Versuch über die Auferstehung im Leben durch Erkennen

Die Verlegung des Nestes zurück in den geschützten mütterlichen Körper, wie er bei den Säugetieren zu beobachten ist, blieb nicht der einzige genialische Kunstgriff der sogenannten Natur, der es um die Installation ihrer eigenen Unsterblichkeit ging – mitten im brodelnden Reiche des Chaos´ und zugleich jenseits dessen, was sich nicht in Form halten konnte. Viel bedeutsamer war nämlich dann noch dies: Die Verlegung der gesamten Natur selbst in ein spezielles Refugium – in das menschliche Gehirn als einer Art Parallelnatur. Indem sich dort das Ganze noch einmal widerspiegelte und wieder und immer wieder spiegelte, wurde der Mensch zur Zeugungs- und Geburtsstätte der wirklich neuen Welt, einer Welt, die relativ unabhängig bleiben konnte von Temperatursprüngen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten. In den Gedanken ist ja bekanntlich fast alles möglich. Die Gedanken sind frei. Und in ihnen sprengte die Natur das starre Gefängnis, das die ersten fünf Schöpfungstage ihr anfänglich gesetzt hatten.

Noch ist die Frage nicht geklärt, wie aber diese Geisteswelt der Hirne das kurze Dauern der hirntragenden Individuen überstehen wird. Sind es zuerst nur institutionelle Formationen wie Religionen, Akademien und philosophische Schulen, die die Hirninhalte perennieren und für die nachfolgenden Generationen in Büchern und Speichern weiter vorhalten, wenn die Hirnbesitzer längst wieder Staub und Asche geworden, muss es wohl eines Tages doch gelingen, jedes einzelne Wesen, das irgendwann wirklich qualifiziert gedacht hat, als komplizierten Schwingkreis dem Allgesang der Sphären wieder zu vereinen, – was in etwa auf die Auferstehung der Toten hinauslaufen würde, um einen Begriff an dieser Stelle ins Rennen zu werfen, der nicht der schlechteste ist – weil alle sofort wissen, was damit gemeint.

Wenn ich die Welt nicht haben kann, lasse ich die Welt mich haben. Ich öffne Ohren, Augen, Nase und Mund und biete meine Haut dar. Da fraß mich die Welt und drang in mich ein. Sie nahm mich hin – und ich ließ mich nehmen. Aber dann – und das ist der Trick. In mir bildete (s)ich ein perfektes Abbild dieser Welt, die mich überrannt hatte. So bildete ich mich in ihr ab, weil ich ja ein Teil ihrer bin und noch mehr ward, da sie in mich eingedrungen war.
Es muss eine Korrespondenz geben zwischen dem Bild der Welt in mir und der Welt selbst außerhalb von mir. Sollte ich einmal nicht mehr sein – was spätestens in 47 Jahren geschehen sein wird – ist immer noch die Relation eines Gewesenen zu etwas, was noch ist.

Henry Bergson soll sowas Ähnliches schon mal ausführlich gesagt haben. Die Erkenntnis ist nicht nur in dem Hirn des Menschen. Sondern, – sie ist in den Dingen, die erkannt worden sind. So also arbeitet der erkennende Mensch beim und durch den Prozess des Erkennens an seiner Verunsterblichung. Er ersteht bereits zu Lebzeiten in den Dingen auf. Und die Dinge sind nicht das Grab, sondern die Schwelle, an der Maria Magdalena ihren Namen hört … Von hierher gewinnt die alte Gnosis neue Bedeutung. Sicher ist sie auch damals schon zu Unrecht verdammt worden.

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Die Josephsgeschichte – Schluss

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4. Akt.

Wenn Krise ist und es dem Staat trotzdem gut geht – kommen die Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge

Joseph fährt in seinem Dienstwagen, um die Vorratshäuser zu kontrollieren und die Abgabe von Korn. Es ist ja schon eine geraume Zeit „Schlechte Zeit“. Sein Blick schweift über die Aufseher, die ankommenden Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge, über die oft korrupten ägyptischen Beam…. – — !!

