Aus Jerusalem hörte man, das habe jeder sich denken können, und es sei eine rechte Chuzpe. Auch der Genderwahn war nun vorbei, Rinderwahn auch, Krebs war besiegt, Ebola sowieso und Donald Trump hatte zum Schluss doch noch, dank der Gebete lutherischer Hauskreise in Sachsen, einigermaßen Manieren angenommen. Putin beteuerte, sich bei den Methodisten widertaufen lassen zu wollen, und die Moslems hatten ihre Bücher in die Bibliotheken getragen und lasen begeistert Paul Feyerabends Erkenntnis für freie Menschen und Anything Goes. Das bedingungslose Höchsteinkommen für jeden war eingeführt worden und der Treibhausausstoß wegen der Wasserautos und Beendigung chemtrailiger Einspritzungen in der Atmosphäre definitiv vorbei.
Wenn nun noch die Toten auferstehen würden, wäre die Sache perfekt. Aber Jesus sagt, dazu müssen die Menschen noch ein bisschen mehr forschen und sich anstrengen – um die Formel für das Elixier zu finden. Erstmal werde das Lebensalter für alle auf 120 raufgesetzt. Danach folge die Abschaltung und nach Linksversetzung um eine Zentelsekunde in die Zeit, damit das Gedränge auf der Erde unter dem Himmel nicht zu groß werde. Kirchen wurden gebaut ohne Ende, die anderen ehemaligen Heiligtümer wurden abgerissen und als Unterbau für Straßen zu sinnvollen Orten geschreddert. Diese Orte waren Universitäten, denn die Welt hatte sich nun vieler ungebildeter Analphabeten zu widmen. Und zwar ab heute an ernsthaft. Die Analphabeten, es sind auch welche drunter, die lesen können, lernten nun alle Griechisch, Latein und Deutsch – letzteres in sächsischem Dialekt, weil es eben die Hauskreise gewesen waren, welche mit ihren Lobpreisliedern die Sache kurz vor der Katastrophe noch gerettet hatten. Deshalb dieses Zugeständnis zum Dialekt in Deutsch – Sächsisch.

Glaube als Heimat war also belobigt worden. Von höchster Stelle – und belobigte nun uns. Es gab keine Parlamente mehr, sondern die Entscheidung der Politik vollzog sich basisdemokratisch in einem immerwährenden Plebiszit, das unter der Lenkung eines greisen Monarchenquartets (das Qudriarchat) von Vertretern aus den Familien der Habsburger, Romanows und natürlich der Hohenzollern und Wittelsbacher perennierend repräsentierte. Starb einer dieser Leute nach 120 Jahren, wurde die Stelle aufgefüllt. Die Katholiken hatten die getrennten Brüder und Schwestern aus Wittenberg und London wieder in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen. Ja, – man hatte ein großes interkonfessionelles Mahl gefeiert (unter beider Gestalt – versteht sich) und die Posaunenchöre aller Herren Länder hatten dazu fröhlich aufgespielt. Zur Wirtschaft soll ich auch noch was sagen? Jeder hat seine eigene Taschenlampe, auch im hintersten Dornenkral und im allerniedrigsten Iglu brennt das Licht und verlischt nicht. Jeder hat seine AR15 dicht bei. Und alle fahren E-bike. Die Gefängnisse sind leer, denn das sexuelle Verlangen der Männer ist befriedigt. Das war überhaupt mit das Beste an der Sache mit dem Messias. Die Sehnsucht war weg, die Angst keinen hoch zu kriegen, die Furcht abgelehnt zu werden und die Scham, nicht schön genug zu sein für irgend so einen Dorftrottel. Letzteres besonders für die Frauen eben … Das war schon ein Riesenproblem gewesen. Jeder saß nun unter ihrem Feigenbaum und ließ es sich gut gehen. Romé, Bridge, Doppelkopf, Scrabble usw. Man unternahm ausgedehnte Reisen in die Vergangenheit, um die vielen bösen Dinge zu heilen, die da ganz fraglos passiert waren. Etwa die Sache mit dem Braunauer Schickelgruber und wie ihn die Professoren der Kunstakademie in Wien nicht haben studieren lassen wollen, weil er eben so grottig malte. Man verkleidete sich etwa in den Rubens, sagen wir mal Rubens oder Dürer oder Cranach, reiste in das sattsam bekannte abgefuckte Männerheim von ehedem, nahm sich den adoleszenten Adolf in einen Traum mit und brachte ihm dort das Malen bei. Dann lancierte man ein Date mit dem Professor Eduard Ameseder am Schillerplatz. Damit war der zweite Weltkrieg nun völlig überflüssig geworden. Die Geschichte nahm einen anderen Lauf, – mit solchen Spielereien brachte man also seine Zeit zu. Nicht schlecht, was? Wohin würden Sie hinreisen, was würden Sie machen? Jesus ist im Augenblick übrigens wieder weg, denn er macht dieses gläsernste aller Spiele mit und ist unterwegs zu Luzifer, wegen dessen damaliger Ablehnung der Schöpfung als Lichtengel. Das nur nebenbei. Viel wäre noch zu berichten, aber Ihr erlebt es ja selber.