„Das sind sie! Es sind nicht nur die Kanaanäer mit ihren unmodernen Mänteln (der Nationaltracht, wie wir sie damals trugen) … – Es sind tatsächlich meine Brüder!“ Schock! Alles kommt hoch. Im Moment des Erkennens. Und es stellt sich eine bleierne Hilflosigkeit ein. „Zwei Seelen wohnten – ach – in seiner Brust …“ Kitsch. Aber es stimmte. Das kommt es wieder zurück in seine Seele, was nicht vergessen, aber doch verschüttet war. Wie sie ihn damals am Brunnen zusammengeschlagen hatten. Dann ins Loch geworfen. Dann an die Sklavenkarawane verkauft. Das kann man nicht vergessen. Nie im Leben. Das sitzt zu tief.

Und dann setzt sich da andere Wissen davon ab. Das Leben ist anders gelaufen. Die Linie, die seine Brüder zeichnen wollten, die war da. Und doch bestimmte sie das Leben nicht ganz und gar. „Meine Brüder wollten es schlecht machen mit meinem Schicksal …“. Aber Gott legte eine ganz andere Linie darüber. Die dominierte. Es ist alles so lange her. Das Alte. Das Böse. Aber es ist die alte Welt, die für mich vorbei ist. Vorbei! Es gibt keine Bindungen mehr an das Alte. Es siegt die Linie, die Gott zeichnet im Leben. Nicht die Striche, die Menschen ziehen.

Das war das, was Joseph wußte. Und es geht ihm alles durch den Kopf in der Sekunde des Erkennens der Brüder, die die Sekunde der Verblüffung ist. Verblüffung macht die bleierne Hilflosigkeit. Da ist nun noch der immer noch vorhanden Zorn auf die Brüder. Wie stark aber(?). Er kann es nicht sagen – und nicht beherrschen. Weiß aber eins: Muß die Brüder aushorchen und dann (immer noch unerkannt) versorgen und (immer noch unerkannt) wieder abziehen lassen. Am besten aushorchen lassen. Dann erfährt er alles. Was Benjamin macht. Der ja nicht mit ist auf Reisen. Ob der alte Vater Jakob noch lebt. Etc. Und das reicht dann. Dann sollte er sie in Frieden ziehen lassen. Eine Offenbarung den Brüdern gegenüber ist so unsinnig wie … – na, ich weiß nicht. Es verbindet ihn nichts mit der alten Welt seiner Kindheit mehr. Und Rache ist vielleicht immer irgendwie – wie man so sagt – süüüß. Aber gleichermaßen unsinnig. Rache ist ein müßiges Beharren in alten Dingen, die keine Geltung mehr haben. Unproduktiv, unintelligent.

Das weiß er. Das alles geht durch seinen Kopf, und in diesen bleiernen Momenten kann er sich nicht entscheiden. Vor allem nicht dazu durchringen, die Brüder nach dem Aushorchen schnell abziehen zu lassen. So prolongiert er. Wissen wir. Erst müssen sie um der Nachweise ihrer Aussagen willen nach Kanaan zurück. Benjamin bringen etc. Dann die Sache mit dem Kelch, den er in das Gepäck der Brüder schmuggeln läßt. Joseph prolongiert. Weil er sich nicht zu einer endgültigen Beendigung seiner Bindungen ans Alte durchringen kann. Da hat etwas mit dem Glauben zu tun. Der Glaube kann dazu verhelfen, daß der Mensch ohne große Seelenschmerzen seine Geschichte „beenden“, bewältigen kann. Daß er Schluß machen kann, wo Schluß zu machen ist. Aber dieser Glaube ist nicht immer da oder nicht immer stark genug. Joseph spielt und prolongiert bis er nicht mehr kann – und explodiert. Da gibt er sich den Brüdern zu erkennen, und die Josephsgeschichte ist aus.

Es kommt noch was, das klappt nach. Jakob kommt und wird dem Pharao vorgestellt. Bekommt das Ägyptische Verdienstkreuz angeheftet.

Unser Predigttext am 4. nach Trinitatis klappt auch nach. Nach dem Tode Jakobs ängstigen sich die Brüder. Jetzt könnte die Zeit der Rache kommen. Sie trauen dem Frieden nicht, der sich eingestellt hatte. Sie wissen nicht, daß eigentlich nicht Menschen den Frieden machen, der sich einstellt. Sondern, daß der Frieden, wenn er kommt, das Ergebnis eines Erkennens ist. Das wissen sie nicht. Deshalb kommt die angstvolle Verunsicherung. Das Erkennen aber ist, daß nicht die Linien, die Striche, die die Menschen in mein Leben hinein zeichnen wollen, mein Leben bestimmen. Frieden kann ich nur finden, wenn ich weiß, daß die Linie Gottes alles andere dominiert.

 

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

Die Josephsgeschichte Teil 3

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3. Akt.

Von der geheimnis- und gnadenvollen Nutzung der Gaben Gottes

Nun wird er im Gefängnis verfaulen. – Soweit waren wir. – Die Gabe, die besondere, die Fähigkeit, zu sehen, zu analysieren, zu denken, zu prognostizieren, diese Gabe hatte er damals daheim missbraucht und die Brüder damit gedemütigt. Diese Gabe hat er aber einsetzen können in der glücklichen Zeit im Hause Potiphar. Und jetzt im Knast ist alles egal. Wenn der Mensch sich in ungünstigen Umständen befindet, nützen ihm seine Fähigkeiten nichts. Ein Einstein in der Dorfschule – da bleibt er sitzen. So lehrt es das Leben.

Die Lehre des Lebens kann allerdings dominiert werden. Das ist dann allein aufgrund der Gnade Gottes möglich. – Joseph im Gefängnis also. Der Mundschenk kommt. Der Bäcker kommt. Die haben Ängste, sie haben Träume. Joseph wird befragt. Er kann die Kommunikation so bestreiten, daß Wahrheit ans Licht tritt. Die Gabe Josephs ist wirkmächtig. Vielleicht merkt er es gar nicht.

Später, als der Mundschenk schon wieder im Palast ist (begnadigt etc.), hat der Pharao einen Traum. Wir wissen, daß keiner der Räte, Professoren und Priester Ägyptens etwas Wahrheitsträchtiges dazu sagen kann. Oder will? – Der Mundschenk erinnert sich nun an den aussagestarken Analysierer, den er mal im Gefängnis kennengelernt hatte. Den mit der geheimnisvollen Intelligenz. Spricht mit dem Pharao drüber. Der lässt Joseph holen. Joseph, der mit dem Rücken an der Wand steht, kann es sich leisten alles zu sagen. Alles, was richtig, vernünftig, logisch ist. Die anderen, die Klugen des Reiches, die Räte und Professoren, die Priester und Scharlatane hatten Angst, die Wahrheit zu sagen, weil damit etwas verbunden ist. Es ist die praktische Schlussfolgerung, und die lautet bekanntlich: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“ Aber da will keiner ran, denn praktische Politik des praktischen Verzichts ist nie mehrheitsfähig. Joseph kann nichts mehr verlieren. Wer nichts verlieren kann, kann alles sagen. Plötzlich ist das alles gar nicht mehr so schwer. Plötzlich ist Joseph neben dem Pharao der freieste Mann Ägyptens. Das erkennt der Pharao. Er braucht einen freien Mann, der die nächsten Jahre die Geschäfte des Reiches führen wird. Durch die Krisen, die Deflationen, Depressionen.

Und spricht zu Joseph: Gut, und nun bist du Reichkanzler Ägyptens!

Erneuter Aufstieg, wo er nicht möglich ist! Wenn die Erfahrungen von Niederlagen so deutlich sind, daß keine Macht der Welt mehr zu einer Rettung fähig ist, dann kann Gott durch die Gnadengabe, Gnadengaben ausreichend zu nutzen, wieder in die Normallage zurück verhelfen. Raus aus dem Kerker und zurück in die Gesellschaft. Bei Joseph dann noch mehr: An die Spitze des Reiches.

Die Josephsgeschichte Teil 4

4. Akt.

Wenn Krise ist und es dem Staat trotzdem gut geht – kommen die Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge

Joseph fährt in seinem Dienstwagen ….