Ich will nur noch kurz von der Bootsfahrt auf der Elbe berichten, die als kleine Dankesgabe von „Glaube als Heimat“ den wackersten Disputanten des Online-Forums zu Teil geworden war. Eine Dampferfahrt mit der Weißen Flotte von Magdeburg bis Dresden und darüber hinaus nach Prag, wo Karl der IV. sein Edelsteinzimmer wieder bezogen hat. Obwohl Wenzel dem Přemyslidengeschlecht entstammt, ehren ihn die Quadrarchen sehr und besuchen ihn manchmal auf dem Hradschin. Da soll es für uns auch eine Audienz geben. Wenzel ist der derzeitige Papst, denn Rom wurde nach Prag verlegt, nachdem die Italiener die Mauern ihres Gottesstaates in den letzten Tagen der alten Zeit geschleift hatten, und der Petersdom mit der Engelsburg dem Erdboden gleich gemacht worden waren. Ja, – das ist ein überaus trauriges Kapitel, über das an anderer Stelle einmal berichtet werden soll. Aber in Prag ist jetzt Rom. Nach Wittenberg wollte man nicht gehen, weil da erst eine Neubesiedlung mit Menschen passieren müsste, was aber dauern wird. Übrigens, die Migrantenströme haben sofort aufgehört, nachdem jeder das bedingungslose Höchsteinkommen erhalten hatte, und dieser kluge Schachzug der Quadrarchie medienwirksam bis in die allerletzte Höhle des Kaukasus gefunkt worden war. Und die Europäer sind jetzt übrigens wieder unterwegs als Touristen bis nach Ägypten und Somalia. Die Neuschwansteinschlösser sind also fast leer. Man kann sich dort in Ruhe und in Hausschuhen alles ohne Gedränge betrachten.

Also, wir sind auf dem Elbedampfer unterwegs zum Hradschin. Es ist eine Belobigungsfahrt für mich, den Leser, Frau Britta, Gert Flessing, der uns immer Köstlichkeiten aus der Bibel vorliest, weil er denselben Vornamen hat wie Gert Westphal. Britta lehnt, im weißen Kleid, vorne am Pier und rezitiert in den Zeiten, wo Flessing pausiert, den Homer, die klassischen Verse des großen Epos´, in dem uns schon seit 2.800 Jahren vom klugen Sieg der Abendländer über das Morgenland so einprägsam berichtet wird. Der charmante Alexios Garotman hält sich auffallend oft in ihrer Nähe auf. Gibt es da was zwischen den beiden? Peter Uhrmacher hat irgendwann vergessen seine alte Henlein aufzuziehen. Zeitlos schaut er aus seiner Rudolfsteinarbrille auf das Wellenspiel der Elbe und summt dazu die Moldau von Antonin Dvorak – ach nein, von Bedrich Smetana ist die ja … Der Beobachter beobachtet den Kapitän genau, das ist der Redakteuer der Zeitung, die uns und sich selbst dieses Happening sponsert. Er schreibt sich hin und wieder etwas in ein kleines Octavheft. Will wahrscheinlich sein Reisetagebuch veröffentlichen, nehme ich an. Immer mal wieder ruft es vom Oberdeck: „He Leute, wenn Ihr nicht solche Sachen geschrieben hättet, wäre diese Zeitung so richtig im Arsch gewesen!“ Dann lacht er, lässt die Schiffssirene heulen, was sich hier unten im Elbsandsteingebirge sehr gut macht (Echo und so) und die Fahrt geht weiter. Die Hauskreisleute sitzen achtern und singen ihre Lobpreislieder – besonders oft den alten Gassenhauer: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt!“ Das passt.