Die Josephsgeschichte Teil 2

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2. Akt.

Der Begabte kommt an, gewinnt alles – verliert alles

Also, nun mal ganz nüchtern. Was ist das Schlimmste, das Allerschlimmste? – Wenn die Gestapo oder die Stasi mich fängt und einsperrt, ist das sicher schlimm. Aber das hat eine gewisse Folgerichtigkeit aufgrund der vorhandenen und längst ausgiebig genossenen Gegnerschaft. Jedoch: Wenn ich nach der Wende bestraft werde, indem ich vielleicht meinen Job verliere – weil ich die Zusammenarbeit mit der Stasi damals verweigert habe, ist das etwas anderes. Das ist viel schlimmer. Das mag es je und dann gegeben haben. Joseph ist Vergleichbares passiert. Er ist bestraft worden – nicht, weil er die Sünde getan, sondern, weil er sie verweigert hatte.

Aber von vorn. – Er ist beim Minister Potiphar angekommen. Dann bekommt er alles. Potiphar erkennt Josephs besondere Gabe. Dieser kann und darf nun lernen: Die Hieroglyphen, Ägyptisch … Er wird Büroleiter etc.etc. Die Strafe, die durch die Brüder kam, wurde schönster Lohn. Und er wußte, daß es Gott war, der es so gewendet hatte. Die Strafe, wenngleich maßlos überzogen, hatte er ja zu 49 % verdient. Und es zeigte sich, daß sie keine war. Er, Joseph war in einer Welt angekommen, die er sich immer ersehnt hatte, die für ihn aufgrund seiner sozialen Konditionierung nie irgendwie auch nur annähern greifbar war. Die bekommt er.

Jetzt dreht es sich wieder. Potiphar geht auf Dienstreise. Wissen wir. Die Ehefrau will ihn in der Zeit verführen. Wissen wir. Er weigert sich, sie faßt nach dem Ärmel. Er ruckt sich weg. Der Ärmel bleibt in ihrer Hand… Das Ding dient dann als Beweisstück dafür, daß Joseph ihr an die Wäsche wollte …

Joseph wandert wieder in die Haft. Er wird bestraft für eine Sünde, die er verweigerte! Das kann der Mensch eigentlich nicht verkraften. Die Tat der Brüder schon. Denn die – obgleich grausam überzogen – ist verstehbar. Was jetzt kam, nicht!

Joseph wandert ab in die Haft. Und wer zweimal stürzt, wird sich nicht wieder erheben. Er wird im Knast verfaulen. – Die Bibel ist zu Ende. Müßte sie eigentlich sein. Die Heilsgeschichte auch. – Wenn ich aber nachschlage, sehe ich, daß ich erst auf Seite 44 meiner Bibel bin. Wie kommt das? Da folgen dann noch rund 1350 Seiten. Was da wohl steht?

Geduld es geht weiter! Morgen.

 

(VON DR. BODO SEIDEL – PFARRER IN NIEDERSACHSWERFEN)

Die Josephsgeschichte Teil 1

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Am Ende vergibt Joseph seinen Brüdern. Da ist alles wieder gut. Das freut uns. Denn wir sind christlich. Und Vergebung ist ja auch christlich. Also alles fein. – Wenn es so ist, braucht man die Josephsgeschichte eigentlich nicht. Und es sind derzeit gar viele, die keine Geduld für längere Prosa haben. Trotzdem kann man sich diese Geschichte mal etwas genauer vor Augen führen. Das mit der Vergebung kommt am Ende. Wir fangen mit dem Anfang an.

  1. Akt.

Der Begabte, der sich langweilt.