Am Strand hat man große Erinnungsplakate aufgestellt, von denen man ablesen kann, was in den letzten Jahren vor der Ankunft Moischiachs geschehen war. Nachdem diese Invasion von den Planeten jenseits des äußeren Asteroidengürtels über uns hereingebrochen war, hatte man zuerst gedacht, man könne das Problem einfach wegdenken. Also durch Denken in bestimmter Art und Weise, die Dinge ungeschehen machen. Dieser durchaus intelligente Plan ging aber nicht auf. Der deutsche Idealismus in seiner Theorie, dass das Bewusstsein das Sein bestimmen könne, war ja schon öfter harsch widerlegt worden, jetzt aber dann so richtig. Mein lieber Schwan, – als die Aliens ihre Prisantokel in Stellung brachten und sich zu fratigenen Ochlomutantenklastern organisierten und die ersten Kirchengebäude plötzlich traxogene Pyramiden geworden waren, da endlich merkte auch der letzte Träumer, wohin der Hase lief. Die Hauskreise erhöhten die Frequenz ihrer Lobpreiseinheiten, und es half schon mal – aber eben nicht wirklich richtig viel. Erst als man einige Köpfe auf leitender Ebene hier und da in die Bücherkammern zu Fortbildungen schickte und andere Köpfe denken, singen und sagen ließ, wurde es anders. Moischiach kam – und der Spuk hatte sofort ein Ende. Die Aliens fielen in Scharen nieder und fragten, ob sie sich bekehren müssten. Man sagte Ihnen, dass sie gar nichts müssten, sondern alles dürften, wenn ihnen auch nicht alles frommen würde. Ab diesem Moment ging ein großes Aufatmen um den Erdball. Die Aliens warfen sich in ihre Raumgleiter und rauschten wieder ab – irgendwohin in den Winkel des Sternennebels der Oxymetriden. Manche bleiben allerdings auch hier. Ihr erkennt diese Wesen an ihrem erlösten Lächeln.

Ich sehe gerade den Leser, er nuppelt die ganze Zeit an einem HaSSeröder herum und schaut dabei traurig in die Wellen. Wir sind schon längst auf der Moldau und fahren gerade unter der Karlsbrücke durch. Ich spreche ihn an und versuche, ihn aufzumuntern. Sage etwa: „He, – Kopf hoch, Alter. Es ist nun vorbei!“ Er: „Aber es war doch so schlimm, und fast wäre es alles schief gegangen!“ Er kann nicht loslassen … Hat eben zu viel erlebt und ist völlig traumatisiert. Ich frage ihn, wohin er denn demnächst in die Vergangenheit reisen wolle, um ein Stückchen derselben heilen zu helfen. Er sagt: „Ich fahre ins Kirchenamt der EKD. Wie der Blitz!“ Ich: „Da sind doch schon die anderen alle. Willst du (denn wir sind per Du) dort noch mehr durcheinanderbringen?“ Er: „Was sonst?“ Ich: „Stichwort Konfirmandenunterricht!“ Er: „Und?“ Ich: „Denk mal nach!“ Da geht ein Leuchten über sein Antlitz. Er gießt den Rest des HaSSeröders in die Moldau und scheint nun zu wissen, worauf es ankommt.

Jetzt sind wir schon an Land: Britta springt mit viel Grazie ans Ufer und wird dort sofort von einigen hilfreichen Nachfahren des Jan Huss, auf´s Allermanierlichste bewillkommnet. Und ich muss mal sagen, – die alten Prager eben. Alexios Garotman streicht in ihrer Nähe herum – aber die Art des Trapezuntiners verblasst vor der böhmischen Eleganz der jungen Hafenarbeiter, die alle aussehen wir Karel Gott, deutlich. Da muss er fertig werden mit. Peter Uhrmacher ist schon zur großen astronomischen Uhr am Rathaus in die Altstadt unterwegs und ich werde heute mal wieder zu Rabbi Löw s Synagoge und dem Golem gucken. Den Leser sehe ich grade noch im „U Zlateho Tygra“ verschwinden, der Redakteur telefoniert irgendwohin – wo aber ist der Beobachter? Ach da hinten. Er plaudert mit Jesus, der ein paar bunte Luftballons erworben hat und sie an Kinder verschenkt. Ich muss den Messias bei nächster Gelegenheit einmal fragen, ob auch er dieses Mindesteinkommen – ich meine Höchsteinkommen – bezieht … Und woher das viele Geld eigentlich kommt. Was da verteilt wird ist nämlich reines Gold. Wahrscheinlich stammt es von tief unten aus den Schächten des CERN. Da kommt das her! Die machen aus Blei Gold. Mit einfachen Strahlen. Ja, – die Schweizer können so was!