Es ist tatsächlich so. Die 11 sind alle Dorfjungs. Schon in Ordnung. Aber mehr nicht. So ist es im Leben. Davon geht die Bibel aus. Denen, den 11, reicht das, was sie haben. Lämmerschwänzen hinterherschauen. Bei Joseph ist das anders. Der ist begabt. Phantasie und Geist. Der langweilt sich. Diese Welt ist ihm eigentlich nicht genug. Und dafür kann er nichts. – Dann fängt er an zu spinnen. Und frozzelt. Sieht also im Traum, wie sich die Brüder vor ihm verbeugen etc. Schwätzelt dann rum und verpfeift die Brüder beim Vater, wenn diese mal was heimlich … Bekommt einen Bunten Rock vom Vater. Nun ja, weil er der einzige in der Familie ist, mit dem man was hermachen kann, bekommt er den schicken Fummel und wird zum Nachbarscheich geschickt, wenn dieser Goldene Hochzeit hat. Alle aus der Familie haben nix an Worten im Kopf; wen soll man also schicken? Joseph der Redner, der Spinner hat einige Worte im Kopf. Aber einige zu viel. –  Da fängt er an zu frozzeln, wie wir sagten.

Darauf gibt es die Reaktion der Brüder. Soweit – so gut. Kann man schon mal machen. Witze machen, frozzeln. Nur – wenn man Witze auf Kosten anderer Leute macht, muß man sich bescheiden. Einmal reicht. Bei Joseph zeigt sich wie so oft in der Welt, daß Begabung und Intelligenz nicht immer etwas mit sittlicher Reife und sozialer Klugheit zu tun haben. Einmal hätte gereicht, haben wir gesagt. Er aber begeht die Sünde der Wiederholung (oder ist es Torheit?) Das läßt nun das Maß überlaufen. Die Brüder wollen ihm darauf gleich ans Leben. Der Mensch ist maßlos. Gerade dann, wenn er aus vielleicht gerechtfertigten Gründen strafen will. Das ist schlimm. Und die Brüder sind hier schlimm! Gleich umbringen wollen sie ihn!

Es ist eine Art Zufall, daß das Strafmaß durch die Intervention eines der Brüder heruntergeschraubt wird… Glück gehabt.  – Nein!

Das war Gottes Wille, weil diese soziologisch-psychologische Geschichte eine Gottesgeschichte werden soll. – Ist es übrigens mal aufgefallen, daß in der Josephsgeschichte auffallend wenig von Gott die Rede ist? Nein? Das ist aber gut so, daß es so ist. Denn man soll es auch ohne die Nennung des Namens Gottes merken, daß es sich um die wichtige, ja – für die ganze Heilsgeschichte wichtige Scharnier-Geschichte zwischen der Alten Welt und der Neuen Welt handelt.

Also ab in die Sklaverei. Zunächst.

2. Akt.

Der Begabte kommt an, gewinnt alles – verliert alles

Geduld es geht weiter!

 

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)

Der verlorene Sohn – Lukas 15

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Er wusste nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen sollten. Vieles hatte er schon durchprobiert. Auch Drogen. Und zwischendurch war er sauer auf seinen Bruder. Den Älteren. Der war immer brav. Nein, der war immer dröge. Machte immer, was der Vater sagte. Rebellierte nie. Und wenn er sich langweile, dann fing er an zu arbeiten. Nein, er langweilte sich eigentlich nie. Und ich – ich will raus hier aus diesem Kaff. Das hält´s doch kein Schwein aus. Gut, dass man durch das Erbe abgesichert ist. Man muss es sich nur rausrücken lassen. Ober der Alte wohl mitspielt? Und dann kann man was machen. Im Ausland. Irgendwas.

So geschah´s. Er zog los. Weil der Alte mitspielte und ihm das Geld tatsächlich gab. Nur hatte er mit einer Sache nicht gerechnet. Dass man nämlich wirklich was machen muss mit dem Geld. Ausgeben reicht nicht. – Freunde hatte er schnell. Wo Geld ist, da sind auch Freunde. Wo keins ist, da…

 Diese Erfahrung mußte er bald machen. Sie die „Freunde“ wurden dann auch gleich richtig eklig, als es rauskam, daß es mit dem Geld zu Ende war. Da sollte er dann die Schweine hüten. Das ist doch nichts. Er wollte was machen. Das war doch klar, deswegen war er von zu Hause weg. Jetzt zeigte sich offenkundig, daß der ältere Bruder, dieser Idiot, doch recht hatte. Klein bei klein, Schritt bei Schritt. Spießig, langweilig – und du hältst dein Geld beisammen. So schlimm, so ungerecht ist die Welt, dass dieses Arschloch von Bruder auch noch recht behält.