Matthias Schollmeyers Beitrag zu http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2016/07/26/turkei-erdogan-und-der-grus-der-muslimbruder/#comment-51734

Reden Reden Reden …


Heute am 30. Juli begeht die Kirche den Tag des Heiligen Chrysologos. Chrysologos heißt übersetzt Goldwort. Goldwort war bis 450 in Ravenna Bischof und einer der alten Kirchenlehrer. Und morgen, am 31.Juli, ist der Tag des Ignatius von Loyola. Der Mann kümmerte sich jenseits der Alpen in der Reformationszeit bis 1556 um die Erneuerung der Kirche. Die Jesuiten z.B., das ist wohl die intellektuelle Elite der Christenheit, gehen auf sein Konto, und einige spezielle Übungen verdanken wir ihm und seiner tiefen Kenntnis der menschlichen Seele und der Kunst, dieselbe zu bilden und zu lenken. Chrysologos und Ignatius sind nur zwei Lehrer der Kirche gewesen. Jeder von uns kennt auch noch andere. Martin Luther zum Beispiel, – um nur einen zu nennen. Auch er hat viel bewirkt. Frage: Wie geht das? Antwort: Immer wenn einer ehrlich versucht, das Steuer im guten Sinne herum zu reißen, kommt die Welt ein Stück voran auf dem richtigen Weg. Das Steuerrad der Kirchenlehrer (es gibt auch einige Lehrerinnen!) war und bleibt hauptsächlich das Wort. Das geschriebene, das gesprochene und das gebetete. In dieser Hinsicht sind die Kirchenlehrer immer dem Beispiel gefolgt, das Jesus Christus in der Bibel gegeben hat. Er redet, redet und redet – und es ändert sich doch etwas. Wir sollten nicht aufhören miteinander zu reden. Mit goldenen Worten, klugen Worten und wahren Worten. 

Tariq kam nach Deutschland

Tariq kam nach Deutschland. Er hatte eine lange Odyssee hinter sich. Über Syrien und Kurdistan, Türkei und Griechenland kam er nach Deutschland. Wenn nicht hier, dann Schweden, sagte er sich. Aber warum? Weil hier das Leben gut ist. Natürlich. Allah will, dass alle seine Geschöpfe in einem Guten Leben leben.  Aber hier ist Freiheit, die zum Leben nicht gut ist. Die entspricht zwar in seltsamer Weise dem Guten Leben, ist aber für das Leben nicht gut. Wie Allah die Freiheit verboten hat. Es entspricht der Ordnung und der Würde der Frau, dass sie freiwillig zum Schleier greift. Freiheit geht nur als freiwillige Unterordnung unter die Ordnung. Freiheit des Westens und Demokratie verbinden sich nicht mit der Ordnung und der Würde der Frau. Das ist ein Widerspruch, den man lösen muß, wusste Tariq. –

Er wollte seine Familie nachkommen lassen, soviel war sicher. Nicht wegen der Freiheit in Deutschland (oder Schweden), sondern wegen des Guten Lebens. Familienzusammenhalt ist ein Gebot Gottes, wusste Tariq. So wollte er seine Familien nachkommen lassen. Aber sie, seine Leute, würden die Freiheit sehen und die Gottlosigkeit der Abendländer, Deutschen oder Schweden. Ihre Sittenlosigkeit. Da kommt ein Widerspruch auf, wusste Tariq. Den muß man lösen, sonst kann man nicht leben im Guten Leben. Gott hat das Gute Leben den Abendländern geschenkt. Damit eine Welt vorbereitet ist, die uns, den Rechtgläubigen, übergeben werden wird. Die Ungläubigen, deren Häuser zerstört werden müssen, wie wir in der Redewendung sagen, weil Allah es so will, haben für uns eine vorbereitende Funktion. Das war schon mal so, als wir vor Wien standen. Damals waren die Ungläubigen halsstarrig und haben uns nicht hereingelassen. Ach, wusste Tariq, wenn das damals gelungen wäre – wie weit könnten wir heute sein! Diese Halsstarrigkeit!