Nein – ich kehre um. Ich denke um. Der ist kein Arschloch. Ich bin es. Gewesen. Und nun ist es klar, daß die nächste Wegstrecke erst einmal bescheiden verläuft. Und das vielleicht bis ans Ende. Das Erbe ist weg. Und alle Rechte zu Hause auch. Also Knecht. Knechtischer als mein Bruder, der wahrscheinlicher rechter hatte als ich mit seiner spie… – nein, seiner kleinen Art. Was hilfts. Der Vater. Dem vor die Augen treten, so wie es jetzt ist. Das tut weh. Da muß ich durch. Philosophisch ausgedrückt: Das konstituiert mein Dasein ganz neu. Er ist der Herr. Jetzt. Der einmal mein Vater war. Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt keinen Vater mehr.

Also heim auf dem Zahnfleisch. Das Leben muß man bauen, nicht einfach ausgeben. Und ich habe alles vertan.

Perspektivwechsel.

Der Vater, der nicht Herr wird, sondern Vater bleibt:

Da kommt er, der Schlawiner. Ist er. War ich auch. Habe die gleiche Erfahrung gemacht. Der Mensch muß belehrt werden im Leben. Aber er muß auch angenommen sein und bleiben. Hätt´ ich ihm das Weggehen verweigern sollen? Hat faktisch die Hälfte des Familienvermögens gekostet. Das zählt nicht. Was zählt, ist, daß er bleibt, was er immer war und immer sein wird. Der Sohn des Vaters.  Und der wird nie Knecht. Also Willkommensfest. Wie bei der Rückkehr von einer erfolgreichen Dienstreise.

Perspektivwechsel.

Der Bruder, der Brave, der immer Recht hatte und immer Gerechtigkeit liebt.

Da kommt er. Tatsächlich. Der Schlawiner. Der muß jetzt büßen. Der muß einmal gesagt kriegen, was er ist. Jetzt nur kein verantwortungsloses Wischiwaschi. Hat mich Spießer genannt! Ha! Jetzt nenn´ ich ihn Junkie und Penner. Jetzt muß Gerechtigkeit kommen, und da wird man doch sagen dürfen, was die Wahrheit ist. Man muß immer die Wahrheit sagen. Das erfordert doch die Moral. Und man muß auch Moral fordern dürfen. Alle die, die das nicht wollen, sollten unseren Boden verlassen. Denn wer auf unserem Boden steht, der muß auch auf unserem Boden stehen! So isses doch!

Perspektivwechsel.

Der Vater, der nicht Herr wird, sondern Vater bleibt:

Moral ist von Gestern. Moral ist eine Keule, die am Ende niemanden leben läßt. Freuen wir uns doch über das Leben, wo es erhalten bleibt. Zu vieles ersäuft ohnehin – und bleibt nicht am Leben. Die Gerechtigkeit dieser Welt und die Ungerechtigkeit dieser Welt sorgen immer automatisch dafür, daß es Opfer gibt. Ja, auch die Gerechtigkeit. „Klare Kante gegen….“ – so hört sich das dann immer an. Moral weiß immer schnell, daß es ein Dagegen geben muß. Da hat sie Lust dran. Sie liebt Feindbilder. Da ist ein unheilvoller Automatismus in der Welt. – Mein Älterer will harte Gerechtigkeit. Wenn sie mich getroffen hätte damals …

Aber das weiß er nicht. Soll er auch nicht wissen. Und morgen wird´s so sein, daß die harte Moral auch ihm, meinem Ältesten, die Luft zum Leben nehmen kann. (Aber auch das ist schon wieder Moral. Ich weiß! Ich ja auch!) So kann es mal kommen, denn der Mensch weiß nie, was er morgen machen wird, wozu er morgen gezwungen sein wird, verführt sein wird, wozu die Torheit treibt …. – So soll es nicht sein. Das Evangelium will immer Ermöglichung. Leben ist nur mit Ermöglichung, nie mit Verhinderung.

 

(von Dr. Bodo Seidel – Pfarrer in Niedersachswerfen)