Aber jetzt sehen die Dinge anders aus. Jetzt ist in der Welt klar, was Allahs Wille ist. Wußte Tariq. Nur diese Halsstarrigkeit der Ungläubigen …!

Er ging zum Bahnhof, wo er seine Familie erwartete. Schaute auf die Normaluhr. Gleich … – Da platzte die Bombe. Es war ein Landsmann von Tariq, der seinen Rucksack zündete. Ein großer Nagel flog. Und zerschlug ihm, Tariq, die Schulter. Siebzehn Sekunden blieben Tariq. Um zu überlegen, warum in der schönen Welt der Abendländer das Gute Leben immer wieder gestört wird. Diese Halsstarrigkeit der Ungläu … Dann kam die Bewusstlosigkeit.

Im Johanniterkrankenhaus der Stadt erwachte er. Eine Schwester von der Bahnhofsmission hatte ihn an den Füßen aus der Gefahrenzone gezogen und die starke Blutung gestillt. Im Krankenhaus bekam er Blutkonserven. Die Konserven hatten keine Religion. Sie waren weder gläubig noch ungläubig.

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

die Erfindung Luthers aus dem Geist der Reformation

Erich Przywara, ich weiß, der Name lässt sich nicht für alle problemlos aussprechen, hatte sein Gesuch nach Versetzung in die Hölle eingereicht. Ein Engel der fünften Hierarchie war damit beauftragt worden, den Fall zu erledigen. Das im Folgenden aufgeführte Gespräch hat sich so tatsächlich zugetragen:

Engel: Herr Przywara, warum wollen Sie denn fort?
Przywara: Ich glaube, hier schon alles gesehen zu haben.
Engel: Aber der Himmel ist größer als Sie denken, eigentlich wissen Sie das doch auch?
Przywara: Ja, – aber die Apokatastasis findet nicht statt. Damit bin ich nicht zufrieden. Und – ich bin schon lange hier.
Engel: Und da wollen Sie nach vierzig Jahren nun gleich in die Hölle?
Przywara: … haben Sie eine andere Idee?
Engel: Sie könnten ja weiter die Primzahlen studieren ab den Mersenneschen von 2_57.885.161−1 _wird es richtig interessant.
Przywara: Nö, – ich möchte in die Hölle, damit die Apokatastasis angebahnt werden kann.
Engel: Das aber haben schon ganz andere als Sie versucht zu beschleunigen … Origenes, Kusanus z.B. – aber seit der Luther dort unten ist, tut sich nix mehr in diese Richtung.
Przywara: Meine Geheimwaffe kennt dieser Ketzer noch gar nicht. Die alte A.E. habe ich hier oben spezifiziert und überarbeitet.
Engel: Sie meinen die Analogia Entis?
Przywara: Genau. Die neue Version verhält sich zur alten, seinerzeit nur irdischen, Variante etwa so wie die Wasserstoffbombe zum Faustkeil.
Engel: Klingt interessant. Was haben sie denn verändert?
Przywara: Die Dichtungen sind stabiler geworden. Es kann keine Ähnlichkeit mehr entweichen und keine Unähnlichkeit mehr eindringen. Es ist jetzt so, dass immer mehr Unähnlichkeit entweicht – dagegen aber die Reste der Ähnlichkeit zusätzlich durch die feinen Äonenfilter aus Engelshaar diffundieren können.
Engel: Wie haben Sie denn das hinbekommen?
Przywara: Man darf im Umfeld der Haarfilter einfach bestimmte Sachen nur langsam aussprechen, andere hinwieder sehr schnell. Zusätzlich haben wir ein paar neue Begriffe eingeführt, die logisch undzweideutige Mehrdeutigkeiten generieren. Beim Versuch, dieselben im schlechten Sinne zu verstehen, lösen sich die Unähnlichkeiten sofort auf. Beim Versuch, sie positiv im Sinne der Recapitulatio zu begreifen, generiert sich aus dem Nullvakuum eine Mehrheit an Sinn, die die Waage nach oben schnellen lässt. Der berühmte Finger Gabriels, das kennen Sie ja.
Engel: Schnellen – ist das nicht gefährlich?
Przywara: Ich habe übertrieben: Steigen ist der angemessenere Begriff.
Engel: Kompliment. Was sagt Alter dazu?
Przywara: Er hat genickt.
Engel: Na – dann gute Reise. Da wir aber nicht wissen, ob das Ganze klappt, und Sie da unten selig wieder rauskommen, müssen wir noch ein paar Formalitäten klären, Herr Przywara.
Przywara: Die wären?
Engel: Hier ist ein Fragebogen entwickelt worden. Qualitätsmanagement. Das lässt sich nun nicht vermeiden. Setzen Sie sich doch bitte neben mich auf diese Wolke, es dauert nur ca. 45 Minuten. Sie können ankreuzen von 0 für JA AUF JEDEN FALL bis 7 UNTER KEINEN UMSTÄNDEN. Der Fragebogen ist völlig anonymisiert, sobald Sie ihn mit mir durchgenommen haben und ich Ihre Daten im Anschluss in unser Programm e-celöstis 2.0 eingepflegt habe, haue ich mir auf die Nasenwurzel und vergesse das Ganze ganz schnell wieder. Ich bin ja – wie Sie wissen – der „Engel des guten Vergessens“. Anselm Grün hat mich so genannt.
Przywara: Alles klar, fangen wir an.
Engel: Erste Frage „Meine Arbeit erfordert es, schnell zu arbeiten“ Null bis Sieben. Was meinen Sie, Herr Przywara?
Przywara: Gar nicht. Denker denken langsam, sonst ist es ja kein Denken. Und hier oben ist ja eine Ewigkeit Zeit. Sieben. Oder was? Wie war das noch mal?
Engel: Sieben. Zweite Frage: „Meine Arbeit überfordert mich stark“ Null bis Sieben.
Przywara: Saudumme Frage, was soll das sein, Überforderung?

… Während nun der Engel des Vergessens mit dem Vater der Superwaffe Analogia Entis 2.0 den Fragebogen durchnimmt, erläutere ich kurz den Ausgang der Geschichte, denn ich habe nicht soviel Zeit, mich 45 Jahre lang mit dem Fragebogen des himmlischen Qualitätsmanagements zu befassen. Also – Erich Przywara wird tatsächlich aus dem Himmel entlassen, mit einem Transitvisum durch die sieben Spähren hinab bis in den neunten Höllenkreis. Dort wird er durch geschickte Worte und Äquivocationen das Eis zum Schmelzen bringen. Die Sünder Judas, Brutus und Cassius kommen frei und schwimmen auf dem getauten Wasser empor. Sie bekennen ihre Sünden, ihnen wird Vergebung zu Teil. Sie erhalten Zutritt zu den Himmlischen Gefilden und werden mit der Pflege der Stammdaten der im Himmel aufgenommenen Seelen beauftragt. Sie evaluieren die Engel von hinten und vorn. Diese Aufgabe versehen sie sehr gewissenhaft. Sie bereiten die Übernahme der höllischen Abgründe in den Himmel und deren Überleitung in ein Erlebnisparkcenter vor.

Przywara für seinen Teil bleibt vorerst unten im Inferno. Er sucht den Ketzer Luther, der nicht mit aufgedrungen ist. Dabei dringt der Jesuit bis in die entlegensten Gefilde der höllischen Sphären vor und sammelt die letzten Unähnlichkeiten von der Unendlichkeitsmembran ab. Er haucht sie an und es werden zur Ehre Gottes kleine Unsichtbarerchen daraus, die sofort zu frohlocken beginnen. In pentatonischer Weise. Es klingt und dringt überall durch. Und zwar – das ist bemerkenswert. Die Unsichtbarerchen singen: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ In stark amerikanisiertem Englisch. Von Luther weit und breit keine Spur. Aber keine Angst: Bruder Przywara wird ihn schon auffinden. Notfalls sogar neu erfinden. Denn – die Jesuiten sind schlaue Leute …

der Tritt auf die Sichel

Navid Kermani hat sein neues Buch UNGLÄUBIGES STAUNEN. ÜBER DAS CHRISTENTUM genannt. Bin dabei, die 303 Seiten zu lesen. Und ich merke, nach jedem umgedrehten Blatt mehr, wie ich dasjenige, was ich selber bisher für Christentum halte, mit einem anderen, noch vieldeutigerem Titel plakatieren müsste.
UNGLAUBLICHES STAUNEN VOR DEM CHRISTENTUM hieße mein eigenes Büchlein. Vielleicht elf Seiten stark. Geschrieben ohne jenen läppischen und konstruierten Hohn, verpflichtet nur den Fakten und dem Ernst als Indikator notwendiger Redlichkeit 2000 Jahren Christentum gegenüber.
Zwischen „ungläubig“ und „unglaublich“ waltet nun bekanntlich ein großer Unterschied. Der ist so groß wie die Kluft zwischen Abrahams Schoß und der Hölle. Das Schöne am Christentum ist ja bekanntlich, dass man nicht Christ sein muss, um diese friedliche Religion sofort zu begreifen. Nach dem Begriffenhaben ungläubig bleiben? Unmöglich. Das Schwierige am Christentum ist aber, dass es eher hinderlich ist zu den Kindern Ismaels zu zählen – dann gehen weite Strecken der Sinnzusammenhänge eo ipso verloren. Beides, kein Christ sein und Moslemsein, schließen sich zwar nicht aus, denn so Vieles ist auf dieser runden Welt (un)möglich. Was ist da zu machen?

KOPFSCHÜTTELNDE BETRETENHEIT. ÜBER DEN ISLAM könnte ein anderes Buch heißen. Aber dazu müsste der fiktive Autor solchen fiktiven Buches sich wohl erst das Werk Mohammeds zu Gemüte führen. Wer hat soviel Zeit, es sei denn, man stammt ohnehin religiös aus morgenländischen Zirkeln ab, egal ob das nun Pech, Glück oder einfach so ist. Sei es, wie es sei … Es gibt bessere Bücher, als das hiermit noch ganz unzureichend besprochene von Kermani.

Die abendländische Madonna steht weiterhin auf dem Halbmond. Hier im Bild in Falkenstein St. Sebastian ist es sogar der Vollmond. Und unsere liebe Frau zertritt dabei den Kopf der hinterlistigen falschen Schlange. An dieser ikonographischen Besonderheit gibt es nichts zu deuteln. Die Realität sieht freilich noch ganz anders aus – wie wir bedauernd zur Kenntnis nehmen müssen …

wenn Der Hintergrund Zum Vordergrund Wird


In Zeiten des Umbruchs wird zuweilen der Hintergrund wichtiger als der pVordergrund. Das aus dem Hintergrund Wirkende wird in seiner Vordergründigkeit urplötzlich bewusst. Einer spricht es aus, ein anderer nagelt Thesen an das Tor. Und dann geht es los. Man merkt, das man aus dem Hintergrund gesteuert wurde. Man macht nicht mehr mit – und wird davon frei. Das sind die großen Erkenntnisse besonderer Art. Auch die Reformationszeit hat sich an Hintergrundaufdeckungen aus dem Morast emporgezogen. Die Entlarvung der Angstpopanze, die Reduzierung auf wesentliche Prinzipien, die Aufkündigung der Papsthörigkeit und eine neue Variante, den gnädigen Gott tatsächlich gnädig gestimmt zu denken, kamen ins Gespräch. Die Frömmigkeit erhielt einen neuen Hintergrund, vor dem das alte Stück ganz neu und überzeugender wirkte. 

150 Jahre später ist der dreißigjährige Krieg vorüber. Mitteldeutschland ist zerstört, die Kirchen wüst, die Bilder gestohlen oder verschwunden. Man malt neue und orientiert sich in unseren Breiten an Cranach und den übrig gebliebenen erhaltenen Exemplaren verschiedener Abendmahlsdarstellungen. Aber die Bildhintergründe sind nicht mehr die der italienischen Renaissance und der Fröhlichkeit der lustvollen Phantasie. Die lutherische Orthodoxie will es anders. Der düstere Existentialismus meldet sich bereits in den neuen Bild-Hintergründen zu Wort. Im Zallmsdorfer Altarbild (Maler bisher unbekannt) blicken wir auf ein blutrotes Tischtuch. Und der Blick aus dem Fenster geht auf ein Dreieck, das die Abwesenheit Gottes ahnen lässt. Im Dreieinigkeitsdreieck der schwarze Kreis. Das Auge der Unendlichkeit – lange bevor Nietzsche seine kranken Verse findet, ist dieses Auge hier schon gemalt. Und der Judas? Nicht wahr – der guckt sehr speziell … Auch heute brauchen wir neue Hintergründe. Damit das Stück weiter gehen kann.